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Am Bahnhof endet die Ära Scheve

Neustadt Am Bahnhof endet die Ära Scheve

Mit der Übergabe des Hotels Scheve an die städtischen Wirtschaftsbetriebe am Freitag enden 151 Jahre Neustädter Gastronomiegeschichte. Henning Scheve, Sohn der Wirtsleute Helmut und Ursula Scheve, hat die Geschichte niedergeschrieben.

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Um 1942: Frieda und Herbert Scheve mit den ältesten Kindern Helga und Herbert am alten Tresen im Gasthof zur Eisenbahn.privat (5), Götze (1)

Quelle: r/privat

Neustadt. Der Jurist hat auch einige Semester Geschichte studiert, für seine Ausarbeitung hat er neben Familienerinnerungen auch alte Konzessionsunterlagen ausgewertet. 1865 hatte Heinrich Heusmann das Gasthaus eröffnet. Er ließ 1880 das Haupthaus errichten, das 1892 noch die neugotische Fassade erhielt. Als Heusmanns Witwe Johanne 1916 starb, übernahm ihre Tochter gleichen Namens. Im Konzessionsantrag schrieb sie: „Die Wirtschaft wird (...) von Landleuten besucht, welche auf ihren Fahrten nach Neustadt am Rübenberge hier ausspannen. Es herrscht (...) ein durchaus ruhiger und ansprechender Ton.“ Sie bekam die Konzession, musste das Gasthaus aber 1919 wegen Erbstreitigkeiten wieder abgeben.

Sie verkaufte es dem Landwirt und Viehhändler Otto Zinne aus Otternhagen. Hier beginnt die Verbindung zur Familie Scheve. Zinne musste den Betrieb wegen seines Asthmas zeitweise schließen, 1928 verkaufte er ihn an Konrad Scheve aus Horsten bei Bad Nenndorf, der das Haus als „Gasthof zur Eisenbahn“ wieder eröffnete. Er war kriegsversehrt, die Betriebsführung übernahm seine resolute Ehefrau Sophie, unterstützt von Schwägerin Wilhelmine Scheve. Die Kinder Herbert, Ida und Artur wurden schnell in Neustadt heimisch. Im Jahr 1937 heiratete Herbert Scheve dann Otto Zinnes Tochter Frieda - demnach befand sich das Haus also rückblickend nun 97 Jahre lang in Familienhand.

Scheves fügten dem Gasthaus in den Dreißigerjahren einen großen Bier- und Kaffeegarten mit Tanzfläche hinzu. Im Kriegsjahr 1943 wurde der Betrieb Herbert Scheve überschrieben, während dieser noch als Soldat an der Ostfront war. Nach Kriegsende wurden Frieda Scheve und ihr Personal verpflichtet, die auf dem Bahnhof ankommenden Flüchtlinge zu beköstigten. Gekocht wurde in einem großen Waschkessel - die erste warme Mahlzeit nach der Flucht für viele Neu-Neustädter.

In den Fünfzigerjahren ging es aufwärts: Das alte Fachwerkhaus nebenan wurde abgebrochen, im neuen Restaurant stand einer der ersten Fernseher der Stadt. Zu Hunderten verfolgten die Neustädter die Sendungen, im Saal und vor dem Fenster. In der folgenden „Fresswelle“ bot der aus der Kochausbildung zurückgekehrte Sohn Helmut Scheve im großen Stil Hähnchen, Steaks und Schaschlik an. Er sammelte Preise, führte die gehobene Küche ein; Scheves belieferten auch Schützen- und Schlossfest. In seiner Ursula, ebenfalls Köchin, fand Helmut Scheve die richtige Partnerin, um das Haus über die Jahrzehnte auszubauen. Senior Herbert Scheve betrieb ab 1970 im Untergeschoss eine Bar mit vier Kegelbahnen, die stets ausgebucht waren.

Die Eheleute versahen das Haus bis 1970 mit dem modernen Hotelflügel, den sie 1997/98 noch um die oberen Geschosse erweiterten. In dem Drei-Sterne-Hotel logierten Berühmtheiten wie die Schauspieler Horst Buchholz, Herbert Hermann, Elke Sommer, Sonja Ziemann, Hansjörg Felmy, die Sängerin Gitte Haenning, außerdem Prinz Heinrich von Hannover und Vizekanzler Sigmar Gabriel.

Scheves begleiteten die Neustädter von der Taufe bis zur Trauerfeier durchs Leben. Auch viele Vereine, von Wacker Neustadt über Landfrauen, ADFC, Anglerverein und Siedlerbund bis zum Lions Club und den Parteien, hielten dort ihre Versammlungen ab.

Nach dem Tod des Vaters 2011 entschlossen sich die Nachkommen Britta Wilkens, Hergen und Henning Scheve, den Betrieb zu verkaufen - alle drei haben andere Berufe. Ein Nachfolger fand sich nicht. Stattdessen griff die Stadt über ihre Wirtschaftsbetriebe zu und will dort nun ein Flüchtlingsheim einrichten. Von Henning Scheve und Kathrin Götze

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