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Wie wird aus Wind eigentlich Strom?

Pattensen Wie wird aus Wind eigentlich Strom?

Mittendrin statt nur dabei: In der Reihe „Heimat hautnah“ schreiben unsere Autoren nicht nur über Veranstaltungen, sondern sie machen aktiv mit. Autorin Lisa Malecha durfte auf ein Windkraftwerk steigen, um sich erklären zu lassen, wie aus Wind Energie wird.

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HAZ-Volontärin Lisa Malecha genießt die Aussicht aus 65 Metern Höhe.

Quelle: Mark Müller

Hiddestorf/Pattensen. So einen Termin erlebt man nicht alle Tage: Windwärts Energie und die Klimaschutzagentur der Region Hannover haben in den Windpark zwischen Pattensen und Hiddestorf eingeladen – wo eine Anlage bestiegen werden darf. Voraussetzung: Ich darf weder Höhen- noch Platzangst haben. Also alles locker, dachte ich. Immerhin habe ich bisher nie Angst vor Höhen oder engen Räumen gehabt – zumindest, bis ich vor der Anlage. „Ist ja doch ganz schön hoch“, denke ich mir. Aber jetzt ist es zu spät, einen Rückzieher zu machen. Techniker Friedrich Wilke-Rampental legt mir die Gurtvorrichtung an, damit ich beim Aufstieg gesichert bin. Dann den Helm aufsetzten, und los geht’s.

Erst mal klettern wir rund fünf Meter eine Leiter hinauf – bis wir beim Fahrstuhl angelangt sind, der uns bis fast in die Spitze des Turms bringt. Und das ist doch eine unerwartet wackelige Angelegenheit. Wilke-Rampental und ich quetschen uns in den kleinen Fahrstuhl, der sich laut ratternd in Bewegung setzt. Fast zwei Minuten dauert es, bis er mit einem heftigen Ruckeln in etwa 60 Metern Höhe zum Stehen kommt. Mit weichen Knien steige ich aus und schaue skeptisch auf die zweite, ungewöhnlich geteilte Leiter, vor der ich nun stehe. „Das letzte Stück müssen wir wieder klettern“, sagt mein Begleiter. Damit ich nicht runter fallen kann, werden die Karabiner in der senkrechten Führungsschiene zwischen den geteilten Sprossen eingehakt.

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Fotostrecke Pattensen: Wie wird aus Wind eigentlich Strom?

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Nach ein paar Metern komme ich im Innenraum der sogenannte Gondel an. Dort kann man sogar aufrecht stehen. Von unten sah das Ganze doch ziemlich niedrig und eng aus. Wir sind auf 64 Metern Höhe angelangt. Aus der geöffneten Luke strömt mir frische Luft entgegen, über mir sehe ich den blauen Himmel, und vor mir drehen sich die riesigen Rotorblätter – ganz langsam, weil die Anlage für unsere Besichtigung ausgestellt wurde. Ich nehme all meinen Mut zusammen und klettere ein paar Stufen weiter, bis ich nur noch bis zu den Knien im Loch stehe. Die Aussicht ist unglaublich. Auf der einen Seite, hinter den Rotorblättern, sehe ich Hiddestorf, auf der anderen Pattensen. Die Sonne kommt raus, und schließlich kann ich sogar die Kuppel vom Neuen Rathaus in Hannover entdecken.

Gerade als ich mir denke, wie schön ruhig es hier oben ist, fängt es laut zu brummen an. Vor Schreck klammere ich mich an das Geländer. Plötzlich dreht sich die Gondel. In meinem Blick scheint Panik erkennbar zu sein. Doch Mark Müller vom Anlagenhersteller Enercon beruhigt: „Das ist normal: Die Gondel richtet sich nach dem Wind aus.“ Trotzdem dauert es etwas, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass ich nicht nur auf einem Windrad stehe, sondern sich das ganze Ding auch noch dreht. Die Kamera baumelt eine Weile nur an meinem Hals, bevor ich mich traue Fotos zu machen. Und dann geht es auch schon wieder runter. So schön es oben auch war: Ich bin dankbar, als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe.     

