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Als vieles noch nicht selbstverständlich war

Bordenau Als vieles noch nicht selbstverständlich war

Genug zu essen, fließend warmes Wasser - selbst hierzulande ist das alles noch nicht so lange selbstverständlich. In ihrem Buch "Geboren 1940", hat die Bordenauerin Gisela Oberheu Erinnerungen an eine Zeit niedergeschrieben, die viele noch in sich tragen. So fern sie heute scheint.

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Zwischen Schlichtbauten und Gänsen wuchsen Gisela und ihre Geschwister in der Kleinen Südheide auf.

Quelle: privat

Bordenau. Dass die heute 77-Jährige vortrefflich erzählen kann, wissen schon die Freundinnen aus der "Fröhlichen Runde" des DRK Bordenau, denen sie schon vielfach vorgetragen hat. Wer das Lokalkolorit vergangener Tage genießt oder einfach Freude an Geschichten aus dem Alltag hat, kommt mit Gisela Oberheus Buch auf seine Kosten.

Er erfährt zum Beispiel von den schmalen Verhältnissen, die seinerzeit in der Kleinen Südheide in Wunstorf herrschten: "Als ich ein Kind war, gab es in der Barne nur diese Straße, sonst nichts", schreibt Oberheu, schildert ein Armenviertel mit damals schlechtem Ruf - und mit Nestwärme. Auch im wahrsten Sinn des Wortes: Gar zu gern sieht die junge Gisela auf der kleinen Brutfarm der Familie Annecker gegenüber den Küken beim Schlüpfen zu. Den blinden Herrn Rom, der im Schuppen Besen machte, bewundert sie für seine Selbstständigkeit. Und von Oma Winkel, die ihre zwei Enkel aufziehen muss, nachdem der Vater im Krieg und die Mutter im Konzentrationslager gestorben sind, halten sich die Kinder lieber fern: Sie schimpft immer nur.

Eine Art Erweckungserlebnis hat Gisela dann in Bordenau: Mit 14 verdingt sie sich als Dienstmädchen im großen Haushalt der Schwestern Adriana von Winterfeld und Karin Gräfin zu Dohna an der Ricklinger Straße, wird von den drei Kriegerwitwen als "siebtes Kind" aufgenommen. Oft muss das Essen, das Gisela kocht, für drei Gedecke mehr reichen, weil unverhofft Besuch kommt. Denn der wird immer herzlich aufgenommen. "Es reichte immer, notfalls wurde mit Wasser verlängert", schreibt die Autorin - das warme Lächeln dabei fühlt der Leser gleich mit. Bücher, Theater, klassische Musik, lernt sie in den sechs Jahren dort erst kennen. Dort bleibt sie tätig, bis zur Heirat mit ihrem Wilhelm und dem Umzug in die Bordenauer Ziegelei. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Gisela Oberheu beherrscht die Kunst, in wenigen kurzen Sätzen Bilder und Gefühle zu erzeugen. In einem Kapitel erzählt sie von den arbeitsreichen Waschtagen ohne Waschmaschine. In einem anderen gesteht sie offen, wie sehr es sie quälte, nicht zu wissen, ob der 1944 im Krieg gefallene Vater als SA-Mann in Wunstorf an Überfällen gegen Juden beteiligt gewesen war. Kleine und große Sorgen stehen da gleichberechtigt nebeneinander, außerdem Gedanken und erdachte Geschichten, die exemplarisch für den Alltag einer ganzen Generation stehen. Ganz wie im richtigen Leben. Lesenswert.

"Geboren 1940" von Gisela Oberheu hat 228 Seiten und etliche Abbildungen. Es ist bei Books on Demand erschienen, trägt die ISBN-Nummer 978-3-7431-9048-1 und kostet 11,95 Euro. In der Buchhandlung Frerk in Neustadt, Windmühlenstraße/Am Wallhof, liegen schon einige Exemplare bereit.

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