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Empelder Firma als Blaupause für Pflegereform?

Ronnenberg Empelder Firma als Blaupause für Pflegereform?

Antje Heubeck und Annekathrin Rost fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Die Leiterinnen der Kinderpflege "Bärenstark" klagen über fehlende Tarif- und Gesetzesregelungen. Die Erfahrungen des Empelder Unternehmens könnte nun eine Rolle bei den Berliner Koalitionsverhandlungen spielen.

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Annekathrin Rost (von links) und Antje Heubeck erläutern der Bundestagsabgeordneten Maria Flachsbarth und Landtagskandidat Torsten Luhm (beide CDU) ihre Probleme.

Quelle: Marcel Sacha

Empelde. In regelmäßigem Abstand werden seit Jahren im Bundestag Novellierungen des Pflegegesetzes debattiert und auch beschlossen. "Normalerweise wird allerdings nur über die Altenpflege gesprochen", sagte Rost in einem Gespräch mit der CDU-Bundestagsabgeordneten Maria Flachsbarth. Dabei gebe es noch viele weitere Arten der Pflege - zum Beispiel die Betreuung todkranker Kinder und deren Familien.

Fallzahlen steigen bundesweit

Mit der Gründung der "Bärenstark"-Pflege in Empelde im Jahr 2011 haben sich die ehemaligen Krankenschwestern Rost und Heubeck dieser Aufgabe angenommen. "Wir wollten die Kinder aus den Kliniken zurück zu ihren Familien bringen", sagte Heubeck. Seitdem ist sowohl die Zahl der beschäftigten Mitarbeiter als auch die der betreuten Kinder enorm gestiegen. Waren es vor sechs Jahren gerade einmal zwölf Mitarbeiter und sechs betreute Kinder, sind es derzeit rund 100 Angestellte und mehr als 50 Kinder. "Leider steigt die Zahl der Jungen und Mädchen mit einer geringen Lebenserwartung in Deutschland immer weiter an", sagte Rost. Rund 10.000 Fälle gibt es der Geschäftsführerin zufolge in der Bundesrepublik, davon etwa 250 in der Region Hannover. Dennoch finde die Kinderpflege in der öffentlichen Debatte und der Gesetzgebung keine Berücksichtigung, kritisierte sie.

Krankenkassen wollen nicht zahlen

Die Liste der von Rost und Heubeck angeführten Mängel ist lang: "Das fängt bei der Suche nach Nachwuchskräften an", sagte Heubeck. Aus ihrer Sicht ist der erste Schritt in den Pflegeberuf ein entsprechendes Praktikum. Dies ist allerdings erst ab dem 18. Lebensjahr gesetzlich erlaubt. "In dem Alter haben sich die meisten Schüler bereits eine Alternative gesucht, weil sie keine Chance hatten, Erfahrungen in der Pflege zu sammeln", sagte Heubeck. Ihre Schlussfolgerung: "So wirkt man dem Personalmangel in der Pflege nicht entgegen."

Hinzu kommt laut Rost eine enorme Diskrepanz zwischen Qualitätsanspruch des Gesetzgebers auf der einen und der Zahlungsbereitschaft der Krankenkassen auf der anderen Seite. "Wir müssen zwar einen großen Fuhrpark vorhalten und können nur bestens ausgebildete und spezialisierte Mitarbeiter einsetzen, bekommen von den Kassen allerdings weniger Geld erstattet als bei der Grundpflege." Entsprechende Tarifverträge gibt es in der Kinderpflege bislang nämlich nicht. Daraus resultieren Heubeck zufolge monatelange und nervenaufreibende Verhandlungen mit den Krankenkassen - umfangreiche Wirtschaftsprüfungen inklusive. "Dabei wollen wir nicht einmal reich werden, sondern einfach nur den Familien helfen und unsere Mitarbeiter fair bezahlen."

"Bärenstark" mögliches Thema bei Koalitionsgesprächen

Sichtlich überrascht von den vorgetragenen Schilderungen der "Bärenstark"-Geschäftsführerinnen erklärte die Bundestagsabgeordnete Flachsbarth, ihre neuen Erkenntnisse mit nach Berlin zu nehmen und das Thema bereits am Dienstag an die Gesundheitsexperten der neu zusammengesetzten Unionsfraktion weiterzugeben. Diese wiederum könnten in den anstehenden Koalitionsverhandlungen entsprechende Reformen anregen, die die Situation in der Kinderpflege in Zukunft verbessern, sagte sie.

"Jeden Tag leben"

Die Kinderpflege "Bärenstark" mit Sitz in der Straße Am Rathaus in Empelde hat es sich zum Ziel gesetzt, schwerstkranke Kinder und deren Angehörige aufzufangen und ihnen die Möglichkeit geben, abseits einer Klinik in den eigenen vier Wänden ein weitgehend normales Familienleben zu führen. Dabei wissen die Mitarbeiter, dass trotz ihrer Hilfe neun von zehn Kindern frühzeitig aufgrund ihrer Krankheiten sterben werden. Sie wollen jedoch dabei helfen, diese Zeit so angenehm und lebenswert wie möglich für die betroffenen Familien zu gestalten. Hierfür betreuen sie dutzende Kinder in einem Umkreis von knapp 90 Kilometern - sowohl tagsüber als auch nachts. Zu den häufigsten Krankheitsbildern gehören Chromosomdefekte, Stoffwechselkrankheiten, Autoimmunerkrankungen sowie Folgen schwerer Unfälle. Darüber hinaus unterstützen sie Eltern dabei, selbstständig Entscheidungen zu treffen und wieder Mut und Lebensfreude zu zurückzugewinnen. Daher gilt das "Bärenstark"-Motto "Jeden Tag leben" für die Kinder ebenso wie für deren Eltern.

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Bär und Frosch: Die Maskottchen der Empelder Kinderpflege.

Quelle: Marcel Sacha

Von Marcel Sacha

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