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Kritik an nächtlicher Evakuierung

Bombenräumung in Seelze Kritik an nächtlicher Evakuierung

Nach der Bombenentschärfung in der Nacht zu Dienstag wird die Stadt Seelze für den schleppenden Informationsfluss kritisiert. Viele betroffene Einwohner fühlten sich zu spät und unzureichend über die Räumung informiert. Auch Polizei und Feuerwehr hatten in der Nacht mit großen Problemen zu kämpfen.

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Einige der Seelzer beklagen, erst nach 22 Uhr von der bevorstehenden Evakuierung erfahren zu haben.

Quelle: Christian Elsner

Seelze. Die schleppende Evakuierung nach dem Bombenfund in Seelze in der Nacht zu Dienstag hat Kritik an den Behörden hervorgerufen. Einige der rund 14.000 Menschen, die kurzfristig ihre Häuser verlassen mussten, beklagten gegenüber dieser Zeitung die mangelnde Information seitens der zuständigen Stellen. Demnach hätten einige Seelzer erst gegen 21 Uhr von der bevorstehenden Evakuierung erfahren und hätten somit Hals über Kopf ihre Wohnungen verlassen müssen – obwohl die Entscheidung zur Evakuierung bereits am späten Nachmittag gefallen sei. Andere Betroffene beklagten, dass zwar über das Internet Informationen verfügbar gewesen seien, nicht aber über Lautsprecherdurchsagen.

Stadt weist Vorwürfe zurück

In einer Pressekonferenz am Dienstag wies Seelzes Bürgermeister Detlef Schallhorn die Vorwürfe zurück. Insgesamt sei die Evakuierung aufgrund der schwierigen Situation in Seelze sogar außergewöhnlich gut verlaufen. Dass sich die Freigabe für die Entschärfer bis in den frühen Morgen verschoben habe, sei allein darauf zurückzuführen, dass etliche Einwohner ihre Wohnungen nicht hatten verlassen wollen. Lautsprecherdurchsagen habe es auch am Montag in Seelze gegeben – allerdings erst ab 21 Uhr. Zuvor seien die Einwohner ja bereits ausreichend über die Medien und das Internet informiert gewesen, so Schallhorn.

Wie am Dienstag zu erfahren war, wurde die Bombe bereits zwischen 14 und 15 Uhr entdeckt. Zunächst habe es sich lediglich um einen "Verdachtsfall" gehandelt, sodass man noch keine Entscheidung für eine Evakuierung der Umgebung habe treffen wollen, so ließen die zuständigen Einsatzkräfte verlauten. Nach dem Fund der mutmaßlichen Bombe wurde gegen 16 Uhr die Feuerwehr informiert, anschließend der Bürgermeister sowie die technische Einsatzleitung in Hannnover. Inzwischen war die mutmaßliche Bombe ausgegraben worden und hatte sich tatsächlich als Blindgänger entpuppt. Daraufhin musste die Entschärfung angeordnet werden, denn nun war sie im Erdreich bewegt worden und zur akuten Gefahr geworden. Um 17 Uhr wurde dann mit allen Beteiligten das Vorgehen des Abends geplant.

Besonders betonte Schallhorn zudem das Vorgehen bezüglich des Chemiewerks Honeywell, das sich im Evakuierungsradius befindet. In der Regel dauere die notwendige Teil-Stilllegung und Räumung eines solchen Unternehmens zwölf Stunden, im aktuellen Fall habe man es allerdings bereits bis 22 Uhr geschafft.

In Seelze ist am Montag ein Blindgänger gefunden worden. 14.000 Menschen sind von den Räumungsmaßnahmen am Abend betroffen.

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Trotz umfrangreicher Stellungnahmen zur Nacht blieben einige Fragen unbeantwortet und lassen die Bürger weiterhin rätseln. Demnach ist nicht klar, warum nicht die in Bomben-Evakuierungen äußerst erfahrene Feuerwehr Hannover zur Unterstützung angefordert wurde. Stattdessen entschied man sich schon früh, dass allein die Feuerwehr Seelze am Einsatz beteiligt werden sollte. Zudem ist nicht klar geworden, ob die interne Informationskette nach dem Bombenfund nicht hätte beschleunigt werden können, um Evakuierung und Entschärfung schon früher beginnen zu lassen. Der Blindgänger war kein Zufallsfund, sondern das Ergebnis einer gezielten Bombensuche auf einem Baugrundstück. Demnach steht die Frage im Raum, ob alle Beteiligten auf den erwartbaren Fall eines Bombenfunds ausreichend vorbereitet gewesen waren.

