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Bieter brauchen Nerven

Springe Bieter brauchen Nerven

Wenn Schuldner nicht mehr bezahlen können, kann es im äußersten Fall zur Zwangsversteigerung von Haus und Grund kommen. In Springe gehen die Zahlen der Versteigerungen zurück. Doch wenn ein Haus oder eine Wohnung beim Amtsgericht unter den Hammer kommt, brauchen Bieter wie Gläubeiger starke Nerven.

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Leitet die Versteigerungen: Rechtspfleger Frank Minder (49) hat es überrascht, dass niemand für die Immobilie geboten hat.

Quelle: Mischer

Springe. Die Frage ist, wer am Ende gewinnt - die Bieter oder die Gläubiger. Montagmorgen im Amtsgericht. Stille. Kein Wort wird mehr gewechselt im großen Saal. Und der Zeiger der Uhr rückt erbarmungslos weiter. Eine Minute bleibt noch, um ein Gebot für die Eigentumswohnung (144 Quadratmeter, Kellerraum, Garage) abzugeben. Rechtspfleger Frank Minder (49) hat die Finger verschränkt und lässt die Daumen umeinander kreisen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen in Springe ist rückläufig. Kamen im Jahr 2012 noch 44 Immobilien unter den Hammer, waren es 2013 und 2014 jeweils 29. Auch bundesweit ist die Zahl der Häuser und Wohnungen, die unter staatlicher Obhut verkauft werden müssen, rückläufig.

Häuser unter dem Hammer

Die Zwangsversteigerung ist die Durchsetzung eines finanziellen Anspruchs mit staatlichen Machtmitteln. Versteigert werden können unbewegliche Vermögen. Das sind Grundstücke, Häuser oder Wohnungen. Wenn Flugzeuge und Schiffe in ein Register eingetragen sind, werden sie ebenso behandelt – und können auch versteigert werden. Zuständig für die Versteigerung ist das Amtsgericht, in dessen Bezirk die Immobilie steht – Springe versorgt Pattensen mit. Luftfahrzeuge werden zentral vom Amtsgericht Braunschweig versteigert, dort ist der Sitz des Luftfahrtbundesamtes. Über die Zwangsversteigerungstermine in Springe können sich Bürger auf der Seite des Amtsgerichts unter amtsgericht-springe.niedersachsen.de informieren.

Um 9.13 Uhr beginnt an diesem Morgen die halbstündige Bietzeit. Sieben Kaufinteressenten sitzen auf den Zuschauerbänken im Amtsgericht, fast alle unterhalten sich. Ein Mann meint zu seiner Sitznachbarin: „Bei dem Mindestpreis bleibt es ja nicht, es kommt noch einiges an Kosten dazu.“ Sie antwortet: „Ich will es aber unbedingt“ - und es klingt fast etwas trotzig. Links kramt ein Mann in seiner Tasche, die neben ihm auf der Bank liegt, holt ein Diktiergerät heraus. Der Verkehrswert des Objekts, das heute versteigert werden soll, liegt bei 162 000 Euro, es ist belastet mit 129 000 Euro Schulden. Die Eigentümerin ist gestorben, Verwandte sind dem Gericht nicht bekannt. Die Gläubiger, also jene, bei denen die Schulden eingetragen sind, haben deshalb die Zwangsversteigerung beantragt. In diesem Fall sind das die Sparkasse, die Eigentümergemeinschaft und die Stadt.

Um 9.16 Uhr erläutert ein Mann auf der hinteren Bank seiner Sitznachbarin seine Strategie: „Also wenn man bietet, dann erst kurz vor Ablauf der halben Stunde. Damit sich der Preis nicht so hochschaukelt.“ Verkauft wird die Eigentumswohnung nur, wenn mindestens fünf Zehntel des Verkehrswertes geboten werden, das sind in diesem Fall 81 000 Euro. Bleiben die Bieter darunter, erteilt Minder keinen Zuschlag - und für die Versteigerung wird ein neuer Termin angesetzt. Wenn Interessenten unter sieben Zehntel des Verkehrswerts bieten, können die Gläubiger entscheiden, ob der Zuschlag erteilt wird oder nicht. Sie erhalten nämlich das Geld, das der Bieter für das Objekt ans Amtsgericht zahlt. Der verschuldete Vorbesitzer bekommt in den wenigsten Fällen etwas von der Summe zu sehen. Das Ehepaar auf der hinteren Bank spricht über die Höhe der Belastungen auf der Wohnung: „Die Hypothek entfällt nach dem Kauf - und die Forderung der Hauseigentümergemeinschaft auch.“ Der Mann links hat ein Mini-Fernrohr ausgepackt. Damit beobachtet er jetzt den Rechtspfleger und die Vertreter der Gläubiger. Einer von ihnen schaut auf seine Uhr. Eine Frau sagt „Geh doch nach vorn und biete“, zu ihrem Nebenmann. Der gibt zurück, dass er nicht könne, „hab ja keinen Scheck dabei“.

9.38 Uhr. Frank Minder streift mit dem Zeigefinger über seine Lippen. 20 Sekunden später blättert er noch einmal durch die Akte. Dann ist Schluss. Die halbe Stunde ist vorbei - und der Rechtspfleger fragt, ob wirklich niemand bieten möchte. Möchte niemand. Anschließend mutmaßt Minder, dass der angesetzte Preis bei dieser Versteigerung für den hiesigen Markt womöglich zu hoch gewesen sei. Beim zweiten Termin, den er ansetzen wird, haben die Gläubiger möglicherweise wieder mehr Glück. Oder dann eben die Bieter.

Von Ralf T. Mischer

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