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In der rollenden Klinik zu den Filipinos

Uetze In der rollenden Klinik zu den Filipinos

Den Ruhestand genießen: Das bedeutet für Barbara Schediwy Zeit zu haben, um anderen Menschen zu helfen. Die Medizinerin, die seit 1992 eine Hausarztpraxis in Dollbergen hatte, engagiert sich ehrenamtlich als Einsatzärztin bei den German Doctors. Ihr erstes Projekt führte sie im Januar nach Mindanao.

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Praxis unter freiem Himmel: Die Ärztin Barbara Schediwy aus Dollbergen (links) untersucht ein Kind auf der philippinischen Insel Mindanao.

Quelle: privat

Dollbergen. Wer krank wird im Hinterland der philippinischen Insel Mindanao, der hat ein großes Problem. Krankenhäuser und Ärzte sind ob der weiten Entfernung und der schlechten Straßen nur schwer erreichbar. Hier kommt die Rolling Clinic der German Doctors ins Spiel. Seit 30 Jahren versorgen Ärzte ehrenamtlich und kostenlos Kranke und Schwangere in entlegenen Dörfern. 50 bis 60 Patienten täglich werden in dieser Sprechstunde auf vier Rädern behandelt. Wenn die Rolling Clinic kommt, spricht sich das in Windeseile herum. „Der Zirkus kommt“, beschreibt Barbara Schediwy augenzwinkernd das große Interesse der Filipinos. Sie war vorerst die letzte Ärztin, die mit der Rolling Clinic unterwegs war. Aktuell ist das Projekt wegen der problematischen Sicherheitslage ausgesetzt.

Den Wunsch, jenen zu helfen, die nicht so privilegiert sind, habe , schon früh gehabt, erzählt die 63-Jährige. „Während meines Studiums gab es die Cap Anamur, die die Boatpeople im Chinesischen Meer rettete und versorgte“, erinnert sich die Ärztin: „Ich dachte, das ist eine tolle Sache, da gehst du hin.“ Doch dann sei sie schwanger geworden, sodass sie 1980 eine Anstellung als Ärztin am Krankenhaus Springe annahm.

1992 eröffnete Schediwy ihre Praxis in Dollbergen, die ihr am Herzen lag. „Die Bindung ist eine besondere, die Leute kommen über Jahrzehnte. Menschen, die man als Jugendliche behandelt hat, bringen dann ihre Kinder.“ Dass sie sich trotzdem entschlossen hat, ihre Praxis an ihre Kollegin zu übergeben – das gründet in eben jenem Gedanken, denen Hilfe zu bringen, die sich diese nicht leisten können. „Ich habe, was ich brauche. Deshalb kann ich tun, was ich schon immer wollte – etwas zurückgeben.“ So kam sie zu den German Doctors.

Ein Auto, auf der Ladefläche Kisten mit Medikamenten und Ausrüstung, ein Fahrer, ein Dolmetscher, eine Apothekerin und eben die Ärztin – das ist die Rolling Clinic. Nicht immer ließen sich geplante Touren einhalten. Etwa, wenn ein Fluss anschwoll und eine Brücke fortriss. Meist habe man seine Zelte auf dem Basketballplatz der Dörfer aufgeschlagen, berichtet Schediwy. „Die gibt es eigentlich überall, manchmal sind sie auch überdacht. Dort wird auch Kaffee und Getreide getrocknet, Hühner und Hunde laufen herum.

Inmitten dieser Szenerie behandelte die Ärztin sechs Wochen lang Patienten. „Ich habe viele Kinder behandelt. Mit Durchfällen, Krämpfen, mit Unterernährung. Es ist unfassbar, dass ein so fruchtbares Land seine Bewohner nicht ernähren kann“, sagt sie. 180 Pesos für 12 Stunden Arbeit, also gerade einmal 3,50 Euro, in den Plantagen 350 Pesos, also 7 Euro am Tag sei der Realverdienst. „Im Jahr braucht eine Einzelperson rund 100 000 Pesos, um über die Runden zu kommen“, sagt Schediwy. Die Folge, Kinder gehen trotz Schulpflicht arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

Immerhin gebe es das 4-P-Programm, eine Art Sozialhilfe. Auf das war die Ärztin aufmerksam geworden, weil an einem Tag kein einziger Patient kam. Die waren alle bei der Auszahlung. Es sei wie ein Volksfest gewesen, sagt die Dollbergerin. „Das Geld erhalten die Frauen, die sich registrieren lassen müssen. Pro Kind bis zum dritten gibt es einen Zuschlag. Dafür müssen sie die Kinder auch zur Schule schicken und die Impfungen einhalten“, sagt Schediwy.

Einige Schicksale haben sie sehr betroffen gemacht. Zum Beispiel das eines 15-jährigen Mädchens, das gerade ein Kind geboren hatte. „Bereits in der Schwangerschaft hatte sie Entzündungen in der Brust. Ich habe sie ins Krankenhaus geschickt, weil es etwas Bösartiges sein könnte. Doch sie ist nicht gegangen, das hat mir die Hebamme später erzählt.“ Da gab es einen 31-Jährigen, der nach einem Motorradunfall operiert worden war. Und drei Monate später auf Krücken vor Schediwy stand. Das Bein versteift im 90-Grad-Winkel mit vereiterter Wunde. „Den hat zwischendurch kein Arzt gesehen. Ich habe ihn noch mal zu den Operateuren überwiesen, in der Hoffnung, dass das Bein noch zu mobilisieren ist.“

Medikamente, sei es ein Schmerzmittel oder Antibiotikum, bekamen die Patienten nach der Untersuchung von der Apothekerin auf dem Wagen ausgehändigt. Einzel abgezählt. „Und die Leute trugen sie nach Hause wie einen Schatz. Und keiner sagte: Das hat aber so viele Nebenwirkungen, das nehme ich nicht.“

Mit vielen neuen Erfahrungen und dem festen Willen, bald wieder für die German Doctors unterwegs zu sein, ist Schediwy zurück nach Dollbergen gekommen. Sie hofft, beim nächsten Mal den Menschen in den Slums von Dhaka in Bangladesh helfen zu können.

Info: Über ihre Erfahrungen in den Bergen von Mindanao berichtet die ehemalige Hausärztin Barbara Schediwy am Donnerstag, 6. April, ab 19.30 Uhr im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Dollbergen-Schwüblingsen an der Fuhsestraße.

Kostenlose Hilfe für die Ärmsten

Die German Doctors leisten freiwillig Arzteinsätze in Ent­wicklungsländern und helfen dort, wo das Elend zum Alltag gehört: Auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone. Das Besondere: Ärzte wie Barbara Schediwy arbeiten in ihrem Jahresurlaub oder im Ruhestand für einen Zeitraum von jeweils sechs Wochen und verzichten auf jegliche Vergütung. Seit 1983 wurden so mehr als 6700 Einsätze mit mehr als 3100 Medizinern durchgeführt. Ziel ist es, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen – unabhängig davon, welcher ethnischen Gemeinschaft, Religion, Staatsangehörigkeit, politischen Überzeugung diese angehören. Deshalb kümmern sich die German Doctors um die Gesundheits­versorgung und Ausbildung benachteiligter Menschen. Mit Präventivmaßnamen wie Ernährungsprogrammen und Hygieneschulungen soll die Gesundheit der Patienten langfristig verbessert werden. ks

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Von Sandra Köhler

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