Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Ein Dorf mit viel Energie

Wulfelade Ein Dorf mit viel Energie

Kleine Orte müssen besonders viel tun, wenn sie mehr als ein Schlafdorf für Pendler sein wollen. In Wulfelade hat sich die Gemeinschaft auf ein zukunftsweisendes Leitbild verständigt: das „Energiedorf“. Nun ist es vom Land für den Zukunftswettbewerb ausgewählt worden.

Voriger Artikel
Suttorfer besuchen Suttorfer
Nächster Artikel
Stadt will Baulücken schließen

Wulfelade in Miniatur: Dachdecker Martin Suhr, Neubürgerin Birgit Sieg und Landwirt Friedhelm Klingemann präsentieren von der Dorfgemeinschaft gebastelte Vogelhäuschen.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Wulfelade. Einmal im Jahr werden in Wulfelade die Feldwege versteigert. Auch Neubürgerin Birgit Sieg hat für 25 Euro einen erworben: „Mir gehört der Weg da hinten an der Obstwiese“, erzählt die 54-Jährige und zeigt Richtung Leinemasch. Sie lacht, denn ganz ernst gemeint ist die Versteigerung nicht: Bei der Dorfversammlung, abwechselnd in einer der beiden Gaststätten am Ort, wird von den Einsätzen der Bewohner am Ende die Zeche bezahlt. Zuvor aber wird vieles ernsthaft besprochen - auch neue Ideen für den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, bei dem es Wulfelade diesmal schon bis in die Landesauswahl geschafft hat.

Kleine Orte müssen besonders viel tun, wenn sie mehr als ein Schlafdorf für Pendler sein wollen. Wulfelade, das formal zum neun Kilometer südlich gelegenen Neustadt (Region Hannover) gehört, hat vieles nicht: keinen Kindergarten, keine Schule, statt eines Supermarktes bloß einen Hofladen. Dafür gibt es immerhin 70 gewerbliche Arbeitsplätze, vor allem im Handwerk. „Aber nur die Gemeinschaft hält so ein kleines Dorf am Leben“, sagt Ortsvertrauensmann Friedhelm Klingemann, einer von fünf Vollerwerbsbauern.

„Wir sind autark“: Das kleine Wulfelade ist vom Land für den Zukunftswettbewerb ausgewählt worden.

Zur Bildergalerie

In Wulfelade hat sich die Gemeinschaft auf ein zukunftsweisendes Leitbild verständigt: das „Energiedorf“. Der Ort hat schon vor mehr als 20 Jahren eine Vorreiterrolle gespielt, als einen knappen Kilometer vom Ortskern entfernt erst zehn, dann weitere vier Windräder aufgestellt wurden. Zwölf davon wurden später durch sechs höhere ersetzt - eines der landesweit ersten Re­poweringprojekte. Nun können rechnerisch 7375 Haushalte mit Windstrom aus Wulfelade versorgt werden.

Versuche mit einem Holzhackschnitzelwerk dagegen fanden kein gutes Ende: Zweimal brannte das Kraftwerk im Gewerbegebiet aus ungeklärter Ursache ab. Das Nahwärmenetz für 31 Haushalte wird seitdem von einer Biogasanlage gespeist. Fotovoltaik auf Wohnhäusern und Stalldächern produziert zusätzlich Energie. „Wir sind als Dorf autark“, sagt Klingemann stolz. „Unser Betrieb auch“, ergänzt Birgit Sieg. Ehemann Hans-Joachim und Sohn Bastian haben vor vier Jahren auf einem früheren Hofgrundstück die Möbeltischlerei „Natur Pur“ aufgebaut - beheizt mit Energie aus Sonne und Holzresten.

Obwohl Lärm und Schatten der Windräder vor allem in der Anfangszeit manche störten, gab es nie Widerstand. Nicht nur die Grundstückseigentümer nämlich profitieren von den Kolossen am Lohberg. Auch für die Dorfkasse springen jedes Jahr 3000 Euro heraus. Die Bewohner stimmen ab, wofür das Geld ausgegeben wird - bei ihrer Versammlung.

An Aktivitäten, die unterstützt werden können, fehlt es nicht.

Viele Vereine sind im Dorf aktiv, darunter der Waldbadverein mit 250 Mitgliedern. Ehrenamtlich betreiben sie seit 1993 das Freibad am Ortsrand, das die Stadt Neustadt aus Kostengründen aufgeben wollte. „Damals gab es ein so geführtes Bad nirgendwo sonst“, sagt Vorstandsmitglied Christiane Suhr. Seit 2001 wird auch das Bad durch eine Solaranlage beheizt.

Zusätzlich zum regen Vereinsleben hat sich ein regelmäßiger abendlicher „Klönschnack“ etabliert, zu dem Zugezogene gezielt eingeladen werden. Neubürgerin Birgit Sieg hatte im Arbeitskreis für Dorfentwicklung selbst die Idee. „Schließlich sind auch wir bei unserer Ankunft hier sehr, sehr herzlich empfangen worden“, erinnert sie sich.

Während der Dorfversammlung haben die Jugendlichen im Übrigen ihren eigenen Spaß. Sie „verhexen“ draußen Tore, Blumenkübel und Fahrräder. Die Erwachsenen spazieren anschließend suchend - und fluchend - durchs Dorf.

Vom Wettbewerb bleibt Gutes zurück

„Unser Dorf hat Zukunft“ ist hervorgegangen aus dem Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Alle drei Jahre wird der Wettstreit ausgetragen. Kürzlich gab das Agrarministerium 18 Orte bekannt, die sich für den 25. Landeswettbewerb qualifiziert haben und im September von einer Jury besucht werden. Die Sieger kommen in die Bundesauswahl. Bei der Bewertung spielt der äußere Zustand eines Ortes inzwischen eine Nebenrolle. Höher bewertet werden die nachhaltige Dorfentwicklung und das Engagement der Bewohner mit Blick auf Zukunftsperspektiven. Die HAZ stellt drei der „Dörfer mit Zukunft“ vor. Neustadt-Wulfelade, neun Kilometer nördlich der Kernstadt in der Region Hannover, ist mit 396 Einwohnern einer der kleinsten Teilnehmer. Das Dorf bewirbt sich schon seit 1992 regelmäßig. „Es bleibt jedesmal etwas Gutes zurück“, sagt Ortsvertrauensmann Friedhelm Klingemann.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6smo9uczgeq1d1lgberr
Landesverteidigung steht im Mittelpunkt

Fotostrecke Neustadt: Landesverteidigung steht im Mittelpunkt