Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Das Buch zum Sehnder Kalibergbau

Sehnde Das Buch zum Sehnder Kalibergbau

Er hat mit Bergsteigerlegende Reinhold Messner im Himalaya den 8013 Meter hohen Gipfel des Shishapangma bestiegen. Doch der Arbeitsplatz von Siegfried Ludwig lag mehr als 9000 Meter tiefer - in den Sehnder Kaliwerken. Darüber hat der 76-jährige Sehnder nun ein Buch und einen Fotokalender veröffentlicht.

Voriger Artikel
Vitalkur für die Höverschen Kippen
Nächster Artikel
Feuerwehr hatte einsatzreichstes Jahr seit Gründung

Der Sehnder Siegfried Ludwig (76) hat eine Dokumentation über 80 Jahre Kalibergbau mit vielen Fotos erstellt.

Quelle: Kühn

Sehnde. Sein Beruf und seine Passion waren ein Leben der Extreme: In Sehnde schwitzte er in 1200 Metern Tiefe bei 40 Grad, im Himalaya fror er bei -40 Grad. 80 Grad Temperaturunterschied, 9000 Meter Höhenunterschied. Mit beidem hat er inzwischen abgeschlossen. Der Anfang liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück: In den Fünfzigerjahren hat Ludwig seine Lehre als Bergvermessungstechniker absolviert, dann sein Abitur nachgemacht und anschließend Bergbau studiert.

Als Vermessungsingenieur war er zunächst bis zur Stilllegung 1981 im Werk Friedrichshall und danach bis 1994 im Werk Hugo Bergmannssegen tätig. „Dort musste ich Hohlräume vermessen und kartieren“, erläutert Ludwig. Diese zogen sich westlich der Bahnstrecke vom Sehnder Friedhof bis nach Bolzum.

Obwohl deutsche Bergwerke relativ sicher sind - auch in Sehnde gab es manchmal tödliche Unfälle zu beklagen. „Aber Angst habe ich nie gehabt“, versichert der 76-Jährige. Die Gänge seien sieben Meter breit und vier Meter hoch gewesen, da habe es genug Platz gegeben. Aber es war sehr dunkel und stickig. „Ohne Stirnlampe und Atemschutzgerät ging es oft nicht.“ Er habe aber auch viel über Tage gearbeitet.

Der Sehnder Kaliberg ist noch heute ein Wahrzeichen der Stadt. Damit nicht in Vergessenheit gerät, was die Stadt jahrzehntelang prägte, hat Ludwig die Dokumentation „80 Jahre Kalibergbau in Sehnde“ veröffentlicht. „Wenn meine Generation weg ist, weiß keiner mehr, was war“, sagt der 76-Jährige. Das wolle er für die Nachwelt festhalten. Dazu gehören auch technische Ausdrücke: Dass etwa eine Schrapperhaspel eine Winde für Zugseile ist oder die Ortsbrust das Abbauende bezeichnet.

Der 60-seitige Bildband mit 137 historischen Fotos, Texten und grafischen Darstellungen vermittelt einen Einblick in diese Zeit von den Anfängen bis zur Stilllegung. Dazu gehören die Entstehung der Salzstöcke bis zur Förderung und Aufbereitung des Rohsalzes zu Düngemitteln. Außerdem hat er einen Jahreskalender für 2016 mit 32 Fotos erstellt. „Es war schwer, an Material zu kommen“, beschreibt der Hobbyfotograf die Detektivarbeit im Vorfeld. Manche Fotos stammen von Bergmannswitwen, die diese dem Stadtarchiv überlassen hatten.

Von dem Bildband sind schon Dutzende Exemplare verkauft. Er ist für 18 Euro in der Buchhandlung Heiner Rampf in der Mittelstraße sowie im Kiosk im Rewe-Markt erhältlich. „Das sind die reinen Herstellungskosten, daran verdiene ich keinen Cent“, sagt Ludwig. Das nennt man wohl wahre Leidenschaft.

1994 war Schluss in den Gruben

Das Kaliwerk Friedrichshall wurde von 1901 bis 1981 von der Kali-Chemie AG betrieben und nach der Stilllegung von der Kali und Salz AG übernommen. 1994 war endgültig Schluss mit dem Kalibergbau in Sehnde. Bis auf wenige weitergenutzte Lagerschuppen sind die Werksanlagen seit 1998 verschwunden und zerstört. Nur in der Fabrikanlage Hugo werden weiterhin Düngemittel produziert. Die stillgelegten Gruben werden mit Sole und Wasser geflutet, um die Standsicherheit zu gewährleisten. Schacht zwei, der 813 Meter unter der Erdoberfläche liegt, wurde von 1911 bis 1913 angelegt. Die Gesamtfördermenge betrug 55 Millionen Tonnen Rohsalz. Die Belegschaft war 1955 mit 1550 Beschäftigten am größten: Die Bergleute mussten unter Tage bei Temperaturen von bis zu 45 Grad und trockener Luft schuften. Die Entstehung der unterirdischen Salzlager liegt mehr als 500 Millionen Jahre zurück. Was weithin sichtbar bleibt, ist der im Volksmund genannte „Kalimandscharo“, die Abraumhalde mit nicht salzhaltigen Mineralien. Dieser wird mit Erde bedeckt, damit kein Salz in Boden und Grundwasser sickert.

Von Oliver Kühn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
Sehnde
doc6so9i8dwhrm1kxjcx11q
Einbrecher wüten im Bonhoefferhaus

Fotostrecke Sehnde: Einbrecher wüten im Bonhoefferhaus