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Obentraut bewegt Seelze bis heute

Seelze Obentraut bewegt Seelze bis heute

Bei einem eher unbedeutenden Scharmützel ist Michael Obentraut im Dreißigjährigen Krieg in Seelze ums Leben gekommen und war fast in Vergessenheit geraten. Seit 2008 ist der Reitergeneral als Marketingfigur, dargestellt von Rainer Künnecke, aber wieder präsent in der Stadt: Von Anfang an hat ihn Andreas Schulze mit der Kamera begleitet.

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Dieser aufwändig gefaltete Kragen ist bildschön und für Andreas Schulze ein gefundenes Motiv.

Quelle: ANDREAS SCHULZE

Seelze. Das Datum des 25. Oktobers 1625 mag Seelzern möglicherweise wenig sagen, doch der Name Michael Obentraut hat hier einen vertrauten Klang. Der Generalleutnant war nicht von hohem Adel, wurde auch nicht märchenhaft reich, doch galt er zu seiner Zeit als heldenhafter Mann. Jedenfalls im protestantischen Lager, während er bei Katholiken geachtet beziehungsweise gefürchtet wurde. In Seelze erinnert seit 1630 eine Sandsteinpyramide an der Hannoverschen Straße an Michael Obentraut. Jahrhunderte später kam Schauspieler Rainer Künnecke ins Stadtgeschehen und belebte die Figur des Obentraut – im Auftrag des Stadtmarketings. Es entwickelte sich eine beeindruckende Dynamik. Denn der gefallene Reitergeneral, der in Seelze den Tod fand, wird inzwischen als Inspirationsquelle genutzt.

Mit Obentraut auf Zeitreise

Bereits zum achten Mal werden am Freitag, 1. September, rund 30 historisch kostümierte Darsteller ab 19.30 Uhr durch die Leinemasch rund um den Bürgerpark ziehen und mit ihrer "Zeitreise" das Publikum in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) entführen. Vor 392 Jahren fand das Gefecht in Seelze statt. Im Verlauf der eher unbedeutenden Schlacht siegte der katholische Tilly mit seinen Truppen über den protestantischen Generalleutnant Obentraut, als der wurde von einer feindlichen Kugel getroffen und tödlich verwundet wurde. Der Personenkult um den "Deutschen Michel" und Verlierer des Gefechts mag ungewöhnlich anmuten, doch am Ort seines Dahinscheidens beschäftigen sich die Menschen gerne und intensiv mit dem kulturell prägenden Religionskrieg und seinen bis heute zu erspürenden Auswirkungen. Angefangen bei den ländlichen Lebensbedingungen des 17. Jahrhunderts bis zu den politischen Verflechtungen werden immer sie immer bewanderter in den geschichtlichen Zusammenhängen. Alle zwei Monate trifft man sich zum Obentraut-Stammtisch in den Bürgerstuben, auch eine Wanderung zum Obentraut-Wappen, das in Hannovers Marktkirche hängt, wurde schon angeboten. In Seelze gibt es einen Obentraut-Markt, ein Bier das den Namen des Reitergenerals trägt und den Roman von Harry Vosberg. Die Harenberger Evelyn und Knut Werner sind die Herausgeber des 368 Seiten Werkes und auch sonst ein Motor in Sachen Obentraut. Aber wer gedanklich in die Vergangenheit zurückgeht weiß natürlich, dass es zu Lebzeiten von Hans-Michael Obentraut, der 1574 im Hunsrück geboren wurde, nur Menschenkraft und Pferdestärken, aber noch lange keine Maschinen gab. Kleidung aus Flachs und Fell, kochen über offenem Feuer und Helligkeit durch Talglichter oder Fackeln waren üblich. "Angstlust" wird das Gefühl zwischen Schaudern und Faszination genannt und in Seelze sorgen die nachempfunden Erinnerungen an Obentrauts letzte Schlacht für die attraktive Mischung zwischen Historie und Thrill.

