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Wie Didi der Mutti in die Burka verhalf

Lehrte Wie Didi der Mutti in die Burka verhalf

Dieter Hallervorden in Lehrte: Diese Ankündigung hat für ein ausverkauftes Kurt-Hirschfeld-Forum am Mittwochabend gesorgt. Dabei war der 81-Jährige gar nicht der Star des Abends, sondern sein neu gegründetes Ensemble "Die Wühlmäuse", das wahrlich brillierte.

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Dieter Hallervorden und sein Ensemble "Die Wühlmäuse" begeistern bei der Vorpremiere des Stücks "Ver(f)logene Gesellschaft" in Lehrte.

Quelle: Carina Bahl

Lehrte. Die 81 Jahre sind ihm nicht anzusehen: Dieter Hallervorden spaziert am Mittwochabend entspannt durch die Besuchermassen. Für den Plausch vor der Tür mit seinen Fans nimmt er sich Zeit – ein wenig Nervosität ist ihm aber doch anzumerken. „Bewährungsprobe“ nennt er das, was im ausverkauften Kurt-Hirschfeld-Forum passieren soll. Nach 40 Jahren hat er für sein Berliner Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“ erstmals wieder ein eigenes, gleichnamiges Ensemble gegründet. Eben dieses wird gleich seine Vorpremiere in Lehrte geben, bevor ab September das Hauptstadtpublikum wartet.

Den ersten Applaus des Abends holt sich Hallervorden aber selbst ab: Gemeinsam mit Regisseur Frank Lüdeke kündigt er sein Ensemble an. „Hoffentlich klatschen Sie nach dem Programm auch noch so“, überlegt er laut mit breitem Grinsen – und nimmt prompt selbst in der hintersten Reihe im Publikum Platz, um hautnah zu erleben, wie die Zuschauer auf „Ver(f)logene Gesellschaft“ reagieren.

Das Licht im Raum geht aus – die Scheinwerfer auf der Bühne an. Lieber Didi, es tut uns leid – aber ab diesem Moment ist der Name Hallervorden in Lehrte vergessen. Denn das, was die Wühlmäuse von der ersten Minute an abliefern, ist Weltklasse. Santina Maria Schrader, Birthe Wolter, Mathias Harrebye-Brandt und Robert Louis Griesbach bieten Kabarett vom Feinsten – für das es künftig garantiert keinen prominenten Gründer mehr braucht, um die Theater zu füllen.

Was würde passieren, wenn Angela Merkel zum Islam konvertiert? Diese Frage wird aus einer Wartehalle im New Yorker Flughafen heraus beantwortet. Mandy – ostdeutsche Alleinerziehende mit herrlicher Berliner Schnauze – muss dort mit dem Professor für Konfliktforschung Martin, dem Startup-Unternehmer Clemens und der Karrierefrau Cornelia ihr Dasein fristen.

Während Trump per Leinwand fleißig in die Lehrter Runde „zwitschert“, tritt Merkel in Burka ans Rednerpult im Kanzleramt, um ein Alkoholverbot, die Mehrfachehe und – tatsächlich – die Demokratie in Deutschland einzuführen. Mit viel Tempo und präzisen Parodien von Honecker bis Putin geht es durch die Weltpolitik, die auf diesen Skandal reagieren muss. Die Dialekteinlagen sind sattelfest – die Übersetzung für Taubstumme zum Schreien komisch. So sehr der kritische Blick auch suchen mag: Da sitzt jede Geste, jede Pause – Hallervorden kann sich beruhigt im Stuhl zurücklehnen.

Neben jeder Menge Wortwitz, spitzen, aber nie zu bösen Debatten über das Wahlrecht für Männer bis hin zum Aufruf zum kollektivem Ungerhorsam brilieren die Schauspieler auch als Sänger: „Nie mehr Currywurst mit Darm“ rufen sie unter Merkel als Muslima aus und fragen sich zu heißen Rhythmen: „Mutti, was ist mit Dir los?“. Das Setting wechselt vom Anne-Will-Gesprächskreis über die internationalen Pressekonferenzen zurück in die Wartehalle des Flughafens, wo auch die Protagonisten so einiges auszudiskutieren haben.

Dass Cornelias Vorzeige-Sohn Alexander-Maximilian am Ende seine Waldorfschule in die Luft sprengt und der Konfliktkurs des Professors für die „Fake-News“ rund um Merkels Islam-Ausflug zuständig war – all das ist nur der Gipfel der Unterhaltung. Auch Startupper Clemens, der ein Handy erfunden hat, das nur telefonieren kann und zielsicher jedes Funkloch ansteuert, hat die Sympathien längst auf seiner Seite.

Und so viel auch gelacht, gebrüllt und gejubelt wird am Mittwochabend – die hohe Kunst des Kabaretts bei all dem Witz, den Wert nicht zu vergessen, gelingt: „Die Welt ist für uns alle da – nicht nur für Karl-Heinz“ heißt es zum türkischen Pop-Hit am Ende des zweistündigen Programms. Das perfekte Finale im Gedankenspiel um Religions- und Pressefreiheit.

Die Begeisterung des Publikums, das gar nicht mehr auf einen erneuten Auftritt Hallervordens wartet, sondern hochzufrieden gen Ausgang strömt, lässt nur eine Bilanz für die Wühlmäuse zu: Berlin kann kommen!

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Von Carina Bahl

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