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Wird im Rathaus gemobbt?

Langenhagen Wird im Rathaus gemobbt?

Missachtung und Mobbing wirft die Gleichstellungsbeauftragte Rat und Bürgermeister vor – in einer Mail, die sie an gut zwei Dutzend Empfänger geschickt hat. Das Schreiben indes verbreitet sich in der Stadt, bei Ratsmitgliedern ebenso wie in der Verwaltung.

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Das Rathaus in Langenhagen.

Quelle: Frank Oheim

Langenhagen. Nach der Rückkehr aus der Elternzeit wollte die Gleichstellungsbeauftragte mit nur 15 Stunden wieder in den Beruf einsteigen, fünf Stunden via Telearbeit, zehn Stunden frei verfügbar. Dies sei ihr verweigert worden: Sie habe vielmehr die Arbeitstage angeben müssen und keinen Telearbeitsplatz erhalten. Stattdessen habe ihr Bürgermeister Mirko Heuer die Sachbearbeiterin ebenso wie das Büro entzogen und ihr Budget anders verteilt. Ihre Vertreterin beschreibt sie als umtriebig und ehrgeizig.

Eine weitere Erklärung zu dem Schreiben wollte die Gleichstellungsbeauftragte auf Nachfrage dieser Zeitung nicht geben, sie habe es vielmehr als internes Dokument an das Frauenbündnis geschickt. Längst kursiert das Papier aber in den kommunalpolitischen Gremien, in seiner nächsten Sitzung will der Finanz-, Wirtschafts- und Personalausschuss nicht öffentlich darüber beraten. Ebenso wie Politiker weist auch Heuer den Vorwurf der Missachtung und des Mobbings weit von sich.

Die Festlegung der Arbeitstage ergebe sich aus der Raumnot im Rathaus, wegen der sich Mitarbeiter einzelne Büros tageweise teilen müssen. Die Telearbeit sei ihr gewährt worden, obwohl sie ihr rein rechtlich erst bei einer 50-prozentigen Stelle zustehe: „Sie erhielt eine Vorzugsbehandlung im positiven Sinne.“ Außerdem könne die Gleichstellungsbeauftragte jederzeit die Stunden erhöhen – das verwehre ihr niemand, alles andere würde auch gegen geltendes Recht verstoßen. Zu möglichen arbeitsrechtlichen Konsequenzen des Briefes, der ihn nicht auf direktem Weg erreicht hatte, wolle er sich öffentlich nicht äußern. Für den Personalrat teilt Boris Erhardt mit, weder der Bürgermeister noch die Berufsrückkehrerin habe sich an das Gremium gewandt und um Unterstützung gebeten.

Die sowohl im Rathaus als auch von Politikern nun oft gestellte Frage lautet: Lässt sich Gleichstellung in einer Stadt wie Langenhagen mit einer Teilzeitstelle mit 15 Stunden bewältigen? Kritisiert wird, dass die Beauftragte diese Frage sich gar nicht erst stellt. Für die SPD sagt Irina Brunotte, der Rat habe 30 Stunden beschlossen – das solle auch gelten, wenn eine junge Mutter mit reduziertem Stundenanteil wiederkomme. Auch mit Blick auf die Telearbeit sagt Ulrike Jagau (Grüne): „Diese Arbeitsform ist für Gleichstellungsbeauftragte sonst nicht üblich.“ Sie werde ebenso wie Brunotte noch persönlich antworten. Bernhard Döhner (CDU) kritisiert, dass die Gleichstellungsbeauftragte ihren Brief nur an Frauen gerichtet habe: „Sie hätte ihn allen Ratsmitgliedern zukommen lassen sollen.“ Als parteilose Frau, die angesprochen wurde, äußert sich Brigitte Sewcz: „Den Brief halte ich für stil- und instinktlos und in keiner Weise für akzeptabel.“

Ein rücksichtsloser Hilfeschrei

Es ist eben auch eine fiese Zeit. Chronischer Mangel an Schlaf und ernst zu nehmenden Gesprächspartnern. Permanentes Zerren an Nerven und eigenen Ansprüchen. Vollkommene Fremdbestimmung und Ängste, die einem kein Ratgeber dieser Welt begreiflich machen kann. Mit dem ersten Kind daheim zu sein geht mächtig unter die Haut. Und was das ganze Elend noch komplizierter macht: Wer derlei nicht im und am eigenen Leib erfahren hat, dem ist das mit noch so lieben Worten nicht zu erklären. Was sich in diesen Tagen im Dunstkreis des Langenhagener Rathauses abspielt, hat keinen Anspruch auf Exklusivität. Millionen von Müttern und Vätern haben es schon durch: Diese merkwürdige Elternzeit daheim, versunken in einem Mischmasch aus Beglückung und Vereinsamung. Und dann der Aufbruch mit dem wirren Mix aus Vorfreude auf die Rückkehr ins Büro und Angst vor dem kompletten Versagen dabei. Und doch hebt sich der schriftliche Hilfeschrei ab. Ausgerechnet die Gleichstellungsbeauftragte muss sich nach Rückkehr in den Job um ebendiesen sorgen? Das erscheint bizarr.

