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Megahub: Heftiger Streit um beste Technik

Lehrte Megahub: Heftiger Streit um beste Technik

Schienegestützt oder auf fahrerlosen Radfahrzeugen: Wie sollen in dem geplanten Bahnterminal Megahub die Container umgeschlagen werden? Um diese Frage tobt ein Streit zwischen der Bahn und dem Unternehmen Jay-C aus Weimar. Letzteres spricht von Verschwendung von Steuergeld und Tricksereien beim Vergabeverfahren.

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Die Männer von Jay-C sind überzeugt vom schienengestützten Sortiersystem für den Megahub: Schweißingenieur und Produktionsleiter Dieter Doberitz (von links), der früherer Geschäftsführer Andreas Eberwein und Geschäftsführer Jens-Christian Herold. Doch die Bahn will es nicht.

Quelle: Achim Gückel

Lehrte. Schon seit dem Jahr 2013 versuche Jay-C die Bahn von der Überlegenheit ihres Sortiersystems zu überzeugen, das im Wesentlichen auf einen Umschlag per Waggon auf Schienen setzt. Das sei effizienter, schneller, billiger und auch leiser, meint Jens-Christian Herold, verantwortlicher Direktor bei Jay-C. Das hätten computersimulierte Tests ergeben und das meinten auch renommierte Experten, die dem Unternehmen zur Seite stehen.

Das stimme alles nicht, meint hingegen die Bahn. Sie nennt das System des Unternehmens aus Weimar, so wie es bei einer ersten Vorstellung im Jahr 2013 unterbreitet wurde, "unausgereift, unfertig und betrieblich nicht leistungsfähig": "Die nun geplante Lösung mit batteriebetriebenen, gummibereiften Transporteinheiten stellt zusammen mit dem vollautomatischen Batteriewechsel die aktuell innovativste Lösung für die Längsförderung der Ladeeinheiten dar", schreibt die Bahn in einer Antwort auf Fragen dieser Zeitung.

In der Tat handelt es sich beim Umschlagsystem für die Container um das Herzstück des Megahub. Er muss schnell und reibungslos funktionieren. Das funktioniere mit dem Jay-C-System am besten, meint Herold. Während bei dem von der Bahn favorisierten System die Umlaufzeiten für eine Kranbewegung bei etwa 85 Sekunden lägen, seien bei der Methode mit den Waggons auf Schienen 55 Sekunden machbar. Eine eigens entwickelte sogenannte Schleifentechnik samt ausgeklügelter Computersoftware mache das Jay-C-System 30 Prozent effizienter, seine Lärmentwicklung liege im Vergleich zu dem der Bahn um 20 Dezibel niedriger. "Und wir schaffen mit drei Krananlagen das, was gummibereifte Transporteinheiten mit sechs Kränen schaffen", meint Herold.

Die Fronten sind hart: Jay-C hat mittlerweile eine Anwältin eingeschaltet, die die Interessen der Firma gegenüber der Bahn vertritt. Kürzlich hat Jay-C auch an die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, geschrieben. In dem Schreiben mahnt Jay-C den freien Markt an, die Bahn aber, in der Zypries selbst Aufsichtsratsmitglied war, stehe in der Megahub-Angelegenheit "nachweislich und belegbar weder für faire noch für freie Märkte". Jay-C habe alle Auflagen der öffentlichen Ausschreibung erfüllt und werde nun mit einer "vierjährigen, fadenscheinigen Projektverschiebung" hingehalten, heißt es in dem Schreiben an die Ministerin.

Die Bahn kontert: Jay-C habe im Jahr 2013 bereits aus dem vorgeschalteten Teilnahmewettbewerb des Vergabeverfahrens ausgeschlossen werden müssen. Jay-C habe sich damals mit einer Firma beworben, die nicht existierte. Weil in solch einem Verfahren strenge rechtliche Vorgaben gültig seien, habe man nicht anders handeln können. Das Recht auf eine Nachprüfung habe Jay-C nicht in Anspruch genommen. Das Bundesministerium für Verkehr sei als Förderer des Bauvorhabens von Beginn an in die Entscheidung zur Sortieranlage eingebunden worden. Es unterstütze die Lösung mit den batteriebetriebenen, gummibereiften Sortiereinheiten, beteuert die Bahn.