Bewohner verweigern Evakuierung

Auch für die zuständige Feuerwehr und die Polizei verlief die Nacht indes nicht problemlos. Wie die Einsatzkräfte am Dienstagmittag mitteilten, hatten sich 39 Einwohner des Evakuierungsgebiets geweigert, ihre Wohnung zu verlassen. Sie mussten von der Polizei einzeln aus ihren Häusern und Wohnungen geholt werden. Die Einsatzkräfte hätten in keinem Fall Gewalt anwenden müssen, alle Personen hätten sich nach kurzen Diskussionen freiwillig zum Verlassen ihrer Wohnung bereiterklärt.

Durch diese Vorfälle verzögerte sich die Räumung erheblich: Während ursprünglich eine Freigabe zur Entschärfung des Blindgängers um 1 Uhr angepeilt wurde, wurde diese Zeit im Laufe der Nacht immer weiter nach hinten verlegt. Am Ende war das Gebiet im Umkreis von zwei Kilometern erst um 4.32 Uhr geräumt. Für die insgesamt 500 beteiligten Einsatzkräfte, darunter viele freiwillige Helfer, wurde die Nacht zu einem nervenaufreibenden Kraftakt. Auch die Einwohner Seelzes, die in den Sammelstellen auf die Erlaubnis zur Rückkehr in ihre Wohnungen warteten, waren die Leidtragenden der vereinzelten Evakuierungs-Verweigerer.

 

Nächtliche Evakuierung wirft Fragen auf

Von der Räumung betroffen waren auch mehrere Seniorenheime – für die Bewohner der Einrichtungen sowie die beteiligten Hilfskräfte insbesondere zu dieser Uhrzeit eine logistische und psychisch belastende Maßnahme. Gegenüber dieser Zeitung äußerten Bewohner Seelzes in diesem Zusammenhang die Frage, warum nicht am kommenden Tag geräumt werden sollte. Dann wäre ein Großteil der Menschen ohnehin bei der Arbeit. Familien, Kinder und körperlich beeinträchtigte Menschen müssten nicht ihre Betten verlassen, um eine nervenaufreibende Nacht in Sammelstellen zu verbringen.

Immer wieder müssen in Hannover Fliegerbomben entschärft werden. Ein Überblick über die Bombenräumungen der vergangenen Jahre:

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Forderung nach systematischer Bombensuche

Gefunden wurde der Blindgänger bei sogenannten Kampfmittelsondierungsarbeiten. Dabei werden Baugebiete gezielt und räumlich begrenzt auf möglicherweise im Boden liegende Blindgänger untersucht. Eine systematische Suche der nicht detonierten Weltkriegsbomben, etwa Anhand von Luftbildern, findet in Niedersachsen seit 2012 nicht mehr statt. Das Programm war von der damalig CDU-geführten Landesregierung aus Kostengründen eingestellt worden. Erst kürzlich war die Forderung nach einer Wiederaufnahme dieser Suche erneut aufgekommen. Der Landesfeuerwehrverband, der Städtetag und die Gewerkschaft der Polizei verlangen nach dem Fund zweier Weltkriegsbomben in Misburg Ende Juli eine sofortige Wiederaufnahme des sogenannten Landessonderprogramms.

Während des Zweiten Weltkriegs waren vermutlich Tausende Bomben über Niedersachsen niedergegangen. Etwa jede zehnte bohrte sich in den Boden, ohne zu explodieren. Wieviele Blindgänger noch unentdeckt sind, ist nicht bekannt.

mic/jki

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Foto: Dieser Blindgänger hielt 14.000 Seelzer und zahlreiche Einsatzkräfte in der Nacht in Atem.

Eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg hat die Menschen in Seelze die ganze Nacht wach gehalten. 14.000 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Die Evakuierung lief schleppend, dauerte Stunden und hinterließ viele Fragen zur Organisation der Räumung.

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