Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
CVJM-Sommercamp bei Hannover trotzt der Angst

Abbensen CVJM-Sommercamp bei Hannover trotzt der Angst

Ein Hauch von Robinson Crusoe: Im CVJM-Intercamp in Abbensen in der Wedemark verbringen 90 Jugendliche ihre Ferien ohne iPod, Zeitung und Handy – und fern der Schreckensmeldungen aus Norwegen.

abbensen, wedemark 52.568422 9.613398
Google Map of 52.568422,9.613398
abbensen, wedemark Mehr Infos
Nächster Artikel
60 Menschen retten sich aus brennendem Reisebus

Auch ein schlichtes Heim kann gemütlich sein: Die 15-jährige Janie Hendrickson aus New York liest in der Mittagspause in ihrem Etagenbett ein Buch.

Quelle: Insa Hagemann

Wedemark. Zwei Tage nach den Anschlägen in Norwegen ist Paul Wetzstein selbst Teilnehmer eines Jugendcamps, und er sagt, seine Gedanken kreisen nicht mehr darum, was gewesen wäre, wenn er länger in Norwegen gewesen wäre. Und auch nicht darum, was mit den Jugendlichen auf der Insel seines Urlaubsortes passiert ist. „Wenn ich ehrlich bin“, sagt er, „denke ich gar nicht mehr daran.“

In Abbensen in der Wedemark verbringen 90 Jugendliche ihre Ferien im Camp des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM). Auf dem Campgelände müssen die Teilnehmer ohne iPod, Zeitung und Handy auskommen.

Zur Bildergalerie

Der Schüler aus Hannover kam am Sonntag gemeinsam mit 90 weiteren Jugendlichen in das Intercamp des Christlichen Vereins Junger Menschen – kurz CVJM – in Abbensen in der Wedemark, um dort einen Teil seiner Ferien zu verbringen. Zwei Wochen lang sollen sich die Mädchen und Jungen aus der Region Hannover, den USA, aus Spanien, Russland und anderswo kennenlernen, gemeinsam Sport treiben, bei Planspielen kreativ sein, Bibelstunden und Andachten abhalten, am Lagerfeuer sitzen. Und genauso ist es gekommen. Auf dem zehn Hektar großen Grundstück an der L 383, einer Idylle aus Wald und Wiese, herrscht am frühen Nachmittag Trubel. Auf dem Sportplatz bolzen einige Jungen und Mädchen, andere spielen Frisbee oder stürzen sich in den Swimmingpool, andere ruhen sich aus. Noch eine Stunde bis zum nächsten Programmpunkt.

Im Februar haben die ehrenamtlichen Betreuer – eine Gruppe aus 18- bis 25-jährigen CVJM-Mitgliedern – begonnen, das Programm für die Ferienaktion auszuarbeiten. Sie waren schon am Freitag im Hüttenlager, zwei Tage vor ihren Schützlingen, um Details zu besprechen. Am Abend erreichte sie via Internet die erschütternde Nachricht von den Anschlägen in Oslo, bei dem einer gleichgesinnten Gruppe von Jugendlichen Grausames widerfahren war. „Erst war die Rede von 90 Toten in dem Camp. Und mir schoss sofort durch den Kopf: Die Gruppe ist genau so groß wie unsere“, sagt Torben Jonsky, einer der beiden Campleiter. „Wir waren alle geschockt und betroffen“, sagt seine Kollegin Marlis Dumke.

Und dann beratschlagten die jungen Helfer, wie sie mit dem Terrorakt in Oslo umgehen sollten. Aber wie soll man eine so unvorstellbare Tat erklären? Und warum sollten sie dem Täter eine weitere Plattform für seine perversen Botschaften geben? „Wir haben uns dann bewusst dagegen entschieden, die Sache in das Camp hineinzutragen“, sagt Torben Jonsky. „Die Jugendlichen sollen hier Ferien machen – alles andere wäre zu belastend.“ Dabei geht es in dem Abbenser Camp nicht bloß um Spiel und Spaß, es geht auch um Politik, Globalisierung, um die Umwelt. Das zeigt das Planspiel am Nachmittag: Die Jugendlichen sollen eine Stadt mit Strom versorgen. An unterschiedlichen Stationen können sie die Vor- und Nachteile regenerativer und konventioneller Kraftwerke ergründen, sie als Modelle nachbauen und dann effizient einsetzen.

Über allem steht beim CVJM der christliche Gedanke. Nächstenliebe, Verantwortung, Demokratie, Toleranz. Vor allem Toleranz. „Around the world – across our hearts“, so das diesjährige Motto für die Zusammenkunft in Abbensen. „Es geht um ein gemeinsames Leben in einer internationalen Welt“, sagt Martin Germeroth, Geschäftsführer des CVJM Hannover. „Hier gehört das Miteinander zum Alltag, die Jugendlichen finden selbst zueinander – ohne großes Zutun.“ Bloß ein paar Hilfestellungen. So teilen sich jeweils zehn Jugendliche aus mindestens drei Nationen eine Hütte. Integriert werden auch Jugendliche, die aus sozial schwachen Familien kommen. Willkommen sind auch andere Konfessionen als die christliche. Die Campsprache ist Englisch.

Die oftmals bedrückenden Nachrichten aus der Welt draußen spielen für die Jugendlichen dieser Tage ganz bewusst keine Rolle. Für zwei Wochen sollen die Campteilnehmer ohne äußere Einflüsse leben, ganz bei sich und beieinander sein. Es gibt keine Zeitung, kein Internet, die Jugendlichen mussten ihre Handys abgeben und auch die Ohrstöpsel für die Musik. Der Verzicht auf Neue Medien gehört zu den Regeln, ebenso wie die, das Camp nicht zu verlassen. „Es ist gut, mal von allem weg zu sein“, sagt Janie Hendrickson aus New York City. Die 15-Jährige war vor dem Camp schon eine Woche bei Gasteltern in Hannover, wie viele der Teilnehmer aus dem Ausland. Ihre Gastmutter hatte ihr anfangs von den Ereignissen in Norwegen berichtet. Mehr will Janie lieber nicht wissen.

Für Ole Geldmacher ist es bestimmt schon die 25. Freizeit, die er zunächst als Teilnehmer, später als ehrenamtlicher Helfer besucht hat. Das ist Familiensache. Auch sein Vater war einst Betreuer; mittlerweile sind es Ole und seine beiden Geschwister auch.

Viele Freundschaften seien aus den Camps entstanden, sagt der 19-Jährige. Und sie halten – auch dank Facebook. Und wenn Paul aus Hannover und Janie aus New York wieder nach Hause kommen, werden auch sie viele neue Freunde haben. Menschen aus der ganzen Welt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6v5op12w513zwhu59es
Uni-Start-Up desinfiziert seit 20 Jahren Wasser

Fotostrecke Wedemark: Uni-Start-Up desinfiziert seit 20 Jahren Wasser