Es mag sein, dass es eine Frage der Generationen ist, ob man sich in Sarstedt einen Reim auf die Geschehnisse der Weihnachtstage machen kann oder nicht. Vielleicht aber ist es auch nur eine Frage von Abgebrühtheit. Am Kiosk an der Sarstedter Stadtbahnschleife steht ein kleines Mädchen. Zwölf Jahre sei sie alt, sagt sie, und dass sie alles mitkriege hier in der Gegend, „schließlich bin ich ja den ganzen Tag draußen“. Also hat sie auch den Überfall am Nachmittag des 26. Dezember auf Insassen einer Stadtbahn mitbekommen, der angesichts der eingesetzten Baseballschläger, Messer und Schlagringe längst nicht mehr als einfache Schlägerei durchgeht. Sie hat gesehen, wie eine ganze Menge junger Männer in einen der Wagen gestiegen sind, bewaffnet, wie sie waren. Und wie sie in der Bahn auf andere junge Männer getroffen sind. Sie hat gehört, wie man sich anfangs noch anpöbelte und wie man dann aufeinander einschlug. Dann ist sie nach Hause gegangen – „weil ich Angst hatte“. Die Polizei geht nach bisherigem Stand der Ermittlungen von folgendem Sachverhalt aus: Eine Gruppe von 20 bis 30 Jugendlichen und jungen Männern fährt, verteilt auf mehrere Autos, gegen 17.30 Uhr an der Haltestelle vor. Die Angreifer stürmen auf die Straßenbahn zu, steuern zielsicher den hinteren Wagen an. Die meisten von ihnen sind Türken, einige Afghanen, werden die Beamten später erklären. Viele der Ankömmlinge halten Waffen in den Händen. Sie drängen wild in den Wagen. Die Automatik, mit der beim Schließen der Tür die Treppenstufen hochzogen werden, geht dabei kaputt. Doch das ist erst der Anfang.
Eines der Opfer, ein 18-jähriger Hannoveraner, wird schwer verletzt. Die Angreifer haben ihm Messerstiche in Schulter und Nacken zugefügt, er blutet stark. Sanitäter, ebenso wie die Polizei wenig später von geflüchteten Fahrgästen alarmiert, bringen ihn in ein nahes Krankenhaus. Die Polizei stößt in dem Wagen zudem auf einen 25-jährigen Mann aus Sarstedt, der am Schienbein verletzt wurde – allerdings weniger schwer. Zu den Hintergründen der blutigen Auseinandersetzung haben die Ermittler noch keine Erklärung parat. Nein, so etwas habe es in Sarstedt noch nicht gegeben, sagt die Kioskfrau, das sei ein friedliches Städtchen, und ein Mann mittleren Alters mit Bierflasche und Baseballmütze stimmt ihr zu. Die Zwölfjährige aber schüttelt den Kopf. Für sie kommt das Ganze nicht so überraschend. Wer sich da am Weihnachtstag mit Baseballschlägern auf die Jagd gemacht haben könnte? „Na ja, vielleicht Klai 4 Life“, sagt sie. „Die schlagen sich hier öfter.“
An der Station sitzen Jugendliche, 16, vielleicht 17 Jahre alt, und eigentlich, sagt ein Mädchen, sollte sie hier gar nicht sitzen, „weil mein Vater das nicht will“. Auch sie kennen „Klai 4 Life“ als Zusammenschluss junger Türken aus dem Wohngebiet, das sie hier „Auf dem Klei“ nennen. Die Gruppe, so scheint es, ist Teil einer waschechten kleinstädtischen Subkultur, mit eigenen Songs, die im Internet auf „Youtube“ zu sehen sind. „Wir sind härter als ihr es euch vorstellt, denn wir sind die letzten Gangster dieser Welt“, rappen die Gang-Mitglieder in einem der Stücke. Dazu flimmern martialische Bilder von Maschinenpistolen in Blutlachen über den Computerbildschirm. Dazwischen tauchen immer wieder Fotos der Endhaltestelle auf, die jetzt zu einem Tatort geworden ist. Die Kommentare zu den Songs bestehen aus wüsten Beschimpfungen und Bedrohungen der Mitglieder anderer Gruppen aus Nachbarstädten. Gerne prügele man sich zum Beispiel mit Rivalen aus Laatzen, das wissen auch die Jugendlichen vor dem Kiosk. Andere sprechen davon, dass auch aus Linden Trupps nach Sarstedt fahren. Immer zur Wendeschleife. Mal Türken, mal Deutsche, auch von Afghanen ist die Rede. Deshalb eben wolle manch Sarstedter Vater nicht, dass sich seine Tochter abends an der Bahnstation aufhält, sagen die Teenager.
Auf dem Klei ist es ruhig zwei Tage nach dem brutalen Überfall. Inmitten der Hochhausbauten leuchtet in einem Flachbau fahles Licht hinter Milchglasfenstern, hinter denen früher ein Supermarkt gewesen sein muss. Heute ist es eine Kneipe, in der Männer sitzen, Brettspiele machen und rauchen, ein Treff derer, an deren Balkonen draußen die Satellitenschüsseln hängen und Programme aus der Türkei und anderen Ländern einfangen. Klai 4 Life? Nein, das kennten sie nicht, sagen sie und schütteln sanft lächelnd die Köpfe. „Da müssen sie die jungen Leute fragen.“
von Felix Harbart und Tarek Abu Ajamieh
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