Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Die unerhörte Orgel

Seelze Die unerhörte Orgel

Mit der Orgel in der St.-Martins-Kirche hat sich ein Seelzer ein Denkmal geschaffen, obwohl er ihren Klang nie zu hören bekam. Seit 1777 wurde die Orgel mehrfach umgebaut. Ihr historischer Prospekt steht inzwischen unter Denkmalschutz - und ihr Klang begeistert Zuhörer und Musiker.

Voriger Artikel
Verein lässt Schäden an Kapelle beheben
Nächster Artikel
HGS bittet um Fest-Teilnahme

Der Prospekt der Orgel in der St. Martinskirche steht unter Denkmalschutz.

Quelle: Nils Oehlschläger

Seelze. Im Jahr 1755 stand an der Stelle der heutigen St.-Martins-Kirche noch eine Kirche aus Holz. Doch noch im selben Jahr sollte das Gotteshaus durch ein verheerendes Feuer vollständig zerstört werden. Mit der Kirche verlor die Gemeinde nicht nur ihre zentrale Begegnungsstätte, sondern auch die darin untergebrachte Orgel.

Um sich von diesem Unglück zu erholen, brauchte die Gemeinde 14 Jahre. Erst 1769 stand die neue Kirche an der altbekannten Stelle. Wenn zu dieser Zeit jedoch Musik durch das kirchliche Gemäuer schallte, fehlte noch das wichtige Begleitinstrument. Eine Orgel war jedoch nicht ohne Wweiteres zu bezahlen, denn durch den Bau des neuen Kirchengebäudes waren die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde erschöpft.

Die Rettung nahte, als im Jahr 1775 ein gewisser Cord Hinrich Marcs nach Seelze zurückkehrte. Der Händler war durch seine Geschäfte in Südamerika zu großem finanziellem Reichtum gekommen und zeigte sich der Kirche gegenüber spendabel. Kurzerhand finanzierte er den Bau einer neuen Orgel für 700 Taler aus Gold - was zu jener Zeit ein Vermögen war. Doch Marcs selbst sollte den Klang der in Auftrag gegebenen Orgel nie zu hören bekommen, da er ein Jahr vor deren Fertigstellung am 7. August 1777 starb.

Seither begeistert ihr Klang jedoch die Gottesdienst- und Konzertbesucher in der St.-Martins-Kirche. „Meine Frau sagt immer, diese Orgel sei meine erste Geliebte“, sagt der Kirchenmusiker und Musiklehrer Christoph Slaby. Er ist mit der Geschichte des Instruments bestens vertraut.

„Der Prospekt der Orgel steht hier so seit der Fertigstellung“, erzählt Slaby - dazu ist er inzwischen denkmalgeschützt. Doch auch wenn äußerlich in knapp 250 Jahren alles beim Alten blieb, hat sich nach drei wesentlichen Umbauarbeiten doch einiges im Inneren getan. „Nachdem die Orgel etwa 100 Jahre so erhalten blieb, wurde sie für nicht mehr zeitgemäß erachtet“, sagt Organist Slaby. 1889 wurde das Instrument durch ein neueres, größeres ersetzt.

Doch der nächste Umbau sollte nicht lange auf sich warten lassen. Bereits 40 Jahre darauf bekam das Instrument ein motorisiertes Gebläse. „Davor musste immer, wenn der Organist spielen wollte, ein sogenannter Kalkant für das Gebläse sorgen“, erzählt der Musiklehrer. Dieser Helfer des Organisten musste einen Holzbalken treten, um mit entsprechendem Luftdruck das Instrument zu betreiben.

Nach einem dritten Umbau ist die Orgel nun seit 1996 „im Sinne des Erfinders vollendet“, sagt Slaby. Viele der Stimmen des zweiten Instruments blieben erhalten und bilden mit den neuen Instrumententeilen einen besonderen Klang. „Seit zwei Jahren ist unsere Kirche besonders gefragt für CD-Aufnahmen“, sagt er. Der geschichtsträchtige Klang des Instruments lässt sich jedoch auch hautnah und gratis erleben, nämlich regelmäßig am Sonntag im Gottesdienst.

Vor der Orgel in der St.-Martins-Kirche prangt an der Empore auf einem Schild der Name ihres Stifters. „Damit hat sich Cord Hinrich Marcs ein Denkmal gesetzt“, sagt Slaby. Nun habe erneut ein Seelzer die Chance dazu, sich über Jahrhunderte einen Namen zu machen. „Wir suchen noch einen großzügigen Spender für unseren Kirchturm“, sagt der Musiklehrer. Dieser sei inzwischen nur noch mit Risiko zu betreten. „Jeder, der dort hineingeht, muss bei mir auf einer Liste unterschreiben, dass er das auf eigene Gefahr tut“, sagt er. Hineinzugelangen ist schwierig: Nur durch den Innenraum der Orgel lässt sich der Glockenturm betreten. Die Stufen der Treppe knacken bei jedem Schritt bedenklich. Möchte man auf die Spitze des Turms, muss man geduckt unter den Glocken hindurchgehen. „Wir wollen mit dem Umbau die Kirche und die Stadt attraktiver machen“, sagt Slaby. Dazu soll der Zugang zum Kirchturm vereinfacht und das Treppenhaus modernisiert werden. „Von oben hätte man einen herrlichen Blick über ganz Seelze“, sagt der Organist

Von Nils Oehlschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6sl4tkiqsl1lqcnfizj
Anderen Menschen helfen: Eine Lebensaufgabe

Fotostrecke Seelze: Anderen Menschen helfen: Eine Lebensaufgabe