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Vor 70 Jahren kamen die Schlesien-Flüchtlinge

Lehrte Vor 70 Jahren kamen die Schlesien-Flüchtlinge

Vor genau 70 Jahren kam an Lehrtes Bahnhof ein außergewöhnlicher Transport an. Er hatte exakt 1834 Menschen an Bord. Sie alle waren aus Schlesien vertrieben worden. Drei Lehrter, die damals noch Kinder waren und urplötzlich ein neues Leben beginnen mussten, erinnern sich.

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Kamen vor 70 Jahren aus Schlesien (von links): Reinhard Seifert, Helene Gaenger und Gustav Matzner.

Quelle: Michael Schütz

Lehrte. Reinhard Seifert, Gustav Matzner und seine Schwester Helene Gaenger waren noch Kinder, als sie am 5. August 1946 im schlesischen Grenzdorf Comeise mit ihren Eltern und vielen anderen Menschen in Güterwagen steigen und eine Reise ins Ungewisse antreten mussten. Insgesamt 168 Personen aus dem Dorf wurden auf diese Weise auf die Reise geschickt. In der Kreisstadt Leobschütz wurden sie mit anderen Flüchtlingen vereint, sodass insgesamt 1834 Vertriebene auf die Reise gen Westen gingen.

Am 9. August kam der Transport - inzwischen durften die Flüchtlinge in Personenwaggons reisen - in Lehrte an. Es war der einzige Flüchtlingstransport, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Lehrte endete. Die Ankömmlinge wurden auf den damaligen Kreis Burgdorf verteilt. Noch heute leben Menschen aus diesem Transport zwischen Burgwedel und Sehnde.

Ungefähr 300 der damaligen Flüchtlinge seien noch am Leben, erzählt Matzner, der heute als 77-Jähriger in Lehrte wohnt. Es gebe immer noch regelmäßige Treffen. „Aber es werden immer weniger Teilnehmer“, sagt er.

Es müssen damals, vor 70 Jahren, ganz ähnliche Szenen gewesen sein wie die im vergangenen Jahr, als zwei Züge mit Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens in Lehrte ankamen. Der Transport im Jahr 1946, von dem es sogar noch eine Namensliste gibt, wurde auf dem Bahnhof direkt am Gleis 3 abgestellt, sodass man einen Zugang zur Bahnhofstraße hatte. „Da stand dann ein Lastwagen hinter dem anderen“, erinnert sich Matzner. Damit ging es dann zur Weiterverteilung.

Zunächst kamen 30 Familien in die Lehrter Turnhallen. Danach wurden die Menschen bei Einheimischen einquartiert oder kamen anderswo unter. Gustav Matzner und seine Schwester Helene Gaenger waohnten sogar für einige Zeit im Rathaus. Dort habe es damals Wohnungen gegeben, beispielsweise für den Hausmeister oder den Sparkassendirektor, sagte Gaenger. „Wir bekamen zwei Zimmer zugewiesen, in denen wir mit vier Kindern, der Mutter und der Großmutter wohnten.“

Die Einheimischen seien seinerzeit recht unterschiedlich mit den Ankömmlingen umgegangen, sagten die aus Schlesien vertriebenen heute. Auch das sei eine Parallele zu heute. Bei einigen durften die Flüchtlinge alles in den Wohnungen mitbenutzen. „Andere haben eigens für die Flüchtlinge ein Plumpsklo auf dem Hof gebaut, damit sie nicht die Toilette im Haus benutzten“, erinnert sich die heute 79-Jährige Gaenger.

Reinhard Seifert etwa hatte Glück. Er wurde in der Wilhelm-Busch-Straße einquartiert und hatte ein 16 Quadratmeter großes Zimmer, in dem die dreiköpfige Familie wohnte. Insgesamt seien vier Familien in der Wohnung des damaligen Eisenbahnerbauvereins, der heutigen Wohnungsgenossenschaft Lehrte (WGL), untergekommen. Der größte Luxus: „Einmal in der Woche baden“, sagt der heute 87-Jährige, der 1945 beim Minenräumen sein Augenlicht verlor.

Die Flucht vor 70 Jahren hätten sie damals als eine Art Abenteuer erlebt, sagen die drei Heimatvertriebenen. „Wir haben uns von dem Neuen mitreißen lassen“, sagt Gaenger. „Die Alten haben gejammert.“ Seifert erinnert sich: „Die Erwachsenen haben noch lange gehofft zurückkehren zu können.“ Sie hätten in Lehrte nichts Neues gründen wollen.

Die damaligen Kinder sind heute längst Lehrter geworden mit einer inzwischen abgeschlossenen Arbeitskarriere, Ehen, Kindern und Enkeln. Trotzdem bleibe Schlesien immer noch die Heimat, findet Gaenger: „Wo man geboren ist, ist man zu Hause.“ Den Polen, die ihre Höfe und Wohnungen übernommen hätten, könne sie aber nicht böse sein: „Das waren doch selbst Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten.“ Es seien eher die polnischen Behörden gewesen, die unfreundlich waren, erinnert sich Seifert. Sie hätten immer noch Kontakt zu den Polen, die jetzt dort wohnten, sagte Gaenger. „1979 waren wir das erste Mal da, und zu Weihnachten schicken wir noch Pakete.“

Der Krieg entwurzelt die Menschen

Die Vertreibung der Menschen aus Schlesien, West- und Ostpreußen war eine direkte Folge des von Nazi-Deutschland entfachten Zweiten Weltkriegs. Die Alliierten, die 1945 den Krieg gewonnen hatten, hatten auf Wunsch der Russen die so genannte Westverschiebung Polens beschlossen. Weite Teile Ostpolens wurden damals in die Sowjetunion eingegliedert (heute Teile Litauens, Weißrusslands und der Ukraine). Die dortige Bevölkerung wurde nach Westen transportiert. Im Gegenzug bekam das neue Polen die ehemaligen deutschen Ostgebiete, wohin die entwurzelten Polen gebracht und angesiedelt wurden. Dafür mussten die bis dahin dort wohnenden Deutschen ausgesiedelt werden.

Zwischen 1944 und 1950 sind rund zwölf Millionen Menschen entweder noch in den Kriegswirren vor der Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten geflohen oder wurden nach dem Krieg vertrieben.

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Fotostrecke Lehrte: Vor 70 Jahren kamen die Schlesien-Flüchtlinge

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Von Michael Schütz

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