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Spitzenforschung mit Stallgeruch

Neustadt Spitzenforschung mit Stallgeruch

Klar - die machen was mit Tieren, im Institut für Nutztiergenetik. Aber was eigentlich? Das Wissen, dass in Mariensee an bahnbrechenden Erkenntnissen auch für die Humanmedizin gearbeitet wird, ist eher Fachkreisen vorbehalten.

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Tiere stehen im Mittelpunkt der Forschung im Institut Mariensee - Rinder, Hühner, Schweine, Schafe gehören zum Bestand. Ergebnisse der Forschung zielen aber auch auf die Humanmedizin.

Quelle: von Werder

Mariensee/Mecklenhorst. Heiner Niemanns Auflistung klingt spannend: "München, Hannover, Dresden, Mariensee" - drei Großstädte, drei Universitätsstädte, und ein Dorf im Norden Neustadt an der Leine. Diese vier Forschungsstandorte bilden einen "top wissenschaftlichen Verbund weltweiter Bedeutung", sagt Niemann. Er wird wissen, was er sagt: Der 64-Jährige ist seit neun Jahren Leiter des Instituts in Mariensee und er hat als Doktor der Veterinärmedizin auch eine Honorarprofessur an der Medizinischen Hochschule Hannover inne. 

Niemann ist als einer der international führenden Experten in der Xenotransplantation, der Übertragung von "lebens- und funktionstüchtigen Zellen oder Zellverbänden (einschließlich ganzer Organe oder Körperteile) zwischen verschiedenen Spezies", wie es ein Internetlexikon umschreibt. Drastischste - und angestrebte Form dieser "Übertragung zwischen verschiedenen Spezies" ist das Schweineherz im Körper eines Menschen. "Wer der Meinung ist, der Mensch stehe grundsätzlich auf einer Stufe mit jedem anderen Lebewesen", sagt Niemann, "der hat Probleme mit unserer Arbeit." Andererseits gehe die Bereitschaft zur Organspende gerade in Deutschland deutlich zurück - bei stetig steigendem Bedarf an Herzen, Lebern, Nieren. "Jeder sollte sich darüber klar sein, dass er plötzlich auf ein Spenderorgan angewiesen sein könnte, wenn er überleben will." Und in dieser Situation, vor der Alternative, Leben oder Sterben, könne er, Niemann, sich vorstellen, "dass viele sich fürs Überleben entscheiden."

Im Übrigen habe sich die Verwendung tierischer Zellen in der Humanmedizin seit Jahren bewährt. Insulin - für Diabetiker unverzichtbar wurde - bevor das menschliche Insulin gentechnisch verfügbar wurde, aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen gewonnen und hat viele Jahrzehnte das Leben von Diabetikern gerettet. Auch beim Ersatz von Herzklappen - werde auf Material von Rind, Schwein oder Schaf zurückgegriffen.

Die Wissenschaftler in Mariensee arbeiten, sagt ihr Chef, vielseitig und im engen Austausch mit internationalen Kollegen an Problemen der Xenotransplantation. Der bisher größte Risikofaktor ist die Abstoßreaktion des menschlichen Körpers auf ein tierisches Spendenorgan. Diese setze häufig erst im zeitlichen Abstand zur Operation ein, sei daher unberechenbar. In einem weiteren Punkt, der lange als bedenklich galt, seien die Forscher sehr erfolgreich gewesen: Das Risiko, dass bei der Xenotransplantation Viren von Schweinen auf den Menschen übertragen werden, könne "so gut wie" ausgeschlossen werden. Diese Formulierung schreit natürlich nach einer Nachfrage, "und das Restrisiko?" Niemann macht die Antwort kurz: "Die neuesten Ergebnisse schliessen eine Übertragung wirklich aus."

