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Der Sanfte mit dem Holzhammer

Neustadt Der Sanfte mit dem Holzhammer

Das Grauen kommt hinterrücks. Im sanften Ruhrpott-Singsang plaudert der Mann mit dem Pferdeschwanz daher. "Hamse Winterreifen?", fragt Hagen Rether ganz harmlos ins Publikum. Die nächste Frage hat es schon in sich: "Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie froh sind, dass wir Merkel haben?"

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Mit Bananen am Klavier: Hagen Rether will die Welt im Plauderton verbessern.

Quelle: Kathrin Götze

Neustadt. So funktioniert das. Nett plaudern, auf dem Drehstuhl am Klavier. Dann der Schlag mit dem Holzhammer. Denn Rether entlarvt besonders gern die Ausreden des gut bürgerlichen Publikums. "Herr Rether, was können wir denn tun?", habe ihn ein älteres Ehepaar gefragt und hinzugesetzt: "Sagen sie jetzt aber nicht Bio und Fairtrade kaufen." Rether zieht eine Grimasse: "Ja, was denn sonst du Depp!", schimpft er plötzlich los. Doch viele würden eben lieber den großen Bogen denken, statt in kleinen Schritten auf Verbesserungen hinzuwirken.

"Wir", sagt Rether dann. "Wir" verteufeln die Schandtaten asiatischer und afrikanischer Potentaten, "dabei ist die Weltwirtschaftsordnung das viel größere Verbrechen." Ausbeutung, Umweltzerstörung, Diskriminierung, sind die großen Feinde, gegen die der Moralist ankämpft. Und zwar immer gegen Strukturen, anstatt auf einzelne Politiker einzuschlagen. Auch wenn das doch einen so schönen, gemütlichen, verschwitzten Kabarettabend ergeben könnte, wie er sagt. Für die eigenen Fehler müssen dann Sündenböcke herhalten, wie zuletzt beim VW-Dieselskandal. Rether blinzelt verschmitzt ins Publikum:"Sind Sie auch so froh, dass wir bei den Guten sind?"

Auf billige Lacher ist Rether nicht aus. Und er nimmt sich Zeit: "Puh, halb elf, hab noch wahnsinnig viel Text vor der Brust", seufzt er mit Blick auf die Uhr. Erst eine Stunde später pellt er sich in aller Ruhe eine der Bananen, die auf dem Klavier vor ihm liegen, und isst sie. "Bio-Bananen. Auch so ein Paradoxon. Wie Holzeisenbahn oder Nützliches aus Filz." Dann klopft er die Finger ab und beginnt auf dem Klavier zu improvisieren. "Ich hab ja mal in Essen Musik studiert", sagt er, "hat Jahrzehnte gedauert, das wieder rauszukriegen." 

Rethers sanft-griffige Tour kommt an, über Jahre hat das Kulturforum versucht, ihn nach Neustadt zu holen. Zum Auftakt der 30. Saison klappte es nun, am Vortag seines Auftritts im Theater am Aegi in Hannover. Das Gastspiel in Neustadt war nach kurzer Zeit mit gut 300 Zuschauern ausverkauft. "Zum Auftakt sicherlich nicht schlecht", sagte Kulturforums-Vorsitzender Peter Lampe trocken. Und erntete auch für dieses Understatement Gelächter.

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