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Neues Leben für das Tote Moor

Mega-Naturschutzgebiet geplant Neues Leben für das Tote Moor

Der Torfabbau hat der Landschaft zwischen Neustadt und Steinhude zugesetzt – jetzt soll die Fläche nach und nach renaturisiert werden. So könnte das größte Naturschutzgebiet der Region entstehen.

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So entstehen Hochmoore

Das Moor am Steinhuder Meer soll besonderen Schutz erfahren. Die Region will dort unter anderem Entwässerungsgräben beseitigen.

Quelle: Hagemann

Neustadt. Im Toten Moor zwischen Neustadt und Mardorf am Steinhuder Meer kann man ganz unterschiedliche Eindrücke sammeln. Teilflächen sehen aus wie große, braune Becken. Es sind die Spuren des Torfabbaus, der hier seit mehr als hundert Jahren betrieben wird – früher in harter Handarbeit mit Stechspaten, mittlerweile industriell mit Fräsmaschinen.

Naturschutzgebiet auf 3300 Hektar geplant

Andere Bereiche sehen wieder so aus, wie ein Moor auszusehen hat: besetzt mit typischen Pflanzen wie Torfmoosen, Glockenheide oder Wollgras, dazwischen Tümpel und Kolke, über denen Libellen wie die Große Moosjungfer schwirren. Eines schönen Tages, so hofft die Region Hannover, wird der geschundene Teil der Landschaft verschwunden sein. Sie macht sich in dem Bereich gerade daran, zum ersten Mal seit ihrem gut zehnjährigen Bestehen neue Flächen für den Naturschutz auszuweisen und damit das größte derartige Gebiet in Hannover und dem Umland zu schaffen.

Schon seit zwanzig Jahren läuft auf Flächen, die die Torffirmen verlassen haben, das, was Fachleute Moorrenaturierung nennen. „Wir stellen etwas wieder her, was über zehntausend Jahre intakt war, bevor der Torfabbau begann“, sagt Jörg Schneider vom Team Naturschutz der Region, der die Gegend kennt wie seine Westentasche.

Die Flachwasserzonen im Osten des Steinhuder Meers könnten bald unter Schutz stehen.

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Im Grunde läuft es simpel: Die Region kauft Flächen, wo sie ihrer habhaft werden kann, oder kooperiert mit Grundbesitzern. Dann lässt sie Entwässerungsgräben zuschütten – manche sind drei Meter tief und zwanzig Meter breit – und Wälle bauen, damit das Regenwasser nicht mehr ablaufen kann. Auf feuchtem Boden soll sich die verschwundene Moorvegetation wieder ansiedeln, das Moor selbst sich langsam herausbilden. Unter dem Slogan „Das Tote Moor soll leben“ war die Renaturierung dezentrales Projekt der Expo 2000 in Hannover.

Die Arbeiten haben seitdem nie geruht. Jetzt will die Region eine Schippe drauflegen – oder, besser gesagt, muss sie. „Die Europäische Union hat uns aufgefordert, etwas zu tun“, sagt Sonja Papenfuß, Leiterin des Fachbereichs Umwelt. Der Grund: Der Osten des Steinhuder Meeres ist in Brüssel bereits 2004 als sogenanntes Flora-Fauna-Habitat- und Vogelschutzgebiet benannt worden. Notwendige naturschutzrechtliche Regelungen fehlten aber bisher und sind von der EU mittlerweile angemahnt worden. „Kommen wir dem nicht nach, drohen Bußgelder“, erläutert Papenfuß.

Abstimmungen mit Landwirten und Freitzeitsportler nötig

Deshalb will die Region nun das Tote Moor und drei bestehende, angrenzende Naturschutzgebiete sowie Grünland und Flachwasserbereiche im Osten des Steinhuder Meeres zu einem Naturschutzgebiet zusammenfassen. Es wäre mit einer Fläche von mehr als 3300 Hektar mit Abstand neuer Rekordhalter. Zum Vergleich: Bisher belegt der Springer Saupark mit 1750 Hektar den Spitzenplatz. Über das Vorhaben hat die Region jetzt in einer Drucksache Politiker und Anrainer informiert und damit ein Verfahren eingeleitet, das sich über Jahre hinziehen dürfte – zumal, wie Umweltdezernent Axel Priebs betont, „wir es im Einklang mit allen Interessenten hinbekommen wollen.“

Die Interessen am größten Binnensee Niedersachsens und seinen Randbereichen sind bekanntermaßen vielfältig und nicht immer unter einen Hut zu bringen. Im Fall des neuen Naturschutzgebietes sind Landwirte, Torfindustrie und Wassersportler betroffen. Letztere haben schon gemurrt, weil sie die Flachwasserzonen, die die Region schützen will, gern zum Ankern und Baden nutzen. „Dabei stören sie aber Enten, Gänse und andere Wasservögel, die auf den Sandbänken in Scharen rasten“, sagt Schneider.

Der Torfabbau wird irgendwann im nächsten Jahrzehnt Geschichte sein, weil die Genehmigungen dafür auslaufen und nicht verlängert werden. Mit den Landwirten, die das Grünland bei Wunstorf-Großenheidorn bewirtschaften, will man sich ins Benehmen setzen – „und sie auf gar keinen Fall vertreiben“, wie Schneider sagt. Nach ersten Gesprächen hat er den Eindruck gewonnen, dass sie den Naturschutzplänen wohlgesonnen gegenüber stehen.

Irgendwann um das Jahr 2030, so meint Schneider, könnten am Toten Moor alle Gräben wieder zugeschüttet sein. Wenn dann die Dinge ihren weiteren Verlauf wie gewünscht nehmen, wird man das hören. In den bereits renaturierten Flächen, durch die auf dem Vogeldamm mit dem Rundweg ums Steinhuder Meer einer der beliebtesten Rad- und Wanderwege der Region führt, ertönt im Frühjahr eine Art Blubbern. Das ist der Ruf der Moorfrösche. „Sie waren lange weg, jetzt sind sie zu Tausenden wieder da“, sagt Schneider. Tümpel für Tümpel erobern sie sich ihren verlorenen Lebensraum zurück.

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