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Manch Zauberpriester hat ausgedient

Neustadt Manch Zauberpriester hat ausgedient

Entwicklungshilfe von Mensch zu Mensch: Der Kumasi-Hilfsfonds aus Neustadt schreibt eine besondere Erfolgsgeschichte.

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Noch weiß er nicht, was gut für ihn ist: Der kleine Junge dreht sich weg, als Benjamin Baffoe-Bonnie sein Ohr untersucht.

Quelle: hotes/archiv

Neustadt. Sie waren Kinderärzte am Krankenhaus Neustadt: Dr. Carsten Hotes und Dr. Benjamin Baffoe-Bonnie, beide anerkannt gut, beide beliebt bei Patienten wie deren Eltern. 1981 trennten sich ihre Wege - kurzzeitig; Baffoe ging, obwohl eine sichere Zukunft in eigener Praxis in Wunstorf lockte, zurück in die Heimat.

Dort war die Not groß, vor allem in der Versorgung von Kleinkindern. Es gab wenig bis nichts, was europäischem Standard entsprach. Stattdessen beschwörten Zauberpriester unbekannte Mächte. Hotes: „Benjamin Baffoe war genau der Richtige, den Frauen zu erklären, dass ein Virus ihr Kind bedrohte und nicht die Sünden des Großvaters, der ein Schaf geklaut hatte.“

Über 30 Jahre sind ins Land gegangen. Die seinerzeit wie heute handelnden Personen haben die 70 Lenze längst überschritten und können zufrieden zurückblicken. Dank Hilfsfonds steht seit 1996 in der Millionenstadt Kumasi eine gut ausgestattete Kinderklinik. Und das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert. „Es waren Mütter aus Kumasi, die den Wunsch nach einer Geburtshilfestation geäußert haben“, sagt Hotes. Die Arbeit der Kinderklinik färbt ab, auf das städtische Krankenhaus, auf Ärzte, die in Ghana arbeiten. Die Sterblichkeit von Kindern in den ersten fünf Lebensjahren sei immer noch deutlich höher als in Europa. Über 15 Prozent der Kleinkinder sterben in manchen Teilen des Landes in eben diesen ersten fünf Jahren. Vergleichszahl Deutschland: unter ein Prozent. Doch immer mehr Kindern in Kumasi werde geholfen. Auch ihren Müttern - und Vätern. Die Familienplanung werde den besseren Überlebenschancen der Kinder angepasst: Bekamen Familien 1990 durchschnittlich sieben bis neun Kinder, sind es heute noch vier.

Dirk von Werder

Es schwächelt die Stromversorgung

Die „geburtshilfliche Abteilung“ (so die offizielle Bezeichnung für den Anbau an die Kinderklinik in Kumasi) wird nach Fertigstellung rund 132 000 Euro gekostet haben. Die Kalkulation werde „weitgehend eingehalten“, schreibt Carsten Hotes in einem Jahresbericht an die etwa 60 Mitglieder des Hilfsfonds. Der Bau hatte im Januar 2013 begonnen – rein spendenfinanziert, wie alles, was der Hilfsfonds seit 1983 in Kumasi auf die Beine gestellt hat. Kreißbetten, auch ?Möbel in den Behandlungszimmern und Ruheräumen stammen aus Kliniken in Deutschland, sind aber „technisch einwandfrei in Ordnung“, betont Carsten Hotes. Mit zwei Problemen haben die Macher vor Ort zu tun. Am gravierendsten: Die Stromversorgung schwächelt. Ein einst hochmodernes Elektrizitätswerk am Volta-Stausee ist in die Jahre gekommen und fällt häufig aus. Dann läuft auf dem Bau nichts mehr. Die Kinderklinik wird von einer Photovoltaikanlage mit Strom versorgt, für den Betrieb der neuen Station reicht die Anlage jedoch nicht aus. Außerdem wird ein neues tropentaugliches Ultraschallgerät benötigt, das der Kinderklinik ist 17 Jahre alt.

Ein Zufallstreffen in Mainz

Oft sind es die Begebenheiten am Rande, die einen bestätigen, die „einfach ein schönes Gefühl vermitteln“, wie Carsten Hotes (Bild) sagt. Vor einigen Jahren sitzt er mit Ehefrau Ingrid in einem McDonalds in Mainz. Eine Mitarbeiterin erweckt sein Interesse. Gestalt, Hautfarbe, die könnte aus der Gegend um Kumasi kommen, denkt sich Hotes, der bis dato schon mehrere Male in Ghana war, viele Menschen kennt. Er spricht die Frau an, fragt: „Are you coming from Ghana?“ Ein sehr distanziertes „Yes“ ist die Antwort. „Kumasi?“ Das Yes wird geringfügig freundlicher, Hotes stellt die dritte Frage: „Do you know Dr. Baffoe?“ Die Frau ist wie ausgewechselt: „Oh, yes! He’s my doc, why do you ask?“ Ein langes ?Gespräch schließt sich an. Und Hotes – falls es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte – weiß: „Wir haben da in Ghana was Gutes geschaffen.“

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