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Erste Frau greift zum Fahrschulsteuer

Pattensen-Mitte Erste Frau greift zum Fahrschulsteuer

Was tun, wenn man seinen erlernten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann. Vor diesem Problem stand Annika Sundermann. Da sie gern Auto fährt, reifte in ihr der Entschluss, sich um eine Umschulung zur Fahrlehrerin zu bemühen. Sie wird die erste Fahrlehrerin in Pattensen sein.

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Abgefahren: Annika Sundermann, künftige Fahrlehrerin, mit Ausbilder Julian Stwerka von der Fahrschule Ampel in Pattensen.

Quelle: Andrea Weber

Pattensen-Mitte. Die 28-jährige Annika Sundermann, die in Bennigsen wohnt, absolviert seit Anfang Oktober erst den theoretischen Teil der Ausbildung und wird anschließend in der Fahrschule Ampel in Pattensen praktisch zur Fahrlehrerin ausgebildet.

Sundermann war zwölf Jahre in einem Gartenbaubetrieb als Landschaftsgärtnerin tätig. Die Arbeit war körperlich anstrengend und hatte gesundheitliche Folgen für die junge Frau. Rücken und Kniegelenke machten nicht mehr mit, und als auch noch Allergien gegen bestimmte Pflanzen dazu kamen, wurde ihr klar, dass sie diesen Beruf nicht bis zum Rentenalter würde ausüben können.

Da sie in ihrem täglichen Arbeitsalltag häufig große, sperrige und schwere Güter bewegen musste, war die Bennigserin im Umgang mit Lastkraftwagen (Lkw) genauso vertraut und geschult, wie mit dem üblichen Personenkraftwagen (Pkw). Sie sagt:“Rangieren ist mit dem LKW so gar einfacher, weil man eine höhere Sitzposition hat und somit einen besseren Überblick.“ Mitten in der Phase ihrer beruflichen Umorientierung, fasste sie den Plan, zusätzlich noch den Motorradführerschein zu machen, den Einzigen, der ihr noch fehlte.

Die beiden ersten Führerscheine hatte sie in unterschiedlichen Fahrschulen gemacht, fühlte sich dort aber nicht gut aufgehoben und nicht individuell betreut. Für ihren Motorradführerschein meldete sie sich bei der Fahrschule Ampel an, die ihr empfohlen worden war. Seit 2002 gibt es die Fahrschule unter der Leitung von Karl-Heinz Stwerka in Pattensen-Mitte an der Koldinger Straße. Seit 2016 unterhält das Unternehmen eine Filiale in Bennigsen. Außer dem Gründer sind noch zwei weitere Fahrlehrer und zwei Bürokräfte bei Ampel beschäftigt.

Dass das Unternehmen sich gut etabliert habe, führt Stwerka auch auf den individuellen Service der Fahrschule zurück. So würden Fahrschüler oft von zu Hause oder von der Schule abgeholt und nach Nachtfahrten auch wieder bis zur Haustür gefahren. Auf jeden Schüler versuchen die Ausbilder persönlich einzugehen. Pädagogische Arbeit ist Stwerka besonders wichtig. Es geht ihm vorrangig darum, Selbstvertrauen bei den Fahranfängern aufzubauen, sie nicht zu kritisieren, sondern ihnen zu suggerieren: „ Du kannst es! Freu Dich über jeden Fehler, den Du jetzt machst...“ Sein Ziel und das seiner Angestellten sei es, dass jeder Schüler die Prüfung möglichst im ersten Anlauf besteht.

Die Fahrlehrerbranche leidet seit Jahren unter akutem Nachwuchsmangel. Als er erkannte, dass seine Motorradschülerin Annika Sundermann bald alle für die Ausbildung nötigen Führerscheine besitzen würde, fragte Stwerka sie, ob sie es sich vorstellen könne, als Fahrlehrerin zu arbeiten. Dies war der entscheidende Impuls, der die berufliche Zukunft der Bennigserin in eine neue Richtung lenkte. Geht alles glatt, ist sie dann im September 2018 Pattensens erste Fahrlehrerin. Schon jetzt betreut sie halbtags das Büro in Bennigsen und ist dort für Anmeldungen und Beratung zuständig.

