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Auf den Spuren eines Kriegsbombers

Ronnenberg Auf den Spuren eines Kriegsbombers

Nach 73 Jahren endlich Gewissheit: Zwei englische Brüder haben in Ronnenberg zum ersten Mal die Absturzstelle eines britischen Kriegsbombers besucht, in dem ihr Vater im Zweiten Weltkrieg nach einem Abschuss ums Leben kam. Luftfahrthistoriker Dirk Hartmann aus Hülsede hatte die Stelle kürzlich aufgespürt.

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Erfolgreiches Ende einer 73 Jahre langen Spurensuche: Die beiden Brüder Ray (Zweiter von links) und Jeff Williams (Dritter von links) lassen sich, ihren Familienangehörigen und zwei englischen Zeitungsjournalisten von Luftfahrtforscher Dirk Hartmann (Mitte) auf einem Feld in Ronnenberg die Absturzstelle des englischen Kriegbombers zeigen, in dem ihr Vater als Soldat nach einem Abschuss ums Leben kam.

Quelle: Ingo Rodriguez

Ronnenberg. Da standen sie nun also, auf einem Feld zwischen Ronnenberg und Wettbergen, den Blick in den Himmel gewandt und spürbar von ihren Emotionen überwältigt. "Ich bin so glücklich, nach 73 Jahren endlich Gewissheit zu haben, was mit unserem Vater geschehen ist", sagte der 79-jährige Ray Williams auf Englisch und lächelte seinen jüngeren Bruder Jeff (73) an.

Für die beiden Senioren aus England bedeutete genau dieser Moment das Ende einer jahrzehntelangen Suche. Die Geschichte der Spurensuche hört sich an wie das Drehbuch für einen Hollywoodfilm. Aber die Verkettung von Zufällen ist wahr. Auch deshalb haben zwei Journalisten der englischen Tageszeitung Daily Mail die beiden englischen Brüder und ihre Familien nach Ronnenberg begleitet: um über die Geschichte zu berichten.

Dass die letzten Momente im Leben ihres Vaters nun sehr genau rekonstruiert werden können, haben die Brüder Williams dem 50-jährigen Dirk Hartmann aus Hülsede zu verdanken. Er arbeitet bei der Luftaufsicht am Flughafen in Hannover-Langenhagen und erforscht seit Jahren in seiner Freizeit mit akribischer Leidenschaft die Geschichten von abgeschossenen Kriegsbombern der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der gefallenen und verletzten Soldaten aus den Flugzeugen. Dafür durchstöbert er regelmäßig historische Dokumente von Streitkräften, Abschusslisten in Archiven, Karteien des Deutschen Roten Kreuzes, Unterlagen von Soldatenfriedhöfen, befragt Zeitzeugen und korrespondiert mit Piloten-Veteranenvereinen. Seit 2010 stellt der ehrenamtliche „Luftfahrtarchäologe“ seine Ergebnisse dem Landesamt für Denkmalpflege zur Verfügung.

Es war aber der Zufall, der Hartmann und die beiden Brüder aus England zusammen geführt hat. In diesem Frühjahr hatte der Mann aus Hülsede im Internet auf der Webseite von Veteranen eines früheren britischen Luftwaffengeschwaders einen Gästebucheintrag von Ray Williams entdeckt. Dieser hatte - vor exakt 15 Jahren - noch einmal im weltweiten Datennetz gefragt, wer Informationen über den Verbleib seines gefallenen Vaters liefern könne. "Ich war sechs Jahre alt, als unsere Familie vom Abschuss seines Bombers erfuhr, aber die Mannschaft galt als vermisst, und es hat etwa 18 Monate gedauert, bis wir nicht mehr daran geglaubt haben, seinen Namen auf Listen von Kriegsgefangenen zu entdecken", ließ Williams übersetzen. Nicht einmal die englischen Streitkräfte und Ministerien hätten in den vergangenen 73 Jahren Hinweise über den Verbleib seines Vaters und der Crew liefern können.