Die Deutsche Genbank

Seit März 2016 ist die Deutsche Genbank für landwirtschaftliche Nutztiere in technisch aufwändig ausgestatteten Räumen auf dem Institutsgelände in Mariensee untergebracht. In der Genbank sind Keimzellen, Embryonen und anderes Erbmaterial landwirtschaftlicher Nutztierrassen in Stickstoff eingefroren. "Auch das ist ein Stück Zukunftsvorsorge", sagt Institutsleiter Heiner Niemann. Eingelagert sei Erbgut vieler längst nicht mehr in der aktuellen Landwirtschaft genutzter Rassen, die aber unter anderen Haltungsformen oder Nutzungsvarianten wieder Bedeutung erlangen könnten. Die Genbank ermögliche auch den weltweiten Austausch von Material mit entsprechenden Sammlungen. Das in Mariensee eingelagerte Genmaterial steht unter besonderem Schutz - jede Probe wird parallel in Kühlbehältnissen in zwei getrennten Räumen eingelagert - um gegen den Ausfall eines Gebäudes gewappnet zu sein.

Das Institut

Das Institut für Nutztiergenetik ist Teil des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) mit Hauptsitz auf der Ostseeinsel Riems. Das FLI ist dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unterstellt und forscht in deren Auftrag. Derzeit arbeiten am Standort Mariensee 11 Wissenschaftler fest am Institut, außerdem rund 40 Gastwissenschaftler. Etwa 100 Mitarbeiter sind als technisches Personal in Laboratorien, Tierbetreuung, Außenwirtschaft, und Verwaltung beschäftigt. Ställe mit Nutztieren stehen in Mariensee sowie in Mecklenhorst. Die Flächen gehören dem Bund.

Der Umzug

Die Zukunft des Neustädter Forschunginstituts liegt in großen Teilen in Mecklenhorst - einem der kleinsten Neustädter Stadtteile, wenige Kilometer östlich der Kernstadt in Richtung Otternhagen gelegen. Dort wird der Bund in den nächsten Jahren nach heutigem Stand für 72 Millionen Euro neue Stallungen und Forschungsgebäude erstellen. Der Zeitplan dafür sieht einen Baubeginn Ende 2018/Anfang 2019 vor und eine Fertigstellung des Komplexes spätestens 2022. 

Diese zeitlichen Abläufe mussten allerdings bereits mehrfach korrigiert werden - als erste Pläne 2008 vorgestellt wurden, hieß es, der Bau solle 2015 auf alle Fälle fertig sein; später war von einem Baubeginn 2017 ausgegangen. Jetzt aber scheint ein Beginn absehbar. Alte Wohngebäude - dereinst für für Institutsmitarbeiter am Rande des Dorfes erstellt - sollen möglichst noch in diesem Herbst abgerissen werden. In Mecklenhorst stehen bereits seit Jahrzehnten Stallungen, die vom Institut in Mariensee genutzt werden. Die Neubauten umfassen auch Bereiche der bisherigen Stallanlagen. Vor allem aber wird die Ortschaft in Richtung Nord-Westen erweitert.

Erweitert werden auch die Zuständigkeiten. Das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten konzentriert in Neustadt drei, der Arbeit mit Nutztieren gewidmeten, Teile des Friedrich-Loeffler-Instituts zusammen. Dem Institut für Nutztiergenetik werden die Institute für Tierernährung (bisher Braunschweig) sowie Tierschutz und Tierhaltung (Celle) angeschlossen. Nach Neubau und Umstrukturierung sollen bis zu 50 fest angestellte Wissenschaftler in den beiden Neustädter Stadtteilen arbeiten - dazu weitere Gastwissenschaftler und Mitarbeiter in Verwaltung und Betrieb. In Mariensee bleiben weite Teile der heutigen Einrichtungen erhalten. In Ställen und teils auch auf Weiden sollen vornehmlich in Mecklnhorst Kühe, Schweine, Schafe und Geflügel gehalten werden.

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Von Redakteur Dirk von Werder

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