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"Belehren lässt sich keiner gern"

Neustadt "Belehren lässt sich keiner gern"

Echte Freundschaft muss Kritik vertragen, findet Mustafa Erkan, Neustädter Landtagsabgeordneter mit deutschem Pass und türkischen Wurzeln. Davon, sie in Fensterreden zu äußern, halte er aber nichts.

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Mustafa Erkan im Gespräch.

Quelle: Kathrin Götze

Neustadt. Nach Absagen von Wahlkampfveranstaltungen in Deutschland und provokativen Äußerungen von Regierungsmitgliedern aus der Türkei sind die deutsch-türkischen Beziehungen auf einem neuen Tiefpunkt. Wir haben mit dem Neustädter SPD-Landtagsabgeordneten Mustafa Erkan über die Situation gesprochen. Er hat einen deutschen Pass und türkische Wurzeln, pflegt vielfältige Kontakte ins Heimatland seiner Familie, auch in die Politik.

Herr Erkan, Sie bezeichnen den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf Ihrer Homepage als Freund – wie intensiv ist der Kontakt aktuell?

Echte Freunde bleiben immer im Gespräch. Auch in stürmischen Zeiten sind sie standhaft, reden auf Augenhöhe. Natürlich nicht kritiklos. Niemand darf schönreden und verklären. Unter Freunden muss man sich die Meinung sagen dürfen. Das mache ich genauso. Wenn ich nichts zu kritisieren hätte, wäre ich nicht in der Politik gelandet. Aber uns allen bringt es mehr, wenn wir das im Vertrauen machen und keine Fensterreden darüber halten.

Was muss man denn offiziell sagen?

Gerade jetzt dürfen wir unsere Kritik an den Entwicklungen in der Türkei nicht einstellen. Wir müssen unsere Standpunkte und Grundwerte weiter deutlich vertreten. Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Schutz der Menschenrechte und demokratische Ordnung sind in keiner Weise verhandelbar. Die Nazi-Vergleiche aus der Türkei haben eine Grenze überschritten, ich fühle mich als deutscher Politiker tief verletzt und verbitte mir solche Aussagen.

Wie sehr fühlen Sie sich in diesem Konflikt persönlich betroffen?

Bei aller Verortung in meiner Heimat Deutschland bleibt die Türkei auch immer ein wichtiger Anker in meinem Leben. Der größte Teil meiner Familie lebt dort. Mir sind mein Deutschland und die Türkei wichtig. Und natürlich ist mir erst recht unsere gemeinsame Freundschaft wichtig. Deshalb betrachte ich mit Sorge, was im Moment hüben wie drüben passiert.

Was macht Ihnen in der Türkei Sorge?

Das Land hat sich in den vergangenen Jahren nicht nach Europa entwickelt wie zuvor, sondern weiter von Europa weg. Repressalien gegenüber Andersdenkenden sind scharf zu verurteilen. Das ist für die Beziehungen nicht gut, für die Wirtschaft und den Tourismus auch nicht. Allerdings muss man versuchen, bei aller Kritik auch die Mitte zu finden und im Auge zu behalten, wo die Türkei eigentlich herkommt. Für die Türkei gilt auch, wer ein Teil von unserem Europa sein möchte, muss alle Kriterien erfüllen und unsere Werte vertreten. Mit erhobenem Zeigefinger belehren lässt sich aber keiner gern.

Und was läuft falsch in Deutschland?

Es gibt eine Spaltung der türkischen Community in Deutschland. Ich habe schon von alten Kumpeln gehört, die seit Jahrzehnten zusammen am Band stehen und jetzt nicht mehr miteinander reden. Ich möchte einen klaren Appell an unsere türkischen Mitbürger in Deutschland richten: Engagiert euch vor Ort, kümmert euch um die Politik in Deutschland und setzt euch für ein Miteinander in unserer Gesellschaft ein. Was bringt es euch, wenn ihr Experten der türkischen Politik seid, aber hier wohnt?

Wie finden Sie die Reaktionen der deutschen Spitzenpolitiker auf die jüngsten Provokationen?

Genau richtig. Als ich hörte, was Sigmar Gabriel gesagt hat, war ich richtig stolz. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ich habe in der Türkei zu allen Kontakt, zu Angehörigen der Regierungspartei, zu Oppositionellen, auch zu Mitgliedern der prokurdischen Partei HDP. Von den Oppositionellen höre ich: „Sorgt bitte dafür, dass nicht noch die Verbindung nach Europa kaputtgeht, unser letztes Stückchen Hoffnung“.

Und wenn man Sie auffordert, sich für eine Seite zu entscheiden?

Ich habe nur ein Parteibuch. Ich bin Sozialdemokrat und wähle nur die SPD. Und ich hätte jetzt eine Bitte: insgesamt verbal abzurüsten. Sich die eine oder andere rhetorische Spitze zu ersparen – das würde uns allen sehr helfen, vor allem der deutsch türkischen Freundschaft.

Von Kathrin Götze

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