Die drei Fahrlehrer der Fahrschule Ampel betreuen unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten. Der Seniorchef ist der großväterliche Berater, Fahrlehrer Stefan Schultze der väterliche Freund und der 28-jährige Juniorchef Julian Stwerka, der den Betrieb in den nächsten Jahren nach und nach übernehmen wird, ist der Kumpeltyp auf Augenhöhe. Annika Sundermann sagt: „Ich möchte mich um die Ängstlichen und Schüchternen kümmern, denen ihre Fehler peinlich sind und die Angst haben.“

Fahrschulen bundesweit fehlen die Fahrlehrer

Warum wollen immer weniger Menschen Fahrlehrer werden? Und was unternimmt die Branche, um Nachwuchs zu finden? Karl-Heinz Stwerka, Leiter der seit 2002 in Pattensen ansässigen Fahrschule Ampel, nennt mehrere Gründe für die prekäre Situation. Bis vor etwa fünfzehn Jahren wurden Fahrlehrer fast ausschließlich von der Bundeswehr ausgebildet. Zeitsoldaten arbeiteten nach ihrem Ausscheiden vom Militär in Fahrschulen als Ausbilder. Durch die Dezimierung des Heeres und die daraus resultierende Ausdünnung der Personaldecke fehlt es den Fahrschulen seit einiger Zeit akut an Nachwuchskräften.

Karl-Heinz Stwerka sagt, die hohen Zugangsvoraussetzungen seien zusätzlich schuld am derzeitigen Nachwuchsmangel im Fahrschulbereich. Die Bewerber müssen mindestens 22 Jahre alt sein, zumindest einen Hauptschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können. Sie benötigen ein einwandfreies, polizeiliches Führungszeugnis und müssen geistig und körperlich fit sein.

Zudem sind die Ausbildungskosten mit etwa 7.500 Euro hoch, wenn sie nicht im Rahmen einer Umschulung von der Arbeitsagentur übernommen oder über die Bank der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit Meister-BAföG gefördert werden. Hinzu kommen noch die Kosten für die erforderlichen Führerscheine. Auch wenn man nur Fahrlehrer für PKW mit Anhänger werden will (Klasse BE), benötigen Interessenten drei Führerscheine: für PKW, LKW und Motorrad.Die unbezahlte Ausbildungszeit dauert 11 Monate und unterteilt sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. In jedem dieser Ausbildungsblöcke sind anspruchsvolle Prüfungen abzulegen.

Karl-Heinz Stwerka weist darauf hin, dass die Ausbildungsbedingungen ab Januar 2018 reformiert werden. Die Schulungszeit wird um etwa ein Drittel verlängert. Dafür werden die Grundvoraussetzungen heruntergesetzt. Für den Erwerb des Fahrlehrerscheins für PKW ist nur noch der Führerschein für Personenwagen erforderlich. Als Mindestalter reichen 21 Jahre für die Bewerber. Ein Hauptschulabschluss wird nicht mehr gefordert, eine abgeschlossene Berufsausbildung reicht.

Karl-Heinz Stwerka ist gespannt, ob die Reform den gewünschten Effekt hat. Er befürchtet eine Erhöhung der Ausbildungskosten, durch die verlängerte, unbezahlte Schulungszeit, die die Einsparungen der beiden wegfallenden Führerscheine wieder auffressen würde.Ein weiterer Grund warum. es so wenig Bewerber für den Fahrlehrerberuf gibt, sind nach Stwerkas Meinung, die unattraktiven, familienunfreundlichen Arbeitszeiten. Vormittags werden oft Fahrstunden in Freistunden während des Schulunterrichts gelegt. „Über Mittag und am frühen Nachmittag herrscht dann oft Leerlauf.“ sagt er. Am späten Nachmittag und vor allem am Abend herrscht dann wieder Hochbetrieb, nach Schulschluss oder Feierabend. Nachtfahrten bis 23 Uhr sind keine Seltenheit. Dazu kommen noch die theoretischen Unterrichtsstunden in der Fahrschule. Zudem würden Fahrlehrer oft schlecht, nur mit dem Mindestlohn bezahlt.

Um aktiv etwas gegen den Nachwuchsmangel zu unternehmen, halten Stwerka und seine Kollegen die Augen offen und sprechen Kandidaten an, die sich für den Fahrlehrerberuf eignen würden. Oder eben Kandidatinnen.

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Von Andrea Weber

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