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Der Kampf um die Kernstadt

Springe Der Kampf um die Kernstadt

Das Amt ist kein Traumjob. Jede Woche durchschnittlich vier Termine - ehrenamtlich. Dazu ständige Erreichbarkeit für den Bürger, der selten lobt, aber gerne seinen aufgestauten Frust loslässt: Ortsbürgermeister der Kernstadt.

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Ortsbürgermeister Carsten Marock und seine Herausforderer: Karl-Heinz Friedrich (links) hat sich Anfang des Jahres von der CDU zur Kandidatur bewegen lassen. Uwe Lampe (rechts) möchte als parteiloser Einzelbewerber punkten. Scheffler

Springe. In den vergangenen Jahren waren die Parteien froh, wenn sie überhaupt einen Freiwilligen fanden. Doch jetzt reißen sich plötzlich gleich drei Männer um den Posten.

„Man kann was bewegen, eine Menge anstoßen“: Wer sich mit Sozialdemokrat Carsten Marock zusammensetzt und ihm eine Weile zuhört, glaubt ihm ernsthaft, dass er sich seine erneute Kandidatur nicht schönreden muss. Dank seines Schichtdienstes gebe es in seinem Terminkalender immer Lücken, um bei hohen Geburtstagen, Ehejubiläen, Geschäftseröffnungen und Vereinsveranstaltungen vorbeizuschauen. Dazu kommen regelmäßige Gespräche mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung sowie politische Sitzungen.

Der Ortsbürgermeister ist schließlich nicht nur ein Grüßonkel. Wenn er seinen Stadtteil weiterentwickeln möchte, muss er auch Zeit für Visionen finden. In den kleineren Ortsteilen gelinge das vermutlich besser, bemerkt der 50-jährige Marock kritisch. In der Kernstadt dagegen wohnen knapp 12 800 Personen - das sind mehr als in einigen eigenständigen Kleinstädten. Alle Interessensvertreter eines so großen Gebildes unter einen Hut zu bringen, den Strang zu finden, an dem alle ziehen wollen, das ist quasi unmöglich.

Marock bemüht sich dennoch redlich. „Ich versuche, immer ein offenes Ohr für den Bürger zu haben“, sagt er. Spezielle Sprechstunden brauche er dafür nicht: „Ich bin ständig erreichbar.“

Als er sich vor fünf Jahren als Nachfolger von Jürgen Trotte zur Wahl stellte, verzichtete die CDU auf einen Gegenkandidaten. Durchaus überrascht war der Sozialdemokrat deshalb, als die Union vor einem halben Jahr einen Bewerber aus dem Hut zauberte: den frisch pensionierten Kontaktbeamten der Polizei, Karl-Heinz Friedrich. Durch seinen hohen Bekanntheitsgrad hat der Mann, der erst seit dem Frühjahr Parteimitglied ist und aus seiner politischen Unerfahrenheit keinen Hehl macht, durchaus das Kaliber, ein Stimmenfänger sein zu können.

Als wäre das Duell nicht schon spannend genug, erklärte im Sommer noch ein Springer mit Gewicht sein Interesse: Uwe Lampe. Vor neun Monaten hatte er im Stadtbürgermeister-Kampf den SPD-Bewerber abgewatscht und war nur knapp am Einzug in die Stichwahl vorbeigeschrammt. „Sollten mir die Wähler ein hohes Votum ihrer Zustimmung geben, wäre ich auch gern bereit, mich im Kreis der Neugewählten - als Ortsbürgermeister - zur Verfügung zu stellen“, erklärte er kürzlich. Lampe sieht es dabei als großen Vorteil an, dass er fraktionslos ist: „Ich kann überparteilich vermitteln.“

Die drei Männer verstehen sich durchaus. Abfällige Worte kommen ihnen über ihre Mitbewerber nicht über die Lippen. Es sind andere Kleinigkeiten, die den Betrachter schmunzeln lassen. Etwa, dass Uwe Lampe an seinen Wahlkampfständen die Flyer vom Stadtbürgermeister-Wahlkampf auslegt - warum sollte er neue drucken, wenn die persönlichen Angaben doch weiterhin aktuell sind, erklärte er. Oder dass Carsten Marock bis zum Wochenende gar nicht wusste, dass auch Lampe als Ortsbürgermeister ins Rennen geht.

Kalle Friedrich hat durch seine Plakate eine Sonderrolle: Ein Bewerber wirbt auf dieser untersten Ebene normalerweise nicht an jedem dritten Laternenpfahl mit großen Porträtfotos und einem eigenen Slogan für sich. Der CDU-Ortsverband hält das Geld aber offenbar für gut investiert: Erstmals seit 1991 könnte es gelingen, in der Kernstadt wieder einen „schwarzen“ Bürgermeister auf den Thron zu heben.

Marock kann auf seine bisherige Amtszeit verweisen. Aber auch jeder seiner beiden 62-jährigen Herausforderer spürt im Wahlkampf Rückenwind. Lampe etwa hört nach eigenen Angaben immer wieder, dass seine Positionen aus dem Stadtbürgermeister-Wahlkampf in guter Erinnerung geblieben seien. Außerdem könne er mit seiner langjährigen politischen Erfahrung punkten, die er als SPD-Mann gesammelt habe. Nach einer Auszeit brach er im vorigen Jahr mit der Partei und ist seitdem Einzelkämpfer. „Ich kenne das Handwerkszeug, aber auch die Fallstricke“, sagt er über sich. Durch seine jetzige Neutralität sei er die ideale Besetzung für den Posten.

„Man kann alles lernen. Außerdem geht es um den Posten des Ortsbürgermeisters - und nicht des Bundeskanzlers“, setzt Kalle Friedrich dagegen. Als Ur-Springer wisse er, wie die Menschen hier ticken. Er wolle „ehrliche und verständliche Politik“ betreiben, da sei es durchaus von Vorteil, ein Neuling und nicht betriebsblind zu sein. Es mache ihn durchaus stolz, wie viele Bürger ihm in den vergangenen Monaten ihre Unterstützung signalisiert hätten.

Wer den begehrten-unbegehrten Job bekommt, entscheiden die Wähler am Sonntag nur indirekt. Auf dem Wahlzettel gibt es kein eigenes Feld mit dem Titel „Ortsbürgermeister“. Die neuen Kommunalpolitiker treffen bei ihrer ersten Versammlung im November eine Mehrheitsentscheidung. Usus ist, dass die Partei mit den meisten Sitzen das Vorschlagsrecht hat und ihren Kandidaten durchbringt. Denkbar ist aber auch, dass der Volksvertreter mit den meisten Direktstimmen die anderen Mitglieder davon überzeugen kann, dass ihm der Posten zusteht.

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