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Der Schatz vom Dachboden

Lehrte Der Schatz vom Dachboden

Unter den Nazis galten seine Arbeiten als „entartete Kunst“. Später war Hans Jürgen Kallmann ein bedeutender Porträtmaler, dem sogar Kanzler Adenauer Modell saß. Jetzt zeigt die Städtische Galerie in Lehrte frühe Werke des 1991 verstorbenen Künstlers - Karikaturen, die auf einem Dachboden in Hämelerwald schlummerten.

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Außergewöhnliche Dokumente: Julienne Franke betrachtet eine der Zeichungen, die Clemens Witkowski für die Schau zur Verfügung stellt.

Quelle: Gückel

Lehrte. Einem Mann im langen Mantel fliegt der Hut vom Kopf. Der Sturm zerfetzt ihm den Schirm, der Regen peitscht von schräg rechts durch das Bild. Im Hintergrund die unverkennbare Silhouette der Marktkirche in Halle an der Saale.

Im Jahr 1932 hat Hans Jürgen Kallmann diese Straßenszene gemalt. Sie wirkt, als sei sie beim Blick aus dem Fenster eines Cafés in Windeseile skizziert und erinnert ein wenig an die Bilder von Heinrich Zille oder an frühe Comics. Und sie gibt einen Eindruck davon, mit welcher Art von Arbeit Kallmann in den frühen Dreißigerjahren, kurz nachdem er sein Medizinstudium abgebrochen hatte, sein Geld verdiente.

Die Szene mit dem Mann im Regensturm ist eine von vielen Zeichnungen, die seinerzeit in der Mitteldeutschen Illustrierten in Halle veröffentlicht wurden. Auch Tiere im Halleschen Zoo, Szenen aus der Arbeitswelt oder dem Alltag der Hallenser Bürger skizzierte Kallmann seinerzeit - und der junge Mann fand in Kurt Sommer, dem Feuilleton-Chef der Illustrierten, einen Förderer. Sommer war derart begeistert von Kallmanns Kunst, dass er 55 Zeichnungen, die ihm der junge Maler reinreichte, aufbewahrte - erst in Halle, später auf einem Dachboden in Potsdam.

1978 starb Sommer und mit ihm verlor sich auch die Erinnerung an die 55 Kallmann-Zeichnungen. Immerhin: Als Sommers Nachfahren nach Hämelerwald zogen, nahmen sie auch die auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden, nicht gerahmten Bleistiftzeichnungen mit - und verstauten sie wieder auf dem Dachboden.

„Wir wussten, das sind schöne Bilder. Aber es hatte lange Zeit keiner aus der Familie eine Ahnung, welch ein Schatz da unter dem Dach lagert“, sagt Clemens Witkowski. Er ist der Enkelsohn von Kurt Sommer, saß bis vor kurzer Zeit für die Grünen im Rat der Stadt Lehrte sowie im Hämelerwalder Ortsrat und hat gemeinsam mit der Kulturbeauftragten der Stadt, Julienne Franke, nun eine Schau der mehr als 80 Jahre alten Kallmann-Zeichnungen auf die Beine gestellt. Ab dem 18. September wird die Ausstellung unter dem Titel „Frühe Zeichnungen“ in der Städtischen Galerie an der Zuckerpassage zu sehen sein.

Mehr als zehn Jahre sei es schon her, dass er sich Klarheit über die außergewöhnlichen Zeichnungen auf dem Dachboden verschafft hat, sagt Witkowski. Er habe im Internet recherchiert und dann schnell begriffen, welchen kunsthistorischen Wert seine Familie da in den Händen hat.

Die erste Schau mit den lange Zeit unbeachteten Kallmann-Zeichnungen gab es schon vor einigen Jahren in Halle. „Meine Mutter stammt von dort. Es war ihr großer Wunsch, die Bilder zuerst in ihrer Geburtsstadt zu zeigen“, sagt Witkowski. Vier Zeichnungen hat die Stadt Halle bereits erworben. Alle anderen sollen 2017 im Kallmann-Museum in Ismaning bei München ausgestellt und dort auch kunsthistorisch dokumentiert und eingeordnet werden.

Zunächst sind die Zeichnungen, die Julienne Franke „außergewöhnliche Zeitdokumente“ nennt, aber in der Lehrter Galerie zu sehen. Zur Vernissage am Freitag, 18. September, ab 19 Uhr wird auch Hans Jürgen Kallmanns Witwe Gerda Haddenhorst-Kallmann aus Wiesbaden erwartet. Zu sehen ist die Schau dann bis zum 22. November. Anschließend wird Witkowski die Bilder wieder an sich nehmen und an seinem neuen Wohnort einlagern. Er zieht nach Potsdam.

Erst Preisträger, dann von den Nazis diffamiert

Hans Jürgen Kallmann, geboren 1908 in Wollstein (heute Wolsztyn), wuchs in Halle an der Saale auf. Sein Medizinstudium brach er 1930 ab, um sich ganz seiner Leidenschaft für die Kunst zu widmen. Sein Stern stieg schnell: Zwischen 1934 und 1936 erhielt Kallmann mehrere Preise, darunter den Rompreis der Berliner Akademie der Künste. Doch schon 1937 endete der Höhenflug des jungen Mannes. Weil seine Malerei Anleihen bei Impressionismus und Expressionismus nahm, erklärten die Nationalsozialisten sie als „entartete Kunst“. Eine Reihe von Kallmann-Werken wurden konfisziert und im März 1939 auf dem Hof der Berliner Feuerwache verbrannt. Der Künstler wanderte aus; erst nach Tirol, später nach Caracas in Venezuela, wo Kallmann eine Professur für Akt- und Porträtmalerei erhielt. Schon 1952 kehrte der Maler aber nach Deutschland zurück, lebte in Pullach und etablierte sich als fleißiger und einfühlsamer Porträtmaler. Er schuf tausende Bilder, porträtierte unter anderem Kanzler Konrad Adenauer, Bundespräsident Theodor Heuß, Bertolt Brecht, Papst Johannes XXIII. und Mao. Kallmann starb im März 1991, die meisten seiner Arbeiten befinden sich im Kallmann-Museum in Ismaning.

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