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Dörfer brauchen bessere Unterstützung

HAZ- und Sparkassen-Forum ÜberMorgen in Neustadt Dörfer brauchen bessere Unterstützung

Dorfarzt, Tante-Emma-Laden, schnelles Internet, gute Busverbindungen? Mancherorts Fremdworte im Neustädter Land. Und wie wird es 2027 aussehen? Zukunftsfragen, gestellt an Experten im Forum "ÜberMorgen" von Sparkasse Hannover und HAZ am Montagabend im Schloss Landestrost.

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Keine fertigen Konzepte für 2027 (von links): Volker Hahn, Frauke Lehrke, Alexander Jüptner, Wilhelm Klauser und Elke van Zadel im sehr gut besetzten Saal des Schlosses Landestrost.

Quelle: Mirko Bartels

Neustadt. Rund 150 Gäste hatten im illuminierten großen Saal Platz genommen, sehr wache Gäste mit den gleichen Fragen im Kopf wie Moderator Jan Sedelies von der HAZ. Fast zweieinhalb Stunden drehten sich die Gespräche um Arbeitsplätze, Dorfleben, Mobilität und pflegerische Versorgung.

Einer der fünf Experten lebt und wirtschaftet im Neustädter Land: Landwirt Volker Hahn aus Hagen, Vorsitzender des Landvolks Region Hannover mit 3200 Mitgliedern. Geht es den Dörfern in seinem Umfeld schlecht? Sterben sie gar? Nein, sagt Hahn, nicht wirklich. Die Dörfer im Mühlenfelder Land seien intakt, lebenswert und gut angebunden ans öffentliche Netz. "Ich erlebe bei uns eine große Begeisterung für die Dörfer, wenn es um genau diese Fragen geht. Ich sehe viel Engagement und viel Liebe zum Heimatdorf", sagt Hahn, "jedes Dorf sucht seinen eigenen Weg in die Zukunft."

Hahn: Dörfer müssen attraktiv bleiben für junge Leute

Hahn weiß, dass Neustadt noch zum erweiterten Speckgürtel von Hannover zählt. Im nördlicheren Heidekreis seien die Probleme viel drängender. Der Speckgürtel hat Vorteile, sagt Hahn, weil Menschen aus der Stadt ins Grüne ziehen. "Es gibt in manchen Dörfern wieder Neubaugebiete, in anderen sehe ich aber große Leerstände", sagt Hahn. Seine Forderung an die Politik und die Einwohner: "Wir müssen die Dörfer attraktiv halten, sonst weiß ich nicht, wie es in Lutter oder Laderholz 2027 aussieht. Ich muss jungen Leuten die Möglichkeit geben, dort zu bleiben."

Dazu zähle schnelles Internet. "Wenn ich im Stall bin, muss mich keiner anrufen. Es gibt keinen Empfang. Und im Büro braucht die Leitung zehn Minuten, bevor ich das Regenradar aufrufen kann - das ist hier ein Riesenproblem", sagt Hahn. Holger Hentschel aus Hagen pflichtet ihm bei. Der Hagener mischt sich via Facebook in die Debatte und postet: "Schnelles Internet im alten Teil Hagens wäre schon gut. Selbstständig zu sein wird schwierig." Zwei Mbit gebe seine  Leitung her, das Netz sei nicht stabil, der Handyempfang sei fast Null. "Sehr bedauerlich." Offensichtlich ein Grundproblem, das in andere Themen hineinspielt.