Das hat nun Hartmann getan und Williams sowie seinem sechs Jahre jüngerem Bruder Jeff per E-Mail Aufklärung versprochen - 15 Jahre nach dem Internetaufruf. Hartmann hat ganze Arbeit geleistet: Abschusslisten, Standortprotokolle, Aufzeichnungen des Roten Kreuzes und ein bislang unbekannter Polizeibericht von der Absturzstelle am Kilometerstein 3,7 nahe einer Hofstelle haben Licht ins Dunkle gebracht. Und noch vor dem viertägigen Besuch der englischen Reisegruppe hatte Hartmann die Brüder mit den Ergebnissen seiner Recherche versorgt: Der Flugingenieur Williams war am 18. Oktober 1943 mit dem Lancaster-Bomber W4726/EM-L des 207. Schwadrons aus Spilsby in England beim vierten aufeinanderfolgenden Nachtangriff auf Hannover um 20.39 Uhr von einem deutschen Nachtjäger südlich von Hannover abgeschossen worden. Die Maschine explodierte in der Luft. Von der siebenköpfigen Crew soll es zuvor nur einem Heckschützen gelungen sein, mit einem Fallschirm abzuspringen. Die sechs weiteren Soldaten gelten bis heute als vermisst. Ein Rätsel bleibt auch, was mit den Leichen geschehen ist. Denn: "Aus einem Protokoll geht hervor, dass die verkohlten Körper an der Absturzstelle gefunden wurden. Ob und wo sie begraben wurden, lässt sich nicht mehr ermitteln", sagte Hartmann jetzt bei der Besichtigung der Absturzstelle neben der Bundesstraße 217 am Kilometerstein 3,7.

Bei seinen Recherchen wurde Hartmann auch von Ronnenberger Heimatforschern unterstützt. Der Vorsitzende des Ronnenberger Arbeitskreises Stadtgeschichte, Wilhelm Kulke, ist zu dem Treffen ebenso mit gekommen, wie der 86-jährige Zeitzeuge Hans-Hermann Fricke aus Ihme-Roloven. Er war 1943 als 15-Jähriger mit Freunden aus Neugier tagsüber zu den Absturzstellen von fünf englischen Kriegsbombern gelaufen. ""Das war kein schöner Anblick", sagte Fricke.

Dass an der Absturzstelle keine Zweifel bestehen, hatte dem Hobbyforscher Hartmann einen Tag vor dem gemeinsamen Besuch eine Inspektion des Feldstücks gezeigt. Dort war wegen der Trockenheit von einem Landwirt erst kurz zuvor zwischen mehreren Baumreihen der Boden aufgepflügt worden. Und dabei kamen stille Zeitzeugnisse ans Licht. "Ich habe im Sand Plexiglasstücke, Aluminiumreste und einen Metallverschluss gefunden, die sehr wahrscheinlich von einem englischen Lancaster-Bomber stammen", sagte Hartmann und präsentierte den ungläubig staunenden Besuchern die Fundstücke.

Suche nach Zeitzeugen wird immer schwieriger

Der ehrenamtlichen Luftfahrtforscher Dirk Hartmann will seine Recherchen über ungeklärte Abstürze von alliierten Kriegsbombern in und um Hannover fortsetzen. Allerdings wird die Klärung von Jahr zu Jahr schwieriger. "Es gibt immer weniger Zeitzeugen", sagt er. Hartmann nimmt unter Telefon (0 50 43) 15 96 Hinweise aus der Bevölkerung und Zeitzeugenberichte entgegen.

Geschichte aus Ronnenberg findet in England Beachtung

Die englischen Brüder Williams, ihre Ehefrauen und zwei ihrer bereits erwachsenen Kinder sind bei ihrem Besuch von dem bekannten britischen Journalisten Robert Hardmann und einem Fotografen begleitet worden. Hardmann ist ein angesehener Buchautor und hat kürzlich eine Dokumentation anlässlich des 90. Geburtstages der Königin Elisabeth II heraus gebracht. Die Geschichte über die Brüder Williams und ihren Spurensuche in Ronnenberg wird Hardmann in der britische Boulevardzeitung Daily Mail veröffentlichen. Laut Wikipedia hat die Zeitung eine Auflage von zwei Millionen Druckexemplaren und besetzt damit unter den auflagenstärksten britischen Zeitungen nach The Sun den zweiten und weltweit den zwölften Platz.

Überraschungsbesuch bei den Nachfahren des Roten Barons

Zum Rahmenprogramm des viertägigen Besuches der englischen Familien Williams gehörte nicht nur ein Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Hannover-Ahlem, sondern auch eine kurze Kaffeepause auf dem Untergut der Familie von Richthofen in Lenthe. "Das ist ja eine schöne Überraschung", sagte Ehrengast Ray Williams. Den Besuch hatte der Ronnenberger Heimatforscher Wilhelm Kulke heimlich eingefädelt. Der Grund: Der Cousin des Urgroßvaters von Hausherr Jakob von Richthofen ist Freiherr Manfred Albrecht von Richthofen. Dieser war ein international bekannter und gefürchteter deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg und genießt bis heute vor allem in England und Amerika Legenden- und Kultstatus. Von Richthofen erzielte die höchste Zahl von Luftsiegen, die im Ersten Weltkrieg von einem einzelnen Piloten erreicht wurde. Den Beinamen „Der Rote Baron“ erhielt er wegen seiner rot gestrichenen Flugzeuge.

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