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Autist spuckt gezielt Frauen an

Bissendorf/Lehrte Autist spuckt gezielt Frauen an

Schuldfähig oder nicht? Am Ende hatte das Jugendgericht Burgwedel eine klare Meinung: Weil er in sieben Fällen in Bissendorf und Lehrte Frauen angespuckt hat, muss ein 22-Jähriger, der an Autismus leidet, jetzt Sozialstunden leisten.

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Ein 22-Jähriger muss für Taten in Bissendorf und Lehrte 60 Sozialstunden leisten.

Quelle: dpa/Symbolbild

Wedemark. „Man ist erst einmal entsetzt, wenn man diese Taten liest“, sagte Jugendrichterin Franziska Vandrey im Amtsgericht Burgwedel. Siebenmal hatte der 22-jährige Angeklagte im Frühjahr 2013 Frauen angespuckt - ins Gesicht, auf den Mantel, an die Ohren, sogar ins Auge. Gezielt hatte er sich den Frauen am Bahnhof in Bissendorf und an der Bahnhofstraße in Lehrte genähert. Es waren Schülerinnen darunter, aber auch eine 76-jährige Seniorin. Im siebten Fall hatte er eine Polizistin in Zivil erwischt - diese hielt ihn prompt fest und beendete die Spuck-Attacke.

„Warum haben Sie das bloß getan?“, fragte die Richterin. „Ich wollte die Reaktionen der Frauen austesten“, sagte der Angeklagte ganz nüchtern zu seinen Motiven. Er habe wissen wollen, ob sie sich ekeln. „Und meine Erwartungen wurden bestätigt.“ Die Frage, ob es ihm leidtue, ob er es bereue, quittierte der 22-Jährige mit dem Hinweis: „Ich verstehe Ihre Frage nicht. Wenn ich jetzt erfahre, wie die Frauen das sehen, war es wohl falsch, was ich getan habe.“

Die merkwürdig kühle Reaktion des jungen Mannes, seine ganz sachliche Beschreibung der Taten, die er auch alle einräumte - hinzukamen noch zwei Beleidigungen gegen Fahrkartenkontrolleure im Zug - erklärte schließlich die Mutter des Angeklagten. „Mein Sohn war schon immer etwas anders als andere. Bei ihm wurde Asperger-Autismus diagnostiziert“, erzählte sie. Viele Therapien habe ihr Sohn seit seiner Kindheit durchlaufen, zudem eine schwere Schulzeit gehabt. „Aber er hat eben keine Empathie. Er kann nicht nachempfinden, was man fühlt, wenn man angespuckt wird.“ Das bestätigte auch der Verteidiger: „Er weiß sehr wohl, was falsch ist, aber Mitgefühl hat und hatte er nicht mit den Frauen. Das kann er gar nicht.“

Die Frage, ob der junge Mann überhaupt schuldfähig sei, klärte ein Gutachter. „Empathie fehlt ihm. Aber Einsichts- und Steuerungsfähigkeit liegen durchaus vor“, betonte der Sachverständige. Der Angeklagte sei intelligent genug, um richtig und falsch zu unterscheiden. Um eine Affekttat habe es sich nicht gehandelt. „Er wusste, was er da tut, und hätte es sein lassen können.“

Am Ende standen 60 Stunden gemeinnützige Arbeit im Urteil. „So ein Fall ist mit klassischen juristischen Mitteln nicht zu bedienen“, betonte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. „Aber auch die Allgemeinheit ist schützenswürdig.“

Diese Argumentation teilte die Richterin: „Während der Arbeitsstunden entwickeln Sie vielleicht ein Unrechtsbewusstsein.“ Von einer Sozialtherapie als Auflage hatte derweil die Jugendgerichtshilfe abgeraten: „Solche Therapien bauen auf Empathie auf. Das hätte keinen Sinn.“

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