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Schutzmann schreibt von Freud und Leid

Neustadt Schutzmann schreibt von Freud und Leid

Dramatisch, komisch, manchmal tief anrührend: Neustadts ehemaliger Polizeichef Manfred Henze berichtet in einem neuen Buch aus 150 Jahren Polizeiarbeit in der Region.

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Autor Manfred Henze und Verlegerin Tanja Weiß stellen das Werk mit Ausflügen in Neustadts Polizeigeschichte vor.

Quelle: Kathrin Götze

Neustadt . Vom Titelbild trieft das Blut. Doch ganz so schlimm geht es denn doch nicht zu, in Manfred Henzes Erstlingswerk. „Stehlen, Quälen, Morden – Das ist doch nicht erlaubt!“, heißt das Taschenbuch, das jetzt im Rübenberger Verlag erschienen ist. Dem ehemaligen Polizeichef ist ein interessantes und höchst unterhaltsames Buch über Polizeiarbeit in Neustadt und der Region gelungen. Dabei griff er nicht nur auf die eigenen Erfahrungen aus 45 Dienstjahren zurück, sondern nutzte auch Aufzeichnung seines Urgroßvaters August Henze, seines Zeichens Nachtwächter in Neustadt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

„Die Nachtwächter waren ja quasi die Vorläufer der Polizei“, sagt der inzwischen pensionierte Beamte. Der Vorfahr habe zahlreiche Schriften, Dokumente und Utensilien, auch von Vorgängern, in einer Eichentruhe gesammelt. Schon lange habe er sich vorgenommen, all das Material zu sichten und auszuwerten. Dabei habe er oftmal gestaunt, seinen Wortschatz um einige Fachausdrücke erweitert – und schließlich festgestellt, dass sich in den vergangenen 200 Jahren die Beweggründe für Kriminalität nicht geändert haben. „Immer wieder geht es um Geld, Liebe, Triebe, Hass“, sagt Henze versonnen. 

Verbrechen und Strafen änderten sich schon: Von Pferdedieben und Räubern, von Unzucht und einem Galgenberg berichtet Henze aus den Nachtwächterpapieren, hat im Neustädter Land sogar eine Art Kaspar Hauser ausgemacht, einen Jugendlichen, der Vater und Mutter nicht kannte und 1831 aufgegriffen wurde, als er bettelnd über die Dörfer zog. Auch Vagabundieren, ausschweifender Lebenswandel und Flucht aus dem Arbeitshaus zählten zu den Missetaten, die die Behörden im Biedermeier noch ahndeten.

Den Sprung über die Jahrhunderte schafft Henze mit den Reflexionen, die seine Geschichten so oft auszeichnen. Immer wieder schildert er freimütig Gedankengänge und Gefühle, wie sie ja im oft so trockenen Polizeibericht gänzlich fehlen. So zeigt sich Henze auch über das Buch als der Schutzmann mit Herz und Humor, den so viele seiner Weggefährten in der Dienstzeit und darüber hinaus schätzen gelernt haben. Da gibt es spektakuläre und schockierende Fälle zu schildern, viel Amüsantes, und eine ganze Reihe Begegnungen mit Prominenten.

Quelle: Kathrin Götze

Auch der Kontakt zu Verlegerin Tanja Weiß stammt übrigens aus den Dienstjahren, damals war sie als Lokaljournalistin im Neustädter Land unterwegs. Nach drei Jahren Arbeit am Buch hat Henze noch etliches an Material übrig behalten, wie er sagt. „Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung.“ Für Umschlagzeichnung und Autorenbilder hat Henze übrigens einen Kollegen gewonnen: Dirk Scheerle aus Garbsen-Osterwald ist einer der letzten Phantomzeichner beim Landeskriminalamt, die noch mit dem Bleistift arbeiten. Er hat den Gest des Buches gut getroffen: „In der Umschlagzeichnung sind schon jede Menge Geschichten zu finden“, lobt Autor Henze. 

Die 176 Seiten sind als Taschenbuch unter dem Titel „Stehlen, Quälen, Morden – Das ist doch nicht erlaubt!“, im Rübenberger Verlag erschienen. Die ISBN-Nummer lautet 978-3-936788-29-7, das Buch ist für 9,80 Euro zuu haben. In den Neustädter Buchhandlungen Frerk und Biermann ist es vorrätig. 

Vom Tod als ständigem Begleiter

Zu seinem Buch schreibt Henze selbst: „Vom Inhalt will ich noch nichts preisgeben. Nur so viel: Es sind wahre Kriminalfälle von heute, aber auch Fälle aus längst vergangener Zeit, die fast 200 Jahre zurückliegen. Alle Taten geschahen in unserer Umgebung. Zwangsläufig wird mit dem Erzählen der Fälle Unbekanntes enthüllt, Verschwiegenes offenbart, einiges ausgeplaudert und die eine und andere Indiskretion begangen.  Ich vergleiche die Taten von früher mit der heutigen Kriminalität; sind es andere Delikte, ist die Tatausführung eine andere, hat Strafe im Laufe der Jahre etwas bewirkt, war sie abschreckend? 

Natürlich hat mein Beruf zum Entschluss, das Buch zu schreiben, beigetragen, viel mehr hat aber das Erbe von Vorfahren den Ausschlag gegeben.  Ob die Grenze des Erlaubten überschritten ist und eine Tat zur Kriminalität wird, hängt auch vom Zeitgeist ab. So war ein Einschreiten in der Vergangenheit statthaft, das heute absolut unzulässig wäre. Und so kann man vorhersagen, dass auch  heutiges staatliches Tätigwerden vielleicht in Zukunft nur noch Kopfschütteln verursachen wird. Auffällig war, dass ich einen ständigen Begleiter hatte: den Tod. Auch auf all den Seiten des Buches schleicht er sich durch die Zeilen.“

Wer ihn selbst mit dem Buch erleben und Auszüge daraus lesen hören möchte, hat dazu am Mittwoch, 22. November, Gelegenheit. Ab 20 Uhr stellt Autor Henze sein Werk im „Haus der Kirche“ vor, An der Liebfrauenkirche 5-6. Auch dieser Ort ist mit Bedacht gewählt: „Dort stand früher die Polizeiwache“, sagt Henze. Der Eintritt zur Lesung ist frei. 

Von Kathrin Götze

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