Lehrke: Dorfladen ist keine Sozialromantik

Themenwechsel: Einkaufen auf dem Land. Für denjenigen, der mobil ist, eher kein Problem, wohl aber für Menschen ohne Auto. Frauke Lehrke hat das in Sehnde-Bolzum erlebt und sich der Dorfladeninitiative angeschlossen. Inzwischen berät sie andere Initiativen. Ihr Laden schreibt nach einem Jahr schwarze Zahlen, beschäftigt neun Mitarbeiter, sieht an Spitzentagen 300 Kunden, ist größter Arbeitgeber im Dorf und  - viel wichtiger - ein wichtiger Knoten im sozialen Netzwerk. Da wollen die Initiativen aus Neustadt-Mariensee und Wunstorf Bokeloh auch hin. Für Mariensee sind Zuschüsse bewilligt und alle Anteile gezeichnet. "Es soll dieses Jahr losgehen mit dem Bau", sagt Ortsbürgermeister Heinrich Zieseniss optimistisch.

Lehrke gratuliert, wirbt für die Dorfladenidee, warnt aber auch: Wer immer einen Dorfladen plane, möge alle Menschen im Dorf nach ihren Einkaufsbedürfnissen fragen. "Machen sie ein passendes Konzept, es gibt so viele unterschiedliche Ansätze", sagt Lehrke. Dorfladen habe übrigens nichts mit Sozialromantik zu tun. "Das sind bei uns 80 Stunden harte Arbeit pro Woche", sagt Lehrke. Aber es lohne sich. Der schönste Moment sei für sie, wenn "ich in den Laden komme und die Menschen miteinander reden sehe. Dafür haben wir das gemacht - nicht vorrangig wegen Butter und Mehl."

Jüptner: Pflegedienste lehnen neue Kunden ab

Und wie steht es um die Gesundheitsversorgung auf dem Land? Alexander Jüptner leitet bei den Johannitern die Erforschung und Entwicklung neuer Dienstleistungen und Produkte. Sein Zukunftsausblick zum Thema Pflege klingt befremdlich: Eine Pflegefachkraft am Monitor und nicht am Patienten. Das kommt, sagt Jüptner, "weil wir nicht mehr genug Pflegepersonal haben. Sehr viele Pflegedienste lehnen neue Kunden ab, weil ihnen Personal fehlt."

Ein Beispiel: In Deutschland sei es nur einer Pflegefachkraft gestattet, Medikamente zu verabreichen. "Ich schicke also eine Pflegekraft fürs Waschen, Wenden und Versorgen zum Kunden. Und ich schicke eine Fachkraft hinterher für die Medikamente? Das funktioniert nicht mehr", sagt Jüptner. Die Idee: Die Fachkraft sitzt am Monitor, die Pflegekraft geht online, beide verständigen sich über die Medikamente und dem Kunden ist geholfen. Eine Vision, die allerdings schnelles Internet und Handyempfang auf dem Lande voraussetzt... 

Jüptners Ziel in aller Forschung: Mehr Zeit für den Menschen. "Pflegepersonal muss heute 30 Prozent der Arbeitszeit in die Dokumentation investieren. Wenn wir das vereinfachen können, haben wir wieder mehr Zeit für den Menschen. Daran arbeiten wir." Und auch daran: Zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover bauen die Johanniter gerade ein Forum auf für pflegende Angehörige. Fragen stellen, Antworten bekommen, Unterstützung finden, sicherer werden in der häuslichen Pflege, das seien die Ziele. Bis das Forum online geht, werden noch Monate vergehen. Aber es ist ein Schritt in die Zukunft.

Klauser: Warum nicht auch Büros teilen statt pendeln?

Ganz andere Ziele verfolgt Wilhelm Klauser. Klauser ist Architekt und Gründer von Initialdesign Berlin. Seine Gedanken drehen sich um leerstehende Immobilien, um Arbeitsplätze und um Pendler. In Gehrden entsteht gerade ein Pilotprojekt. Klausers Konzept: So wie sich Menschen ein Auto teilen, könnten sie sich auch Büros in Wohnortnähe teilen. Klauser spricht von multifunktionalen Standorten. "Ich habe Sparkassenfilialen gesehen, die viele Stunden geschlossen sind und gefragt: Was macht ihr damit?", erzählt Klauser. Nach seiner Vorstellung könnten sich soziale Dienste, Volkshochschule, Rentenberater, Polizei, Bank und Pendler sich eine solche Immobilie samt ihrer Infrastruktur teilen.

