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Logistikzentrum: Aldi spürt den Zorn der Aligser

Lehrte Logistikzentrum: Aldi spürt den Zorn der Aligser

Rund 300 Besucher, etliche Experten und eine Dauer von mehr als vier Stunden: Aligse hat am Dienstagabend eine denkwürdige Einwohnerversammlung zum geplanten Neubau des Aldi-Logistikzentrums erlebt. Dabei wurden erneut heftige Proteste laut - und Bürgermeister Klaus Sidortschuk erhielt 1100 Protestunterschriften.

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Dicht gefüllte Sitzreihen: Rund 300 Bürger kommen zum Infoabend über das Aldi-Logistiklager.

Quelle: Achim Gückel

Aligse. Sidortschuk versuchte es ganz am Anfang der Versammlung mit verbindlichen Tönen. Die Diskussion, die in Aligse seit einigen Monaten zum Aldi-Logistikzentrum geführt wird, sei "gut und wichtig" und eigentlich schon seit Beginn des Planungsverfahrens im März zu erwarten gewesen. Das Verfahren sei öffentlich, transparent und in seinem Ergebnis offen, betonte das Stadtoberhaupt. Und man wolle sich bemühen, Fragen zu beantworten, sowie einige gegen das Aldi-Projekt ins Feld geführte Argumente richtigzustellen. Einige davon seien "sachlich falsch und frei erfunden".

Trotzdem bekam Sidortschuk die Verärgerung der Bürger schon kurz nach seiner Eingangsrede zu spüren. Doris Rohjans von der Bürgerinitiative (BI) gegen das Aldi-Zentrallager überreichte ihm die Unterschriftenlisten, die in den vergangenen Wochen in Aligse, Röddensen und Kolshorn ausgelegen hatten und herumgereicht wurden. Anschließend skizzierte der Aligser Anwalt Otto Lüders, der die BI fachlich unterstützt, mehrere zentrale Kritikpunkte an dem Aldi-Vorhaben und forderte eine "umweltgerechte, bürgernahe Planung".

Lüders skizzierte unter anderem die bisher kursierenden unterschiedlichen Angaben zur Höhe des Logistiklagers, welche bis zu 17,5 Meter reichten. Er bezeichnete die bisher vorliegenden schalltechnischen Gutachten als "nicht verwendbar", weil diese nur auf Basis von Aldi-Angaben entstanden seien. Und auch in Sachen Verkehr und Schadstoffemissionen fehle bisher jede vernünftige Beurteilung. Darüber hinaus werde der Bau des Logistiklagers für eine Entwertung von Häusern und Grundstücken in Aligse sorgen. Mithin sei Aldi nicht zu trauen. "Was Aldi heute sagt, ist so unverbindlich wie die Wettervorhersage für morgen", sagte Lüders. Früher geäußerte Vorwürfe, Aldi wolle mit Hilfe des neuen Logistiklagers Arbeitsplätze abbauen und werde in den kommenden Jahren dank steuerlicher Verfahren keine Gewerbesteuer in Lehrte mehr zahlen, wiederholte er indes nicht.

Aldi-Geschäftsführer Reinhard Reitzig und der für das Projekt in Aligse zuständige Immobilien- und Expansionsleiter Rouven Gercke sowie der vom Unternehmen beauftragte Planer und Architekt Georg Böttner hielten dagegen. Die durch das Logistiklager erzeugten zusätzlichen Verkehrsmengen spielen in Aligse "keine große Rolle", sagte Böttner. Gercke betonte, im gesamten Verfahren seit März 2016 mit "größtmöglicher Transparenz" vorgegangen zu sein. Sein Unternehmen halte sich streng an alle gesetzlichen Vorgaben und werde "nichts machen, was wir nicht handhaben können". Aldi sei "berechenbar" betonte Gercke. Kritik an dem umstrittenen Mammutprojekt sei zwar in Ordnung, müsse aber im Detail gerechtfertigt sein.

In dieselbe Kerbe schlug Geschäftsführer Reitzig. Er bestritt zum Beispiel den aus der Bürgerinitiative geäußerten Verdacht, Aldi errichte bei Aligse ein vollautomatisches Verteilzentrum, schließe im Gegenzug an anderer Stelle zwei andere Lager und entlasse bei dieser Rationalisierung viele Mitarbeiter. "Es entsteht kein vollautomatisches Lager, es wird nichts geschlossen, und wir entlassen niemanden", sagte Reitzig. Das Unternehmen werde auch weiterhin Gewerbesteuer in Lehrte zahlen. Diese habe in den vergangenen Jahren im Schnitt bei 640.000 Euro gelegen. Diese Angaben hatte das Unternehmen auch auf Flugblättern gemacht, die in den vergangenen Tagen in Aligse verteilt worden waren.

