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Eine alte Liebe rostet einfach nicht

Sehnde Eine alte Liebe rostet einfach nicht

Sommerzeit ist Badezeit - jetzt geht sie zu Ende. Doch die Stammgäste nutzen ihre Freibäder bis zum letzten Tag. Wir haben dort Menschen getroffen, die ihrer Badeanstalt in besonderer Weise verbunden sind. Heute: Ilse Steinbrücker im Waldbad Sehnde.

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Das Waldbad Sehnde wurde im Sommer 1938 eröffnet: Ilse Steinbrücker war damals als Siebenjährige dabei und geht dort noch heute schwimmen - nach 77 Jahren.

Quelle: Kühn

Sehnde. 77 Jahre. Diese Zahl muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Seit fast acht Jahrzehnten schwimmt Ilse Steinbrücker bereits im Waldbad Sehnde. Als Siebenjährige war sie schon bei der Eröffnung im Sommer 1938 dabei. Als Hakenkreuzfahnen im Wind flatterten und Besucher den Hitler-Gruß zeigten. Kein Wunder, dass das Bad im Volksmund den Namen „Volksbad“ bekam.

Verändert habe sich in ihrem Bad eigentlich nur wenig, sagt Steinbrücker. Die Technik wurde zwar vor fünf Jahren aufwendig modernisiert, der Nichtschwimmerbereich sei heute größer, ebenso wie die Liegewiesen. Auch einen Spielplatz gab es in ihrer Kindheit nicht und natürlich auch kein Beachvolleyballfeld. Aus dem Frosch am Kinderplanschbecken ist ein Delfin geworden, und Badekappen seien mittlerweile verpönt - doch die Gebäude stehen noch genauso da wie damals.

Davon zeugt ein Foto, dass Steinbrückers Mutter im Sommer 1939 geknipst hat. Nun ist sie die letzte Schwimmerin aus den Dreißigerjahren, die immer noch regelmäßig ihre Saisonkarte kauft. Weit hat sie es ja nicht: Seit ihrer Geburt wohnt sie in einem Haus in der Teichstraße um die Ecke.

Das Schwimmen hatte sich Ilse Steinbrücker schon vorher selbst beigebracht, im Oberteich, der alten Sehnder Badeanstalt am Bahndamm. Aber sie war ehrgeizig. „Als ich Fahrtenschwimmen gemacht habe, musste ich vom Fünf-Meter-Turm springen“, erinnert sich die 84-Jährige. „Ich dachte nur: Augen zu und durch - und ob ich wohl wieder hochkomme, so lange hat das gedauert.“ Den ganzen Krieg über war das Waldbad geöffnet und Ankerpunkt ihrer Kindheit. „Nur bei Voralarm mussten wir immer raus aus dem Wasser.“ Trotzdem seien damals auch viele Hannoveraner gekommen, galt das Bad doch als eines der modernsten weit und breit.

Eine Liebe war geboren - und die ist bis heute nicht gerostet. Selbst mit ihrem Mann Klaus, mit dem sie nun 63 Jahre verheiratet ist, ist sie 1952 direkt nach der Hochzeit zu einem Spaziergang nebst Kaffee und Kuchen aufgebrochen - natürlich ins Waldbad.

Wenn das Gelände auch noch fast genauso aussieht wie vor bald 80 Jahren - einiges hat sich doch verändert. Das strenge Regiment, dass „Vater Lau“ führte, wie Bademeister Kurt Lau respektvoll-herzlich genannt wurde, gibt es heute nicht mehr. „Der war eine Autorität, was der sagte, galt auch.“ Wer nicht parierte, kassierte schon mal eine Kopfnuss. Andererseits war Lau spendabel. Wer Papier aufsammelte, bekam eine bunte Tüte als Belohnung. „Da haben sich viele Kinder freiwillig gemeldet“, weiß die 84-Jährige noch heute.

Als junge Frau packte Ilse Steinbrücker trotzdem manchmal der Übermut. Da ging es nachts nach dem Singen beim Volkschor nochmal ins Waldbad - „einmal durchschwimmen“, wie sie schmunzelnd sagt. Das bekam Vater Lau zwar mit, drückte aber ein Auge zu, wenn er sie sah. „,Aber keine Dummheiten machen’, hat er dann immer gesagt.“ Später, in den Sechzigerjahren, half Steinbrücker zehn Jahre lang im Kiosk aus. „Da gab’s noch keine Pommes, nur Kartoffelsalat und Würstchen.“ Bei Feierabend hieß es: Schürze ab, rein ins Wasser.

Die Ordnung, die habe ihr damals gut gefallen, sagt Ilse Steinbrücker. Heute würde weniger Rücksicht genommen, viele sprängen kreuz und quer ins Becken. Und auch gemütlicher sei es gewesen. „Das waren damals ja alles Sehnder, jeder kannte jeden.“ Dagegen seien für die jungen Leute die Freiflächen für Beachvolleyball und Fußball heute attraktiver. Wenn früher ein Ball zu weit flog, landete er im Brennnessel-Dickicht. Nur dass es keine Wettkämpfe mehr gibt, weil die Bahn verkürzt wurde, findet sie schade.

Als das Waldbad vor Jahren mal auf der Kippe stand, hatte sich Ilse Steinbrücker aus Solidarität sofort einen Ansteckbutton „Badretter“ an ihre Badetasche geklemmt. Der steckt dort noch heute.

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