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Lehrtes erste Sammelunterkunft

Lehrte Lehrtes erste Sammelunterkunft

Mitten in Lehrte, auf dem früheren Gelände der Stadtwerke, entsteht derzeit die erste Sammelunterkunft für Flüchtlinge im Stadtgebiet. Noch beherrschen Handwerker dort die Szenerie. Aber schon in wenigen Tagen sollen die ersten Asylsuchenden einziehen.

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Bauarbeiten in der Sammelunterkunft: Hier entsteht eine Großküche mit sechs Herden, sechs Spülen und viel Platz für Esstische.

Quelle: Achim Gückel

Lehrte. Eine Sammelunterkunft für Flüchtlinge? Eigentlich hatte das kaum ein Verantwortlicher in Lehrte gewollt. Dezentral sollten die Menschen untergebracht werden. In angemieteten Wohnungen und städtischen Gebäuden, aber bitte nicht geballt an einer Stelle. Und während politischer Diskussionen war noch vor gar nicht allzu langer Zeit von drohender Gettobildung zu hören. Doch da ahnte noch niemand, wie gewaltig der Flüchtlingsstrom noch werden würde, wie viele Menschen auch Lehrte würde aufnehmen müssen und wie schnell der freie Wohnungsmarkt nicht mehr genug Unterkünfte mehr bieten würde.

Seit einigen Monaten steht fest, dass Lehrte seine hehren Vorsätze nicht halten kann. Kein Weg führt mehr an Sammelunterkünften vorbei. Die erste entsteht nun an der Manskestraße. Die Lehrter Wohnungsbaugesellschaft gestaltet mit enormem Tempo das alte Kundencenter, frühere Büros und Materialdepots der Stadtwerke um. Es entstehen kleine Wohnräume mit Etagenbetten, Bereiche für Familien, Toiletten, Dusch- und Waschräume, eine große Küche mit sechs Herden und Speisesaal. Wenn alles fertig ist, wird die Stadt die Unterkunft übernehmen - mit einem Mietvertrag, der bis Ende 2018 läuft. 55 Menschen sollen in der Sammelunterkunft eine Bleibe finden.

Fachbereichsleiter Michael Großmann ist bei der Stadt auch für den Bereich Ordnung und die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig. Wenn er auf das blickt, was auf dem ehemaligen Gelände der Stadtwerke gerade geschieht, spricht er von einer „logistischen Meisterleistung“. Überall hämmern, schrauben, sägen Handwerker. Aus Garagen werden Sanitärräume, kaum ein Winkel des früheren Stadtwerke-Kundencenters bleibt vom Umbau unberührt. Alles muss schnell gehen, denn nahezu wöchentlich werden Lehrte neue Flüchtlinge zugewiesen. Bis Ende September sollen zu den derzeit 180 von der Stadt untergebrachten Menschen noch rund 35 hinzukommen. Erst dann hätte Lehrte seine aktuelle Aufnahmequote erreicht.

Und schon bald werden die nächsten Quoten veröffentlicht. Großmann spricht von einer andauernden Herausforderung, von der dringenden Notwendigkeit, Wohnraum zu schaffen, und der Tatsache, dass Lehrte mit der Sammelunterkunft an der Manskestraße nun „Neuland“ betrete. Die Umbauarbeiten in den einstigen Stadtwerkegebäuden sind aufwendig, aber luxuriös ist das, was dort entsteht, keinesfalls. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Schrank, ein Bett: Das ist alles, was ein Flüchtling in seinem Zimmer vorfindet. Auch in der Großküche und den Waschräumen beherrschen preiswerte Geräte das Bild, etwa bei der Ausstattung mit Kühlschränken, Waschmaschinen und Herden.

Nicht alle Gebäude auf dem alten Stadtwerkegelände werden zu Flüchtlingsunterkünften. Das stattliche Backsteinhaus an der Manskestraße bleibt unangetastet, in der benachbarten alten Villa sollen zwei Sozialarbeiter ihre Büros haben, ein früherer Tagungsraum wird dort als Empfangsraum für neue Flüchtlinge dienen. Eine Entscheidung, welchem Partner die Stadt den Betrieb der Sammelunterkunft übertragen wird, fällt in diesen Tagen.

Großmann bezeichnet die Sammelunterkunft an der Manskestraße indes auch als eine „Herausforderung für die Gesellschaft“. Mitten in der Stadt werde nun sehr plötzlich und sehr geballt die ganze Dramatik des Flüchtlingsthemas deutlich. Aber die Sammelunterkunft an der Manskestraße sei allemal eine bessere Lösung, als die Asylsuchenden etwa wie in Hannover in einer Messehalle oder Sportstätten einzuquartieren.

Stichwort: Nordstraße und Tiefe Straße

Lehrte wird in den kommenden Jahren nicht nur die eine Sammelunterkunft für Flüchtlinge an der Manskestraße haben. Auch in der neuen Obdachlosenunterkunft, die derzeit an der Nordstraße entsteht, sollen bis zu 50 Asylsuchende untergebracht werden. Dort seien die Bauarbeiten „auf der Zielgeraden“, sagt Michael Großmann von der Stadtverwaltung. Im Oktober seien die Wohnungen in dem Haus vermutlich bezugsfertig. Eine weitere Sammelunterkunft soll dann im nächsten Jahr an der Tiefen Straße entstehen. Dort lässt die Lehrter Wohnungsbaugesellschaft ein schlichtes, mehrstöckiges Haus bauen, in dem im Juni bis zu 70 Flüchtlinge unterkommen können. Die Stadt wird das Gebäude anmieten. Falls es irgendwann nicht mehr für Asylsuchende benötigt wird, könnte das Haus modernisiert und Wohnung für Wohnung vermietet werden.

Kommentar: Eine Nagelprobe für die Solidarität

55 Flüchtlinge auf einem Fleck. Direkt neben der Manskestraße, unweit von Zuckerzentrum, Stadtpark und Parkschlösschen. Direkt im alltäglichen Lebensumfeld vieler Lehrter. Das ist etwas völlig Neues. Und daher bedeutet die Sammelunterkunft an der Manskestraße in gewisser Weise auch eine Nagelprobe für die Stadt und für ihre Solidarität mit den Asylsuchenden. Erst vor wenigen Monaten hat Lehrtes Polizeichef Ulrich Bode die Lehrter öffentlich gelobt. Fremdenfeindliche Tendenzen seien nicht zu verspüren, derartige Parolen nirgendwo im Stadtbild zu sehen. Lehrte gehe offen und freundlich mit Flüchtlingen um, sagte Bode. Das ist seither so geblieben, und an dieser Grundstimmung in der Stadt ändert sich auch jetzt hoffentlich nichts. Denn das Problem, welches die Sammelunterkunft an der Manskestraße mit sich bringen könnte, liegt auf der Hand. Die Stadt bekommt einen Kristallisationspunkt für mögliche Vorurteile und für Misstrauen. Doch nichts würde das Klima in der Stadt mehr belasten als offen zur Schau gestelltes Ablehnung. Lehrte wird noch auf lange Zeit hinaus Flüchtlinge beherbergen. Es sollte dies weiterhin offen und freundlich tun.

Achim Gückel

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