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Kaddor: Bei Radikalisierung hat Familie versagt

Lehrte Kaddor: Bei Radikalisierung hat Familie versagt

5 Millionen Menschen haben am Sonntag in der ARD den Auftritt einer vollverschleierten Muslimin bei Anne Will gesehen - Lamya Kaddor auch. "Das geht gar nicht, das ist krank", befand die prominente Islamwissenschaftlerin - und war mittendrin in ihrer Lesung, warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen.

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Die Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin Lamya Kaddor hat in Lehrte aus ihrem Buch "Zum Töten bereit" gelesen und mit den Besuchern diskutiert.

Quelle: Oliver Kühn

Lehrte. Gleichzeitig bot Kaddor der bizarre Auftritt die Möglichkeit, zwischen Islamismus und Islam zu differenzieren und ihre eigene, moderate Meinung darzulegen - etwa, dass sie keine Panzer nach Saudi-Arabien schicken würde, das bekanntlich die Terrormiliz IS unterstützt. Rund 60 Lehrter applaudierten dafür am Montagabend in der Städtischen Galerie auf Einladung von Bibliotheksgesellschaft, Präventionsrat und Antikriegshaus. Die Auffassung der verschleierten Schweizerin, der Krieg in Syrien sei eine "Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs" und der Schleier ein Zeichen von Selbstbestimmung, zeuge von einem verzerrten Blick, sagte die in Westfalen geborene Religionspädagogin: "Das ist eine extreme Außenseiterposition, dieser darf man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kein Podium bieten."

900 Deutsche sind bislang in den Krieg nach Syrien gezogen, davon rund fünf Prozent Jugendliche. "Wenn das passiert, hat das familiäre Umfeld versagt und die Menschenfängermethoden der Salafisten gesiegt", unterstrich Kaddor das Resümee aus ihrem Buch "Zum Töten bereit". Ein Kopftuch oder ein Bart allein seien aber noch keine Hinweise auf eine Radikalisierung. Alarmsignale seien Wesensveränderungen, wenn Jugendliche plötzlich extrem abweisend, feindselig oder religiös würden, sich abgrenzten und ihren Freundeskreis wechselten.

Das "Feindbild Islam" werde die deutsche Gesellschaft noch lange beschäftigen, befand die aus Syrien stammende 38-Jährige: "Dabei ist der normale muslimische Jugendliche nicht besonders Koran-fest." Jede Sure könne man zudem verschieden interpretieren, die eine sage das, die andere das - das nenne man "Suren-Pingpong". 

Kaddor thematisierte auch den Begriff Dschihad. Häufig falsch mit Heiliger Krieg übersetzt, bezeichne er vielmehr die Bemühung oder Anstrengung, den "eigenen inneren Schweinehund" zu besiegen, um ein besserer Mensch zu werden. Ein "echter" Heiliger Krieg könnte nur von einer weltweit akzeptierten religiösen Autorität ausgerufen werden. Doch der Islam habe seit dem Propheten Mohammed kein solches Oberhaupt mehr.

Zugleich zog Kaddor eine Parallele zwischen Islamismus und Neonazismus - die sich in ihrer gegenseitigen Ablehnung sogar ungewollt begünstigten. Beide Ideologien seien dogmatisch und gewalttätig: "Die Ressentiments von Pegida und den Salafisten brauchen Widerstand - sonst dreht sich die Radikalisierungsspirale weiter." Wie sie vor diesem Hintergrund die Integrationsbemühungen der deutschen Politik sehe, wollte ein Zuhörer wissen: "Das ist ein einziges Chaos, uns fehlt ein Einwanderungsgesetz."

Von Oliver Kühn

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