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Der „Schutzmann“ nimmt Abschied

Springe Der „Schutzmann“ nimmt Abschied

Seit 40 Jahren ist Karl-Hein Friedrich bei der Polizei, zehn Jahre davon war er Kontaktbeamte in Springe. Am Dienstag nun verabschiedet sich der 61-Jährige in den Ruhestand. Zeit für einen Rückblick.

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Karl-Hein Friedrich nimmt nur die jüngste Polizeimütze mit nach Hause: „Die soll mein Enkel bekommen.“

Quelle: Schüller

Springe. Auf dem Schrank liegen Mützen der vergangenen 40 Jahre - manche grün und beige, andere in blau, mit und ohne Kordel, oder schwarz. Direkt neben der Tür hängt eine gelbe Regenjacke. Auf dem Rücken ist in Großbuchstaben „Polizei“ zu lesen und auf einem Regal neben dem Fenster steht ein Funkgerät das leise vor sich hin rauscht und blinkt, bevor Karl-Heinz Friedrich es abschaltet. Das Büro des Springer Kontaktbeamten wirkt genauso, wie man sich das Arbeitszimmer eines Polizisten vorstellt.

Beim genaueren Hinsehen allerdings bemerkt man das komplett leer geräumte Regalbrett, das genau auf Augenhöhe und Blickrichtung des Polizisten neben seinem Arbeitsplatz angebracht ist. „Ich habe schon einmal angefangen einige Sachen wegzupacken. Die Fotos von meinen Kindern zum Beispiel“, sagt Friedrich und lässt seinen Blick fast schon wehmütig durch sein Büro schweifen. „Es fühlt sich komisch an, alles zusammenzusuchen.“

Das Aufräumen hat einen guten Grund. Morgen hat Friedrich seinen letzten Arbeitstag. Nach 40 Jahren „als Schutzmann“, wie er es selbst nennt, 30 Jahren bei der Polizei in Springe und neuneinhalb Jahren als Kontaktbeamter, ist am Dienstag Schluss. Friedrich, für den seine Arbeit immer viel mehr als nur ein Job war, geht in den Ruhestand. „So richtig vorstellen kann ich es mir noch nicht, dass ich jetzt zum letzten Mal hierherkomme. Und dann auch nur noch um meine letzten Sachen abzuholen“, sagt Friedrich nachdenklich. Im Dezember wird er 62 Jahre alt, 40 Jahre davon hat er als Polizist gearbeitet. „Ich muss jetzt wirklich lernen mich zurückzunehmen und über Dinge hinwegzusehen, den Schutzmann-Blick ablegen sozusagen.“

Dass er Polizist werden würde, stand für Friedrich schon früh fest. „Eigentlich wollte ich gleich mit 16 zur Polizei“, erinnert sich der Springer. „Aber meine Mutter hat es nicht erlaubt.“ Friedrich, Jahrgang 1953, wurde streng und katholisch erzogen, gegen das Wort seiner Mutter lehnte er sich nicht auf. Also ging er zunächst zur Bundeswehr, machte eine handwerkliche Ausbildung, arbeitete danach in der freien Wirtschaft. Doch etwas fehlte. „Der Job war keine Erfüllung für mich“, sagt Friedrich. „Diese Jahre waren die schlimmsten meines Lebens.“ Die Bezahlung sei gut, aber das Umfeld nichts für ihn gewesen. „Ich bin jemand, der gerne mit Menschen arbeitet. Das war in dem Job aber nicht gegeben“, sagt Friedrich.

Er kündigte und fing im Herbst 1975 bei der Polizei an, 1985 kam er nach Springe. Allerdings nicht sofort als Kontaktbeamter, sondern im Ermittlungs- und auch dem Kriminalermittlungsdienst. „Die Zeit zwischen 1995 und 2001 war nicht einfach für mich“, sagt der Springer. Damals war er für die Todesermittlungen zuständig, weil eine Reform Kripo und Ermittlungsdienst zusammengelegt hatte und der Zuständigkeitsbereich noch ein größerer war als heute. Todesermittlungen hatte er nie freiwillig übernehmen wollen. Nun musste er es gezwungenermaßen. „Da hatte man in der Woche sechs, sieben Todesfälle“, erinnert sich Friedrich. Es sei hart gewesen. Irgendwann wurde es Friedrich zu viel. Da hat er die Reißleine gezogen, eine Weile pausiert und dann kam die nächste Reform und somit ein weiterer Wechsel. Zum Glück für Friedrich: „Wenn es so geblieben wäre, dann weiß ich nicht ob ich hätte weitermachen können.“

Wenig später wurde der Posten des Kontaktbeamten frei. Seine Frau fragte ihn, ob das nicht etwas für ihn sei. Friedrich war nicht sicher, nahm die Chance dann aber wahr - und hat sie nie bereut. „Es hat einfach Vorteile, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich kenne hier jede Milchkanne“, sagt Friedrich lachend. Die Arbeit als Kontaktbeamter habe die schwierigen Jahre mehr als wett gemacht, da man von den Menschen so viel zurückbekomme.

Insbesondere die Arbeit mit den Grundschulkindern habe ihm immer große Freude bereitet, ebenso wie Besuche in Altenheimen, wenn er Vorträge gehalten hat oder den Menschen einfach ein offenes Ohr geschenkt hat. „Ich habe mit so vielen Menschen und Institutionen toll zusammengearbeitet, dafür möchte ich mich noch einmal bedanken“, sagt der 61-Jährige. „Ich habe immer versucht den Slogan ,Die Polizei, dein Freund und Helfer‘ mit Leben zu füllen.“ Wie gut ihm das geglückt ist, können die beurteilen, die mit Friedrich zusammengearbeitet haben, die nicht nur den Kontaktbeamten, sondern auch den Menschen hinter der Uniform kannten. Und dieser wird in Zukunft sehr viel mehr Zeit bekommen.

Was er mit seiner neugewonnenen Freizeit machen will, darüber ist sich Friedrich noch nicht ganz im Klaren. Einen kompletten Ruhestand, kann er sich nicht vorstellen. „Dazu bin ich zu unruhig.“ Und obwohl einige Jahre nicht leicht waren - würde Friedrich noch einmal vor die Wahl gestellt, seine Antwort wäre eindeutig: „Ich würde nichts ändern, sondern immer wieder Polizist werden.“

Von Jennifer Schüller

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