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Vorreiter der Inklusion - Kontaktkreis löst sich auf

Bennigsen Vorreiter der Inklusion - Kontaktkreis löst sich auf

40 Jahre lang traf sich der Kontaktkreis für Behinderte und Nichtbehinderte und unterstützte Familien mit ihren Kindern. Jetzt wurde die Gruppe im Rahmen eines Gottesdienstes mit Pastor Jonathan Overlach aufgelöst. Die Arbeit des Vereins kommt aber damit nicht zum Erliegen.

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Renate Reibe (v.l.), Ella Patyk, Lucie Storch und Inge Messmer-Klingen bekommen Urkunden als Dankeschön für ihre Arbeit.

Quelle: Szabo

Bennigsen. „Damals gab es noch kein Wort für Inklusion“, erzählte Inge Messmer-Klingen. Gemeinsam mit dem damaligen Sozialarbeiter Karl-Heinz Beck initiierte sie vor 40 Jahren den Kontaktkreis, nachdem auch in ihrem persönlichen Umfeld behinderte Kinder auf die Welt kamen und besonders die Frauen isoliert und zurückgezogen lebten. Die Gründung des Kontaktkreises sollte helfen, damit Schluss zu machen: Die Gruppe traf sich regelmäßig zu Veranstaltungen.

Sie initiierten Familienfreizeiten, Picknicks und Gemeindefeiern. Nicht nur die körperlich Behinderten hatten es damals schwer: „Auch die Mütter waren gesellschaftlich raus, als sie ein behindertes Kind bekamen“, sagte Messmer-Klingen.

„Wenn mir jemand vor 40 Jahren gesagt hätte, dass die Gruppe so lange hält, hätte ich es nie geglaubt“, sagte Messmer-Klingen in der Abschiedsveranstaltung. Sie bot immer eine vertraute Zuflucht und die Möglichkeit für einen regen Austausch für Lebensfreuden und Lebensbelastungen.

„Alle sind älter geworden und nicht mehr richtig aufnahmebereit - das macht die Arbeit schwierig.“ Und so entschied sich die Gründerin für die Auflösung. Einige seien inzwischen verstorben. Außerdem seien aus den Kindern Erwachsene geworden, die trotz Handicaps mehr oder minder selbstständig durchs Leben gehen können. Die Auflösung des Kreises sieht Messmer-Klingen nicht unbedingt als negativ an, denn sie zeugt davon, dass sich seit den Siebzigerjahren vieles getan hatte.

Damals erschwerten fehlende Rechte den Behinderten eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auch die Inklusion unterlag aus der Sicht von Messmer-Klingen einem Strukturwandel. „Die Toleranz für Behinderte ist gestiegen“, sagte sie. 15 Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland haben Behinderte die gleichen Rechte der gesellschaftlichen Teilhabe. Daran sei zum Zeitpunkt der Gründung der Gruppe nicht zu denken gewesen.

Zweifelsohne war ein solcher Kontaktkreis vor 40 Jahren Pionieraufgabe. Gruppen wie diese trugen dazu bei, dass sich vieles im Hinblick auf Chancen und Lebensqualität zum Guten wandelte. Damals sei es normal gewesen, dass Behinderte die Sonderschule besuchten. „Inklusionsklassen? So was gab es nicht“, sagte Messmer-Klingen. Ein behindertes Kind war nicht selten ein Grund dafür, dass die Ehen zerbrachen. Abgesehen vom persönlichen Schicksalsschlag, litten die betroffenen Mütter unter einer kolossalen Mehrbelastung. In Einzelfällen brachte der gesellschaftliche Druck die Eltern sogar dazu, ihre behinderten Kinder zu verstecken.

Es gab aber auch Ausnahmen: Schon damals versuchten manche Mütter, Inklusion zu leben, bevor es diese überhaupt gab. Messmer-Klingen berichtete von einer Lehrerin, die ihr Kind nicht in einer Förderschule unterbrachte, sondern in ihre Schule mitnahm. Die Förderung funktionierte, das Kind entwickelte sich normal. Obwohl der Kontaktkreis von seiner Arbeit entbunden wurde, kündigte Messmer-Klingen an, dass die Mitglieder auf jeden Fall weiterhin in Kontakt bleiben möchten.

Von Patricia Szabo

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