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Abschiebung schockt die Helfer

Ronnenberg Abschiebung schockt die Helfer

„Blinder Aktionismus und reine Abwehrpolitik“: Betroffene, Juristen sowie ehrenamtliche Betreuer prangern die verschärfte Abschiebepraxis gegenüber Flüchtlingen an – wie jüngst in Ronnenberg.

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Gert Kuntze (von rechts) und Helmut Braun üben scharfe Kritik an der Abschiebepraxis für Flüchtlinge. Aktuell ist davon der 26-jährige Albaner Editer Barjamaj betroffen.

Quelle: Kerstin Siegmund

Ronnenberg. Für seine ehrenamtlichen Betreuer ist er ein Musterbeispiel gelungener Integration, er wird zudem als intelligent, wissbegierig und fleißig beschrieben. Trotz dieser sehr guten Sozialprognose hat Editer Barjamaj (26), Asylbewerber aus Albanien und seit über zwei Jahren in Ronnenberg zu Hause, in Deutschland keine Zukunft mehr.

Der junge Mann wurde am 
16. Juni in seine Heimat abgeschoben – „auf unmenschliche Weise“, wie sein Anwalt Gert Kuntze betont. Der Jurist verfügt über langjährige Erfahrung mit Flüchtlingen. Was derzeit geschieht, sei „reine Abwehrpolitik und blinder Aktionismus“, um die Menschen loszuwerden.

Editers Schwester hat die Abschiebung miterlebt. „Um 4.30 Uhr klingelten vier Polizisten Sturm. Sie rissen mich, meine Mutter und meine beiden Brüder aus dem Schlaf, schüchterten uns verbal ein. Editer durfte sich nicht waschen, nicht die Toilette benutzen, konnte nur einen Koffer mit Kleidung packen. Dann wurde er aus der Wohnung geführt. Die Abschiebeanordnung durfte ich nicht sehen“, sagt Erisa Barjamaj. Ihr Bruder sei nach Leipzig gebracht und von dort ausgeflogen worden. Er ist bei einer Tante untergekommen.

Rechtsanwalt Gert Kuntze konnte für seinen Schützling nichts mehr tun. Auch für ihn kam die Abschiebung völlig überraschend. „Kann es im Interesse unseres Landes sein, ausnahmslos alle Flüchtlinge aus dem Westbalkan auszuweisen?“, fragt Helmut Braun, Integrationslotse aus Ronnenberg.

Er spricht begeistert von seinem Schützling. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Willkommenskreises für Flüchtlinge hat den jungen Albaner sehr gut kennengelernt. „Editer Barjamaj hat eigene Initiativen entwickelt und war mit seinen Qualifikationen und seiner Hilfsbereitschaft nicht nur eine Stütze und Hilfe für seine Landsleute hier im Ort, sondern hat uns auch bei unserer Arbeit mit den Flüchtlingen tatkräftig unterstützt, als Übersetzer und Vermittler.“ Er verfüge zudem über einen zupackenden Optimismus. „Editer und seine beiden Geschwister haben uns überhaupt erst Zugang zu der albanischen Gemeinde verschafft“, ergänzt Helmut Braun.

Er ist entsetzt über die Abschiebung des begabten jungen Mannes. „An seinem Beispiel wollen wir aufzeigen, wie problematisch es ist, einen derart qualifizierten jungen Mann abzuschieben“, sagt der pensionierte Lehrer. Dem Willkommenskreis gehe nicht um irgendeinen Albaner, sondern um einen gut integrierten Migranten. „Auf diese Weise gehen uns gute Leute verloren.“

Gert Kuntze, Rechtsbeistand der albanischen Familie Aliraj/Barjamaj, versteht die aktuelle Abschiebepraxis ebenfalls nicht. „Unser Land setzt auf das falsche Pferd, wenn sie auf junge Ausländer wie Editer verzichtet. Uns fehlen doch die Fachkräfte“, sagt Kuntze. „Bei mir rufen häufig Handwerksbetriebe an, die freie Stellen nicht besetzen können, und fragen nach Asylbewerbern.“ Editer habe erst am 1. Juni ein Praktikum als Koch begonnen. Nun sieht Kuntze für den 26-Jährigen keine Chance mehr in Deutschland. „Ihm ist die Möglichkeit genommen worden, freiwillig unser Land zu verlassen. Auf diese Weise hätte er nach wenigen Monaten hierher zurückkehren können.“

Kuntze konnte seinem Mandanten vor der Abschiebung nicht juristisch beistehen. Editers Reisefähigkeit sei vom Gesundheitsamt der Region sehr kurzfristig attestiert worden, „nur nach Aktenlage und ohne ihn aktuell anzuschauen. Dabei haben Fachärzte bei ihm ein Trauma als Abschiebehindernis diagnostiziert. Im März war er deswegen zuletzt im Krankenhaus“, sagt Kuntze.

Die Abschiebung sei von langer Hand vorbereitet worden, meint Helmut Braun. „Der Anwalt ist bewusst ausgeschaltet worden.“ Wenn diese Abschiebepraxis Schule mache, könnten sich viele Asylverfahren von selbst erledigen.

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Editer Barjamaj.

Quelle: privat
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Von Redakteur Kerstin Siegmund

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