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Wie Neustadt den ersten Weltkrieg erlebte

Neustadt Wie Neustadt den ersten Weltkrieg erlebte

Weit entfernt scheint vielen Zeitgenossen der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren noch in vollem Gange war. Ein Autorentrio aus Neustadt hat die Ereignisse nun quasi auf heimischen Boden geholt. "Neustadt im Ersten Weltkrieg", heißt das Buch von Hans-Erich Hergt, Hartmut Dyck und Claudia Condry.

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Abbildungen aus dem Buch "Neustadt im ersten Weltkrieg": In der Jugendkompanie bekamen Männer zwischen 16 und 20 Jahren eine vormilitärische Ausbildung. Hier posieren die jungen Neustädter 1916 vor dem Ehrenmal für die Befreiungskriege, das einmal auf dem marktplatz vor der Liebfrauenkirche stand.

Quelle: Sammlung Kemmerich

Neustadt. Denn auch in Neustädter Familien hat der Erste Weltkrieg unauslöschliche Spuren von Elend, Leid und wirtschaftlicher Not hinterlassen, wie es im Vorwort der Autoren heißt. Doch in den meisten Chroniken aus dem Neustädter Land ist die Zeit von 1914 bis 1918 nur spärlich oder gar nicht dokumentiert. Das haben die drei Autoren jetzt in beeindruckender Weise nachgeholt.

Denn das Buch schildert nicht Schlacht- und Frontverläufe, wie die klassischen Geschichtsbücher. "Statt Heldentaten steht hier der graue, entbehrungsreiche Alltag im Vordergrund", so das Vorwort zu dem Werk, das einen wahren Schatz von Dokumenten, Handschriften, Zeitungsausschnitten, Urkunden, Fotos und Postkarten vereint und auf diese Weise die Geschehnisse so dicht heranholt, dass dem Leser manchmal die Haare zu Berge stehen.

"Es ist ein Wunder Gottes, dass er mich so vor den vielen Geschossen, die nur so um mich herum sausten, geschützt hat", schreibt etwa der Fabrikbesitzer Heinrich Schlüter im September 1914 über die Schlacht bei Haecht in Belgien. "Ich hatte hinten im Hause Deckung gesucht. Hunderte von Gewehrkugeln flogen durch die Fenster, bis schliesslich auch eine Anzahl Artilleriegeschosse das Haus vollständig durchlöcherten und es in Flammen aufgehen liessen."  Drastische Schilderungen haben die Autoren aus den Kriegstagebüchern des Neustädters Heinrich Hesterberg und des Vesbeckers Gustav Peters übernommen. Wo Hesterberg noch vom "Heldentod" seines Hauptmanns schreibt, wird Peters deutlicher: "Durack lag vor meinen Füßen. Sein Gehirn klebte an meinen Stiefeln" - das ist einer von vielen erbärmlichen Toden, den Peters mit ansehen musste.

Wie in der Heimat aus diesen grausigen Erlebnissen Heldengeschichten wurden, hat Claudia Condry nachvollzogen. So hätten viele Soldaten wohl ihre Familien schonen wollen, auch seien kritische Äußerungen von der Armee verboten gewesen. Vielen hätten aber wohl auch einfach die Worte gefehlt. Ein Merkblatt für Urlauber riet: "Fährst du in den Urlaub, dann lass den Dreck und die traurigen Gedanken im Graben".

Von Kriegspropaganda und Militarisierung, die bis in die Kinderzimmer reichte, erzählt das Buch, von Neustadt als Garnisonsstadt, von Aufrufen zur Kriegshife, von Zwangsarbeitern im Poggenmoor und dem Theresenstift, das zum Vereinslazarett wurde. Ein vielschichtiges Werk, und mit seinen zahlreichen Abbildungen ein eindringliches Mahnmal gegen den Krieg.

Autoren laden zu Film und Vortrag ein

Mit einem Film- und Bildvortragsabend wollen die Autoren Claudia Condry, Hans-Erich Hergt und Hartmut Dyck den Neustädtern ihr Werk nahebringen. In Kooperation mit der Volkshochschule laden sie für Freitag, 20. Oktober, 19 Uhr, in den Kinosaal im Leinepark, Suttorfer Straße 8, ein. Condry, die lange Zeit im Imperial War Museum in London gearbeitet hat, zeigt Ausschnitte aus einer Fernsehdokumentation der englischen BBC zur Schlacht an der Somme, an der sie mitgewirkt hat. Und Hergt zitiert aus den Schilderungen der Neustädter im Buch, zeigt dazu einige ausgewählte Bilder auf der Leinwand.

Bei der Veranstaltung gibt es das neue Buch dann auch erstmals zu kaufen - dank zahlreicher Sponsoren ist der mehr als 200-seitige farbige Bildband im Din-A-4-Format für 25 Euro zu haben - später auch im Museum und an weiteren Verkaufsstellen. Für März ist eine Ausstellung zum Thema im Museum zur Stadtgeschichte in Vorbereitung.

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