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6700 Kilometer fahren - und am Ende ein Kamel

Lehrte/Stuttgart 6700 Kilometer fahren - und am Ende ein Kamel

Vom Allgäu bis nach Tiflis und von dort an die türkische Westküste – und das alles in einem mehr als 20 Jahre alten, handelsüblichen Mercedes der C-Klasse: Das ist die Aufgabe, die der gebürtige Lehrter Robin Bittner bei der Allgäu-Orient-Rallye vor sich hat. Nach 6700 Kilometern gibt es für den Sieger dieser ungewöhnlichen Tour einen ebenso einzigartigen Hauptpreis: ein Kamel.

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Dieses Team fährt in den Orient: Chiara Bröker (von links), Robin Bittner, Christine Lanwes und Christian Mai nimmt die Route von Oberstaufen bis Tiflis in Angriff.gddg

Quelle: privat

Lehrte. Ein bisschen Abenteuerlust ist schon dabei. „Einer meiner Kollegen ist die Rallye vergangenes Jahr gefahren und ich hab sofort gedacht: ,Cool, das will ich auch machen‘“, sagt der 29-jährige Robin Bittner. Gemeinsam mit ihm auf Tour gehen jetzt Christine Lanwes, Chiara Bröker und Christian Mai.

Ein Jahr lang haben sich Bittner und seine Mitfahrer vom „Explorient Racing Team“ auf die ungewöhnliche Rallye vorbereitet – denn es gibt viele Auflagen: Die Autos, mit denen es nach Tiflis geht, müssen mindestens 20 Jahre alt sein oder zumindest weniger als 1111 Euro kosten. Auch komfortable Unterkünfte sind während der drei Wochen Tabu. Eine Übernachtung darf nicht mehr als 11,11 Euro pro Person kosten. „Deshalb haben wir die Rückbänke unserer Wagen durch Matratzen ersetzt“, sagt der frühere Lehrter, der in der Stadt aufwuchs und zur Schule ging.

Die größte Herausforderung bei der Planung sei für ihn aber die Streckenwahl gewesen, sagt Bittner. Denn die Fahrer dürfen weder Autobahnen befahren noch Navigationsgeräte benutzen. „Man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, vernünftige Landkarten für manche Länder zu finden“, sagt der 29-Jährige, der mittlerweile in Stuttgart lebt und arbeitet: „Wir müssen wohl einfach vor Ort gucken, wo wir genau langfahren können.“

Denn die Strecke bis zum Ziel Dalyan Belediyesi im Südwesten der Türkei ist frei wählbar – nur bestimmte Checkpoints müssen angefahren werden. „Ein bisschen positiv verrückt muss man schon sein, um dieses Abenteuer zu wagen“, sagt Bittner fröhlich.

Denn auch die Sonderaufgaben, denen sich die Teams unterwegs stellen müssen, können mitunter peinlich werden. Diese Aufgaben sind auch Grund für das wohl ungewöhnlichste Gepäckstück von Bittner: Eine Mundharmonika – die allerdings niemand aus dem Team spielen kann. „Uns wurde gesagt, wir sollen ein Instrument mitnehmen“, sagt er.

Trotz aller Vorfreude hat der Lehrter auch Respekt vor der Tour, deren Strecke wegen des Kriegs in Syrien in diesem Jahr schon mehrfach geändert wurde. „Die Strecke nach Jordanien oder in den Iran ist viel zu gefährlich“, sagt Bittner. „Davon abgesehen: Mit einem 20 Jahre alten Auto über den Balkan zu brettern hat es ohnehin schon in sich.“

Doch Bittner ist zuversichtlich, dass sein Team es bis zum Ziel schafft – immerhin sei bisher jedes Team irgendwie angekommen. Bei Pannen werde er einfach auf die Hilfsbereitschaft der Einheimischen setzten. „Wir wollen auch Menschen kennenlernen und die Völkerverständigung vorantreiben. Das ist ja das Ziel der Rallye“, sagt der Rallyepilot. Deshalb gewinnt auch nicht das schnellste Team, sondern jenes, das mit seinem karitativen Einsatz und der Bewältigung der Sonderaufgaben überzeugt.

Um sich den Hauptpreis, ein lebendes Kamel, zu sichern, sammeln Bittner und sein Team daher schon jetzt Sach- und Geldspenden. Diese wollen die Orientfahrer an ein Flüchtlingsheim an der griechisch-mazedonischen Grenze sowie an ein Sommercamp für Kinder in Georgien übergeben. „Wir brauchen vor allem Sportsachen vom Fußball bis zum Badmintonschläger und Campingausrüstung“, sagt Bittner.

All das ist viel Aufwand. Doch da kann Bittner nur Schmunzeln. Wie gesagt: Ein bisschen verrückt müsse man halt sein, um bei dieser Rallye mitzufahren.

Weitere Informationen zu Bittner und seinen Mitfahrern gibt es auf der Facebook-Seite des „Explorient Racing Teams“.

Seit elf Jahren fahren die Teams für einen guten Zweck

Als eines der „letzten automobilen Abenteuer dieser Welt“ preisen die Organisatoren der Allgäu-Orient-Rallye ihre Veranstaltung an. In diesem Jahr startet sie zum elften Mal und richtet sich an Menschen, die „das kalkulierbare Abenteuer und eine bezahlbare Alternative zu den für den Normalbürger oft unbezahlbaren anderen Rallyes“ suchen, heißt es. Dabei geht es auch um die Unterstützung von Hilfsorganisationen.

Stets ist Oberstaufen der Startpunkt der Rallye. Aus dieser Stadt im Allgäu stammen die Initiatoren der Aktion. Drei Wochen dauert die Fahrt von Süddeutschland bis in den Orient. 111 Teams sind stets dabei. Sie müssen – wie bei einer Schnitzeljagd – während der Reise Aufgaben erledigen. Diese können albern, peinlich oder anstrengend sein, dienen aber alle dazu, Land und Leute auf der Strecke kennenzulernen.

Die Rallye startet jährlich am ersten Wochenende im Mai und endete bis zum Jahr 2010 in Jordanien. Durch den Bürgerkrieg in Syrien hat sich das geändert. Das Land bleibt aus Sicherheitsgründen nun außen vor. Die Dauer der Rallye hat sich von zehn Tagen auf rund drei Wochen verlängert.

In diesem Jahr führt die Tour erstmals nach Tiflis in Georgien und zurück an die Westküste der Türkei. Am Endpunkt werden dann alljährlich sämtliche Rallye-Fahrzeuge verkauft, der Erlös kommt Hilfsorganisationen zugute. Auf diese Weise haben die Organisatoren eine Reihe von Projekten unterstützt – etwa den Aufbau einer Käserei in einem Beduinendorf und die Gründung einer Schule in Anatolien.

Der karitative Charakter der Rallye zeigt sich auch beim sehr ungewöhnlichen Preis für den Sieger: Das Gewinnerteam darf sich über ein echtes Kamel freuen. Allerdings zieht das Tier nicht auf eine Weide irgendwo in Deutschland, sondern wird stets an einheimische und mittellose Beduinen oder Bauern verschenkt.

Von Lisa Malecha

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