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Wenn das Über-Ich vor Verzweiflung stirbt

Pattensen Wenn das Über-Ich vor Verzweiflung stirbt

Moralischer Zerfall im Ballhof: Der Kurs Darstellendes Spiel der Ernst-Reuter-Schule in Pattensen hat am Dienstagabend in Hannover das Stück "Sue's Story" aufgeführt. Den jugendlichen Darstellern gelang es, das zunehmende Unbehagen ihrer Situation auch auf die Zuschauer zu übertragen.

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Düsteres Stück im Ballhof: Die Über-Ichs kämpfen gegen den moralischen Verfall der jugendlichen Geschwister.

Quelle: Isaball Machado Rios

Pattensen/Hannover. Es hätte auch das Finale in einem surrealistischen Kinothriller sein können. Während sich die Geschwister Jack und Julie der körperlichen Liebe hingeben, sinkt das Über-Ich von Julie tödlich verwundet zu Boden. Verwundet vom moralischen Zerfall, der nach und nach in diesem rund 70 Minuten langen Theaterstück Einzug hält.

Der Kurs Darstellendes Spiel der Ernst-Reuter-Schule in Pattensen hat das von Lehrerin Petra Schmitmeier geschriebene Theaterstück "Sue's Story" im Ballhof in Hannover aufgeführt. Es basiert auf dem Roman "Der Zementgarten" von Ian McEwan. Die Aufführung war Teil des Wettbewerbs "Jugend spielt für Jugend", den das Junge Schauspiel Hannover in Kooperation mit dem Energieversorger Enercity eine Woche lang ausrichtet. Acht Jugendgruppen aus der Region Hannover nehmen daran teil.

Das Stück dreht sich um vier pubertierende Geschwister, deren Mutter gerade gestorben ist. Der Vater ist schon länger tot. Um ihr gewohntes Leben nicht aufgeben zu müssen, mauern sie den Leichnam der Mutter kurzerhand mit Zement im Keller ein. Doch Teenager brauchen ein Korrektiv, weil ihr moralisches Gewissen, eben das Über-Ich, noch nicht gefestigt ist.

Zunächst sieht der Zuschauer vier ganz normale Teenager. Jack liest Abenteuerromane, in denen er sich mit der Figur des sogenannten Commanders identifiziert. Jack wird gespielt von Melanie Quas, die die männliche Rolle glaubhaft verkörpert. Julie, gespielt von Angelina Melnik, ist die älteste der Geschwister und noch auf der Suche nach einer Identität. Sie bezirzt und stößt weg, sie verhält sich besonnen und gleich darauf wieder vollkommen irrational. In ihrem Kopf herrscht eine ungeheure Lautstärke, was sich dem Zuschauer in den Auseinandersetzungen mit ihrem Über-Ich zeigt. Sue versucht die Situation in ihrem Tagebuch zu verarbeiten. Tom, der Jüngste, sucht Aufmerksamkeit und schlüpft in verschiedene Rollen, spielt mal ein Baby, mal ein Mädchen.

Es war eine geniale Idee von Petra Schmitmeier, die Über-Ichs der vier Geschwister als real handelnde Personen in dem Stück mitspielen zu lassen. Sie versuchen verzweifelt, den moralischen Verfall aufzuhalten, mit Argumenten und mit Duftspray gegen den zunehmenden Gestank. Dieser liegt ganz real in der Luft von dem verwesenden Leichnam im Keller, aber auch als Zeichen des sozialen Zerfalls. Schmitmeier führt in dem Stück immer wieder reale Ereignisse mit Reflexionen über Moral elegant zusammen.

Das zunehmende Unbehagen des Stücks überträgt sich auch auf den Zuschauer, was daran liegt, dass die Schauspieler ihre Rollen so glaubhaft verkörpern. Die drei besten Stücke des Wettbewerbs werden am Freitag, 10. Juni, von einer Jury gekürt. Die Pattenser Schüler haben mit diesem Stück eine starke Bewerbung für das Siegertreppchen abgegeben.

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