"Aus Gehrden pendeln jeden Tag 1200 Menschen nach Hannover und zurück. Wir bieten jetzt in Gehrden 13 Arbeitsplätze, ein Café und einen Bioladen an. Wir haben einen Betreiber und sind mit dem Immobilieneigentümer einig." Der nächste Schritt sei das Klinkenputzen bei Unternehmen. "Wenn ihre Mitarbeiter Pendlerzeit und die Firmen die Einrichtung von Büros sparen können, das die halbe Woche leer steht, müssten wir auf Interesse stoßen", sagt Klauser. In Frankreich sei die Idee im Kommen, große Schweizer Unternehmen hätten ebenfalls Interesse. So etwas wäre Neuland für Neustadt, "aber solche Arbeitsplätze können für kleine Kommunen zum Standortvorteil werden", sagt Volker Hahn und knüpft an seine Forderung an, Dörfer attraktiv zu halten.

Das Gefälle ist unübersehbar

Dass vieles in der Stadt schneller geht und einfacher ist, wissen die Experten, siehe Internet, öffentlicher Nahverkehr oder Radschnellwege. "Ich habe aber immer wieder den Eindruck, dass hier 'die Stadt zuerst' gilt", sagte Steffan Strulik, CDU-Politiker aus Idensen. "Wer hilft uns denn im Umland? Nach meiner Erfahrung müssen wir uns selbst helfen. Wir brauchen eine bessere politische Unterstützung", forderte Strulik.

Jürgen Schart aus Neustadt sieht es ähnlich: "Je weiter man sich von Hannover entfernt, desto schwerer wird es für Ältere, das fängt schon bei den Bussen an", sagte er. Hans Werner Weiss vom Seelzer Seniorenbeirat pflichtete ihm bei: In angemessener Zeit mit Öffis zum Krankenhaus nach Gehrden oder zu Ärzten nach Garbsen zu kommen, sei nicht möglich. Und das, obwohl "wir in der Region Hannover das dichteste Netz haben", sagte Elke van Zadel vom Bereich Verkehrsmanagement der Region Hannover. "Bei Verbindungen von der Peripherie in die Stadt sind wir gut aufgestellt. Aber Querverbindungen zwischen Städten in der Region sind schwierig, das wissen wir", sagte van Zadel.

Der Blick nach vorn: Das Projekt „ÜberMorgen“

Am Ende der lebhaften Diskussion kreisten vermutlich mehr Fragen als Antworten durch die Köpfe. Genau das ist das Ziel des Forums "ÜberMorgen": Keine fertigen Konzepte, sondern Diskussionen anregen und Ideen anstoßen.

Das Projekt "ÜberMorgen" ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und Sparkasse Hannover. In der gedruckten HAZ, auf einer Multimedia-Internetseite und bei Veranstaltungen wie nun in Neustadt werden Informationen zu den wichtigsten Zukunftsfragen gesammelt. Themenpartner ist hannoverimpuls. "Als Sparkasse sind wir seit fast 200 Jahren in der Region Hannover aktiv. Und genauso lange bewegen uns die Zukunftsfragen für das Umfeld, in dem wir arbeiten", sagt Dr. Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover. „Was kommt auf die Menschen, die Unternehmen und die Kommunen zu? Auf was müssen wir uns heute einstellen, damit wir hier auch übermorgen gut leben? Mit der Initiative 'ÜberMorgen' wollen wir helfen, gute Antworten in einer sehr komplex gewordenen Welt zu finden. Nicht irgendwo im Silicon Valley, sondern in unserer Region", sagt Jagau.

Die Sammlung aller Beiträge finden Leser im Internet auf uebermorgen.haz.de.

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