Was also ist passiert: Vor eineinviertel Jahren verabschiedet sich die Gleichstellungsbeauftragte in den Mutterschutz. An ihre Stelle tritt die von ihr selbst ausgesuchte Vertretung. 30 Wochenstunden für die Gleichstellung und neun für die Integration lautet in jenen Tagen die Aufschlüsselung der Vollzeitstelle. Ein gutes halbes Jahr später bereits steht die Welt förmlich kopf. Integration von Flüchtlingen ist das Gebot der Stunde. Des Bürgermeisters Schlussfolgerung ist zwingend: Die Rückkehr der ursprünglichen Stelleninhaberin wird verknüpft mit der Schaffung einer neuen Stelle. Aus der Vertreterin wird die neue hauptamtliche Integrationsbeauftragte. Für Gleichstellungsfragen tritt die einst vom Rat berufene Verwaltungsangestellte an. So weit, so gut? Eben nicht. Denn die neuen Prioritäten sind verknüpft mit einer Verwaltungsstrukturreform, die das gesamte Rathaus durchrüttelt. Keineswegs wurde die Gleichstellungsbeauftragte von ihrer Vertretung aus dem Büro vertrieben. Beide mussten weichen: In das alte Büro zieht jetzt die Friedhofsverwaltung.

Dass die einstige Sachbearbeiterin an der Seite der Gleichstellungsbeauftragten nun im Dienste der Integration unterwegs ist, ist einer neuen Abteilung geschuldet: Kommunikation und Marketing ist ihr Titel. Und die Integration ist nur ein Teil von ihr. Ist das so schwer zu verstehen? Vielleicht – wenn in diesem Spiel gleich zwei so ihre Probleme mit der Kommunikation haben. Weder die Gleichstellungsbeauftragte noch der Bürgermeister haben sich darum gerissen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Falle des Bürgermeisters ist dies mäßig elegant bis fahrlässig. Im Falle der Gleichstellungsbeauftragten ist es fatal. Gerade sie müsste wissen, dass Elternzeit-Rückkehrer mehr als gut beraten sind, frühzeitig Signale auszusenden, welche Bedürfnisse der Familienzuwachs hat. Bei aller Fürsorge: Das kann kein Arbeitgeber telepathisch erahnen. Mehr noch: An keiner Stelle hinterfragt die Gleichstellungsbeauftragte, ob sie ihrer Aufgabe mit halber Arbeitszeit überhaupt noch gerecht werden kann. So viel Reflexion darf schon sein an solch herausgehobener Stelle. Und nun?

Das zerrüttete Verhältnis der Rückkehrerin und ihrer Vertreterin lässt sich vielleicht mithilfe einer persönlichen Entschuldigung befrieden. Die Vertreterin „umtriebig ehrgeizig“ zu nennen, ist schlicht ungehörig. Es in einem offenen E-Mail-Verteiler an mehr als zwei Dutzend Vertreterinnen in Politik und Stadtleben zu tun, verbietet sich von selbst. Damit diskreditiert sich die Beschwerdeführerin selbst und reduziert – was viel schlimmer ist – ihre eigentliche Mission der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf Stutenbissigkeit. Die Kritik an Bürgermeister und Stadtverwaltung wiederum sollte ebenjene aufmerksam machen. Nicht, weil die Vorwürfe berechtigt sein könnten, da steht Aussage gegen Aussage. Aber weil sie kenntlich machen, wie wichtig ein steter Dialog zwischen Arbeitnehmern und -geber ist und noch werden wird. Auch und vor allem für die Sandwich-Generation, gefangen zwischen Pubertät der Kinder und Alzheimer der Eltern. Für alle Beteiligten gilt: Wer Rücksicht erfahren möchte, muss Rücksicht zeigen. Sich allein auf sein Recht zurückzuziehen, schadet allen.

Von Antje Bismark und Rebekka Neander

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