Windkraft in Pattensen und der Region Hannover

„Die Windenergie ist für den Klimaschutz, aber auch für die Energiewende von größter Bedeutung – nicht nur hier vor Ort und in der Region, sondern global“, betont Udo Sahling, Geschäftsführer der Klimaschutzagentur Region Hannover. Windanlagen wie die zwischen Pattensen und Hiddestorf sollen künftig die Stromversorgung mit sichern. Derzeit erzeugen die vier Windräder des Typs Enercon E-70 E4 mit einer Maximalleistung von 2,3 Megawatt jährlich insgesamt 11,5 Millionen Kilowattstunden Windstrom.

Doch das Gebiet soll sich vergrößern. Zumindest wenn es nach der Region geht: Die will das Dreieck zwischen Hiddestorf, Pattensen und Springe im Raumordnungsprogramm als Vorranggebiet ausweisen lassen. Dieses wäre es mit insgesamt 409 Hektar das größte in der Region Hannover und an dem Standort achtmal größer als das bisher geplante Gebiet. Auch die Anlagen dürften dann höher sein – statt rund 100 dann 200 Meter.

„Dadurch braucht man auch weniger Anlagen“, sagt Mark Müller von der Firma Enercon, die vier der Windräder zwischen Pattensen und Hiddestorf gebaut hat. Drei größere Windkraftanlagen könnten alle neun bestehenden ersetzten: Sie würden bis 4200 Kilowatt erreichen – statt bisher 2300 Kilowatt. Und neue Anlagen werden benötigt: Ein Erlass des Landes sieht eine Windenergienutzung von 1,9 Prozent bis zum Jahr 2050 im Regionsgebiet vor. Doch ob es zwischen Pattensen und Hiddestorf so kommt, wie es sich Klimaschutzagentur, Windwärts, Region und Enercon vorstellen, bleibt abzuwarten: In Pattensen, Hemmingen und Springe gibt es viel Protest gegen die Pläne.

    

So funktioniert eine Windenergieanlage:

 vier Windenergieanlagen des Typs Enercon E-70 E4 von Windwärtsenergie haben eine Nabenhöhe von 65 Metern und einen Rotordurchmesser von rund 70 Metern. Zeigt das Rotorblatt nach oben, sind die Windräder knapp 100 Meter hoch. „Die Anlagen bei Pattensen sind vor vier Jahren in Betrieb gegangen“, sagt Windwärts-Energie-Geschäftsführer Lothar Schulze.

Eine Anlage besteht im Wesentlichen aus einem Rotor mit drei Blättern und einer Maschinengondel, in der sich der Generator befindet. Die Gondel auf dem Turm der Anlage ist drehbar – sie passt sich der Windrichtung an, um den Wind bestmöglich zu nutzen. Sie enthält zudem alle Maschinen zur Umwandlung der Rotordrehung in elektrische Energie.

Der Wind bewegt die Rotorblätter. Er wird also in eine mechanische Drehbewegung umgesetzt. Diese wird in die Gondel übertragen und dort in Strom umgewandelt. Zunächst als Gleichstrom, der schließlich durch Leitungen in den unteren Bereich des Turms geleitet wird. Dort wird er in Wechselstrom umgewandelt, der dann ins Netz eingespeist wird.

Allein durch die vier Anlagen bei Pattensen kann der Jahresbedarf von gut 3300 Privathaushalten abgedeckt werden. Doch auf Dauer reicht das nicht. Bis 2050 soll der Stromverbrauch in der Region Hannover von 5600 Gigawattstunden auf 7200 steigen. „Vor allem durch Elektroautos“, sagt Udo Sahling, Geschäftsführer der Klimaschutzagentur der Region Hannover. Zudem müsse man bedenken, dass durch das Abschalten der Atomkraftwerke und irgendwann auch der Kohlekraftwerke mehr Strom aus Wind entstehen müsse, ergänzt Schulze.     

Von Lisa Malecha

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