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Ein Ausflug in die Steinzeit des Autos

Lohnde Ein Ausflug in die Steinzeit des Autos

Fünf Trabant stehen am Lohnder Friedhof, eine ungewöhnliche Häufung. Tatsächlich ist Seelze eine Hochburg des ostdeutschen Autos. Seit 1993 gibt es den Freundeskreis der Trabifahrer. „Erst waren wir bundesweit verteilt, jetzt eher regional“, sagt der Lohnder Andreas Köhler.

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Kultfaktor: Das Zweitakt-Auto ist ein Stück Industriegeschichte.

Quelle: Thomas Tschörner

Lohnde. Abgesehen von der originellen Form hat der Trabant nüchtern betrachtet eigentlich nur Nachteile: Der Wagen ist nicht besonders groß, die Abgase stinken und schnell ist er auch nicht. Dennoch hat das Auto seinen Reiz. „Das ist Fahren wie in der automobilen Steinzeit“, sagt Köhler. Die Technik sei einfach, es gebe am Armaturenbrett nur ein paar Knöpfe. Letztlich sei es Freude am ursprünglichen Fahren, ohne aufwendige Sicherheits- oder Assistenzsysteme. Immerhin hat Köhler seinem Kübelwagen neben einem Kassettenradio auch ein Lederlenkrad spendiert. Der mit einem Faltverdeck ausgestattete Kübel ist gewissermaßen der Exot unter den Trabis und war einst als Dienstfahrzeug bei Grenztruppen und Forstverwaltung im Einsatz.

Der Langenhagener Jürgen Wehmer hat zunächst Modellautos gesammelt, stieg dann aber relativ schnell auf den richtigen Trabant um und ist mittlerweile schon seit 1994 bei der Gruppe. „Ich bin mit den Autos groß geworden, da hängen Kindheitserinnerungen dran“, sagt Patrick Lehmann aus Steinhude. Er hat erst einmal ein passendes Fahrzeug gesucht, dann Köhler angeschrieben und ist vor vier Jahren zu den Trabifahrern gestoßen.

Manfred Trapphagen hat seinen Trabant bereits vor 20 Jahren gekauft und seitdem den Wagen ununterbrochen zugelassen.Damals hatte das Fahrzeug 20 000 Kilometer auf dem Tacho, mittlerweile sind es rund 63 000. „Es ist alles noch Original“, sagt der Lohnder.

Top erhalten ist der Trabant des Gümmeraners Frank Schüttpelz, der immerhin schon 50 Jahre alt ist. Damit hat das Auto die spartanische Ausstattung der ersten Modelle mit einfachstem Lenkrad und Kippschaltern.

Die Geschichte des Trabant sei faszinierend, so Wehmer. Nur das Skelett des Wagens sei aus Metall. Die übrigen Teile der Karosserie seien aus Baumwolle und Phenolharz (siehe Kasten). „Es musste halt gespart werden.“

Der Genex-Trabi ist am roten Keder erkennbar

Eine Bananenkiste auf dem Dach, besondere Radkappen und ein DDR-Atlas auf der Hutablage – der Freundeskreis der Trabifahrer Seelze hält seine Fahrzeuge mit Liebe zum Detail in Schuss. Die kleine Autoparade auf dem Parkplatz des Friedhofs Lohnde hat auch Ortsbürgermeister Wilfried Nickel, der zufällig in der Nähe unterwegs war, auf den Plan gerufen. Der Trabant ist halt mittlerweile ein Kultfahrzeug.

Eine große automobile Vielfalt sollte es für den DDR-Bürger nicht geben. Der Trabant war das meistverkaufte Auto, von dem es neben der Limousine den Universal genannten Kombi sowie einen Kübelwagen mit Faltverdeck für Grenztruppen und Forstbetrieb gab. Ähnlich wie in der westlichen Autoindustrie gab es tolle Namen für die erhältlichen Farben: Gletscher-Blau gehörte ebenso dazu wie Champagner-Beige, Papyrus-Weiß oder Taiga-Grün. Wer einen Trabant haben wollte, musste zehn bis 18 Jahre warten. „Außer, er hatte Verwandte im Westen“, sagt Jürgen Wehmer von den Trabifahrern. Denn der Wagen war über die Genex (Geschenkdienst und Kleinexporte GmbH) auch im Westen erhältlich und kostete 1961 3680 Mark. So konnten Westdeutsche ihren Verwandten in der DDR einen Trabant schenken – die jahrelange Warterei entfiel. Damit es keinen Stress in den Werkstätten gab, waren die Genex-Fahrzeuge mit einem roten Keder gekennzeichnet. „Einige waren halt gleicher als andere“, sagt Wehmer. Der Trabant wurde aber auch in einige westliche Länder wie Schweden, Belgien und Dänemark verkauft, meist um Steuern zu sparen.

Waren die Fahrzeuge gleich nach der Grenzöffnung relativ günstig zu haben, so sind mittlerweile Sammlerpreise zu zahlen. „Wer einen Wagen im guten Zustand haben will, muss schon ab 2000 Euro auf den Tisch legen“, sagt Patrick Lehmann.

Die Rennpappe wurde bei 120 Grad Celsius gebacken

Der Trabant als das berühmteste Auto der DDR wurde im VEB Automobilwerk Zwickau, später VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau ab 1958 gebaut. Verbreitet war der Trabant P 601, von dem von 1964 bis 1991 rund 3 Millionen Exemplare vom Band liefen. Ein Zweitaktmotor leistet je nach Modelljahr zwischen 23 und 26 PS aus einem Hubraum von 594 Kubikzentimetern. Damit ist eine Höchstgeschwindigkeit von 105 Stundenkilometern möglich. Der Verbrauch liegt bei sieben Litern Zweitaktgemisch 1:50 auf 100 Kilometer. Weil Tiefziehbleche in der DDR knapp waren, wurden wesentliche Teile der Karosserie aus Baumwolle und Phenolharz bei 120 Grad Celsius gebacken. Dies brachte dem Trabant den Spitznamen Rennpappe ein. Bei Grenzöffnung waren noch 1,87 Millionen Fahrzeuge zugelassen, jetzt sind es bundesweit nur noch 29 000.

Von Thomas Tschörner

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Von Redakteur Thomas Tschörner

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