Spektakel startet auf Parkplatz

Die diesjährige Zeitreise startet am Parkplatz der Kristalltherme, führt nördlich um den Park herum und findet ein friedfertiges Finale am Lagerfeuer von Lohndes Pfadfindern. Gemeinsam mit den 30 kostümierten Darstellern sind alle Interessierten zum leichtfüßigen Nachgang der historischen Schlacht herzlich eingeladen. Denn bei Einbruch der Dämmerung lässt sich Geschichte noch eindrücklicher empfinden, wobei dieser September klimatisch sicher charmanter als ein 25. Oktober des Jahres 1625 ist. Die heraufziehende Feuchtigkeit des Flusses, der die Marschwiesen in Nebel taucht, schärft die Sinne auf wenig alltägliche Weise. Bei Dunkelheit geht der gewohnte Überblick verloren, aus den Büschen klingt das Flüstern der Wegelagerer und das Knacken von Zweigen. War das jetzt der Wind, ein Tier oder gar der anrückende Feind? In Seelze reist man natürlich nicht ins 17. Jahrhundert, aber man den Zeitgeist der Epoche auf verschiedenen Ebenen kennen lernen. Musikinstrumente und Gesänge des 17. Jahrhunderts lassen die Zeit wieder auferstehen, wenn man flankiert von Knappen und Mägden, aufgebrachten Bauern und zwielichtigen Mönchen begegnet. Im Bürgerpark wechseln übrigens nicht die Szenen, sondern die Zuschauer erwandern sich die unterschiedlichen Stationen, die von Dramaturgin Dorit David in einem dreitägigen Workshop mit den ambitionierten Laiendarstellern entwickelt wurden. Seelzes Obentraut-Darsteller Rainer Künnecke ist Schauspieler und seit 2008 als Obentraut-Darsteller im Seelzer Stadtgebiet unterwegs. Als Obentraut trägt Künnecke Rüstung, Helm und Bart, nur das Pferd was einen General zum Reitergeneral macht, fehlt derzeit noch. "Ich kannte die historische Gestalt anfangs gar nicht", bekennt der 59-jährige Schauspieler und recherchierte, dass der protestantische Krieger auch in Geschichtsbüchern nicht auftaucht, aber dafür auf Wikipedia zu finden ist. Künnecke haucht der legendären Obentraut-Figur regelmäßig Leben ein und freut sich, wenn Kinder gebannt die Aufstellung eines "Schlachtplans" verfolgen oder den Degen in ihrer Hand wiegen. Auch Dramturgin Dorit David ist ein Profi und entwickelt mit der freien Gruppe der Zeitreisenden in jedem jahr neue Szenen und Handlungsstränge, die immer detailreicher werden. Wie im echten Dorfleben gibt es Zank und Streit, aber auch fröhliche Feste.

Andreas Schulze findet es spannend, wie Menschen Historie erlebbar machen

Andreas Schulze heißt der Fotograf aus Seelze, der seit Beginn der Obentraut-Wiederentdeckung im Jahr 2008 die Aktionen von Markt über Spaziergang bis Zeitreise ebenso leidenschaftlich wie gekonnt mit Fotos dokumentiert. So liefern seine Aufnahmen von der Zeitreise ganz unterschiedliche Einblicke und Annäherungen in die Lebensumstände des 17. Jahrhunderts, die sicher auch in Seelze vergleichbar herrschten. Da wurde Wäsche mit der Hand gewaschen und das Wasser über offenem Feuer erwärmt. Missernten und kriegerische Auseinandersetzungen hatten Hungersnöte zur Folge, an der viele Menschen starben. Als Folge der Verheerungen durch den Dreißigjährigen Krieg fielen Siedlungen wüst, während Epidemien ebenfalls tausende Menschenleben kosteten. Findet in Seelze der Obentraut-Markt im September statt, zeigen Landwirte historische Kartoffelernter. Doch zu Obentrauts Zeiten gab es keine Kartoffeln in Deutschland, die wurden ab 1647 in Oberfranken angebaut. Auch Schulpflicht war noch unbekannt und wurde erst durch Friedrich den Großen im 18. Jahrhundert eingeführt. Bis dahin konnten nur sehr wenige Dorfbewohner lesen oder schreiben. Doch die rund sechs Meter hohe Steinpyramide, wie sie Michael Obentrauts Bruder im Jahre 1630 zu Ehren des Gefallenen aufstellen ließ, wurde jederzeit als Ehrenmal identifiziert. Der Hannoversche Steinmetz Jeremias Sutel fertigte das Denkmal mit der lateinischen, hier übersetzten, Inschrift: „Gott, dem besten, größten geweiht. Dies Denkmal dem unerschrockenen, sehr edlen und heldenhaften Herrn Johann Michael von Obentraut, rheinischer Ritter der Königlich Dänischen Majestät Christian IV. General-Leutnant der Reiterei, der hier am Tage des Mars 25. Oktober 1625 tapfer für Vaterland und Freiheit fiel.“ Andreas Schulze fotografierte das „erste“ Kriegerdenkmal auch, nachdem es 1989 um Reitstiefel und Metallhelm ergänzt worden war. Aus Zeitmangel soll Obentraut damals ohne Helm und nur mit einem Stiefel ins Gefecht gezogen sein. Die Hannoverschen Straße führt heute am Denkmal vorbei, das natürlich auch eine Station historischer Stadtführungen ist. 

Von Andreas Schulze stammen die Bilder auf dieser Seite und natürlich hat er auch aktuelle Aufnahmen vom Obentraut-Eis, das man vermutlich nur in Seelze serviert bekommen kann. Mit Ananas und Schokolade wird eine Kanone nachgebildet.

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Von PATRICIA CHADDE

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