Herold lässt indes nicht locker. Er spricht von nicht eingehaltenen gesetzlichen Grundlagen und davon, von der Bahn beim Vergabeverfahren "ausgetrickst" worden zu sein. Die erste Kartellbeschwerde habe es daher schon 2013 gegeben, eine Kartellklage dann im Jahr 2016. In der Angelegenheit sei jedoch nicht weiter ermittelt worden, sagt Herold. Er versichert aber, dass sein Unternehmen in der Lage sei, sein Sortiersystem auf Waggons ohne Probleme und sehr schnell zu verwirklichen - auch wenn solch eine Anlage anderswo noch nirgends in Betrieb sei. Mithin sei es für sein mittelständisches Unternehmen eminent wichtig, mit der Bahn ins Geschäft zu kommen - aber die Bahn scheine sich nicht für finanzielle Ersparnis und technische Innovation zu interessieren. Schließlich sei sogar eine Eingabe an das Eisenbahnbundesamt gescheitert. Dieses entscheidet maßgeblich über die Einzelheiten zum Bau des Megahub.

Bleibt die Stadt Lehrte: Die steht nun etwas ratlos vor dem Streit zwischen der Firma aus Weimar und der Bahn. Sie kann sich nach Worten von Stadtbaurat Burkhard Pietsch weder die Sicht von Jay-C zu eigen machen, noch sich allein auf die Seite der Bahn stellen. "Da fehlen uns die fachlichen Kompetenzen", meint Pietsch.

 Bürgerinitiative begrüßt Sortieranlage mit Waggons

Die Bürgerinitiative MegaLeise aus Ahlten ist ganz auf der Seite von Jay-C. "Wir Anwohner verstehen nicht, wie die DB-Netz AG bei der bekannten Lärmproblematik weiterhin an den verhältnismäßig alten Technologien festhalten kann und sich lieber auf einen langjährigen Verwaltungsgerichtsstreit vorbereitet, als eine offenkundig bessere Lösung zum Vorteil Aller in Betracht zu ziehen", schreibt Maik Reiß, Sprecher der Initiative, in einer Stellungnahme. Das Verladesystem mit Portalkränen samt heftigen Aufsetz- und Windgeräuschen sei "old school". Es passe aber in ein Technologiebild der Bahn "aus den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als Lärm noch als Synonym für Fortschritt stand".

Was Deutschland brauche seien hingegen smarte, zukunftsweisende, menschenfreundliche Technologien. Wenn der Megahub als Pilotanlage für den kombinierten Verkehr der Zukunft gelte, sei es nicht zu verstehen, warum solche Technologien nicht benutzt würden.

Inbetriebnahme im Jahr 2019

In der Tat hatte die Bahn zunächst geplant, ein schienengestütztes Sortiersystem für den Megahub zu bauen. Doch als dafür keine nach Ansicht des Unternehmens geeigneten Angebote kamen, schwenkte man auf das sogenannte gummibereifte fahrerlose Transportsystem um. Auch diese Änderung war ein Grund für ein zeitaufwendiges Änderungsverfahren in der Planfeststellung. Dazu sei das Anhörungsverfahren im Februar beendet worden, teilt die Bahn mit. Jetzt ist das Eisenbahnbundesamt als Genehmigungsbehörde an der Reihe, "die betroffenen Belange in einem einheitlichen und umfassenden Akt durch Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen zum Ausgleich zu bringen", heißt es in einem Schreiben der Bahn.

Wenn nun das gesamte Verfahren reibungslos läuft, könnte schon bald tatsächlich Baustart für den Megahub auf dem Gelände des Alten Rangierbahnhof westlich von Lehrte sein. Die Inbetriebnahme der Anlage sei aktuell für das Jahr 2019 geplant, heißt es.

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