Mehr als anderthalb Stunden lang prasselten dann eine Vielzahl von Fragen aus den Reihen der Besucher auf die Fachleute ein. Diese gaben sich redlich Mühe, adäquate Antworten zu geben. Mitunter war es schwierig für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, bei der Vielzahl von Wortmeldungen den Überblick zu behalten. Und ganz am Schluss, gegen 22.40 Uhr, verließen einige Besucher die Sporthalle mindestens so unzufrieden wie sie gekommen waren. Denn längst nicht jeder, der eine Frage auf dem Herzen hatte, war auch wirklich zu Wort gekommen.

Ratsbeschluss frühestens im März 2018

Das Beratungsverfahren über den Bebauungsplan für das Aldi-Logistikzentrum ist noch längst nicht beendet - und bisher ist nichts entschieden. Für November und Dezember sind weitere Beratungen in den zuständigen politischen Gremien sowie kurz vor Weihnachten der Beschluss über die Änderung des Flächennutzungsplans vorgesehen. Danach folgt jedoch noch eine zweite öffentliche Auslegung des Bebauungsplans. Von Ende Dezember bis Ende Januar haben Bürger die Möglichkeit, ihre Anregungen und Bedenken dazu schriftlich einzubringen. Danach folgen Abwägungen der Einwände sowie erneute politische Beratungen und schließlich frühestens Ende März der endgültige Beschluss, ob Aldi sein Logistiklager bei Aligse errichten darf oder nicht.

"Warum tut uns Lehrte so etwas an?"

Wenn es um das Aldi-Logistikzentrum geht, liegen in Aligse mittlerweile bei vielen Bürgern die Nerven blank. Das gigantische Warenlager, das nur etwa 300 Meter von der nächsten Wohnbebauung entstehen soll, stellt für viele Aligser ein Sinnbild für eine grundlegende Veränderung der Ortschaft dar, welche sich bereits seit Jahrzehnten abspiele. Eingekesselt von Bahnlinie, Gewerbegebiet und Autobahn gehe nach und nach die Lebensqualität verloren, betonten am Dienstagabend gleich mehrere Besucher der Einwohnerversammlung.

"Unser Ort wird regelrecht in die Zange genommen. Wie viel lebenswertes Umfeld haben wir denn noch hier", sagte einer der Besucher unter dem donnernden Applaus der rund 300 Gäste. Schon längst könne man wegen des Verkehrslärms nicht mehr bei offenem Fenster schlafen. Eine andere Besucherin, die vor einigen Jahren nach Aligse gezogen ist, um "auf dem Land zu leben", wie sie sagte, stellte diesen Schritt jetzt als Fehler dar. Sie bot dem Unternehmen Aldi sogar wütend ihr Grundstück zum Kauf an.

Heftige Kritik gab es aber nicht nur am Unternehmen Aldi, sondern auch an Aligses Ortsrat. Dieser hatte bisher nahezu geschlossen die Aldi-Planungen befürwortet und musste sich am Dienstagabend den Vorwurf gefallen lassen, er missachte den Wählerwillen im Dorf. Mehrfach gab es auch Appelle an Lehrtes Ratspolitiker, in Sachen Aldi-Ansiedlung im weiteren Beratungsverfahren gegenzulenken. "Wir wollen Aldi nicht. Wie viele Unterschriften müssen wir denn noch sammeln, damit Sie das respektieren?", sagte etwa Doris Rohjahns von der Bürgerinitiative gegen das Logistiklager. Ein Gast sprach von "Sitzblockaden", falls das Gebäude wirklich errichtet werde, und eine ältere Dame seufzte schließlich: "Warum tut uns Lehrte so etwas an?"

Ganz am Schluss der Versammlung brachte es ein Aligser noch einmal auf dem Punkt, was viele seiner Mitbürger offenbar denken: "Bei diesem Projekt kommt die emotionale Komponente zu kurz. Hier geht es um die Gewinnoptimierung eines Unternehmens und für uns im Dorf sinkt die Wohn- und Lebensqualität."

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