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"Deutschland ist unsere neue Heimat"

Mellendorf "Deutschland ist unsere neue Heimat"

Deutschland und die Flüchtlinge: Um dem Thema ein Gesicht zu geben, bietet die Gemeinde Wedemark den Medien immer wieder Kontakte zu gesprächsbereiten Schutzsuchenden an. Wedemark-Redakteur Roman Rose sprach am Donnerstag mit Katrin und Mazlum Al Ahmad aus Syrien. Arabisch-Dolmetscher Mubarek Beshara half bei der Verständigung.

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Katrin und Mazlum Al Ahmad wollen am liebsten beide Friseur lernen, um einen eigenen Salon zu eröffnen.

Quelle: Roman Rose

Wedemark. In seiner Heimatstadt Kamishli gab nur drei gleich schlechte Möglichkeiten, sagt der 27-Jährige Mazlum: Als Soldat in der syrischen Armee zu sterben oder von einer der gegnerischen Milizen zum Kämpfen gezwungen zu werden und auch zu sterben. Oder als unbeteiligter Zivilist bei Bombenangriffen von wem auch immer umzukommen. Oder eben fliehen.

Am 12. Januar 2016 machten er und seine ein jahr jüngere Frau Katrin sich auf den Weg. Der führte sie in die Türkei, mit einem Boot nach Griechenland, weiter nach Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich, bis sie am 27. Januar in Deutschland in Donauwörth ankamen. Ein Alptraum sei die Flucht gewesen, sagt der junge Mann. Türkische Grenzsoldaten hätten ihn mit einem Stock geschlagen, weil der Schlepper - für die Überfahrt nach Griechenland mit 1300 Euro entlohnt - ihnen kein Schmiergeld zahlte.

Von Donauwörth aus ging es über Braunschweig und Langenhagen schließlich in die Wedemark, zunächst in die Jugendhalle. Im April kamen sie dort an. Mittlerweile hat das Ehepaar eine Zweizimmerwohnung in Mellendorf. Viel Einrichtung gibt es nicht, dafür Sicherheit. "Wir sind dankbar, dass wir hier sicher leben können, ohne Bomben und Krieg", sagen sie. Verloren haben der Barkeeper und die Hausfrau zwar keine materiellen Werte, aber ihre Familien. Mazlum schmerzt, dass er seiner kranken Mutter in Kamishli nun kein Geld mehr für Medikamente geben kann. Hier sind er und seine Frau selbst bedürftig.

Als Erstes steht für beide Deutsch lernen auf dem Programm. Derzeit helfen ihnen die Ehrenamtlichen beim Interkulturellen Treff dabei, ab Oktober dürfen sie an einem offiziellen Integrationskurs teilnehmen. "Ich verstehe alles, kann aber noch nicht viel sprechen", lässt Katrin den Dolmetscher übersetzen.

Schon jetzt fühlen sie sich wohl hier. "Die Leute grüßen, lächeln, sind nett, wir fühlen uns nicht fremd." Sorgen macht ihnen jedoch, dass gewalttätige Flüchtlinge die Stimmung gegen alle Ausländer verschlechtern. Um mit solchen Leuten nicht in Berührung zu kommen, verlässt Mazlum die Wohnung nur selten.

Integration ist für sie keine Zumutung, das wollen sie selbst. So ist Katrin froh, kein Kopftuch mehr tragen zu müssen. Ohnehin sehen sie sich als moderne Moslems, sind wütend bis ratlos, wie der terroristische IS den Koran als vermeintliche Grundlage für Prügel, Entführungen und tausendfachen Mord heranzieht. "Wir haben selbst Angst vor der Burka", sagt Mazlum, und: "Wir leben jetzt in Deutschland und wollen uns an die Gesetze und die Gepflogenheiten hier halten."

Wenn sie gut genug Deutsch können, wollen sie arbeiten. Ihr Traum: Friseur lernen und zusammen einen eigenen Salon eröffnen. Denn eines ist für sie klar: Sollte der Krieg in Syrien auch enden, zurück wollen sie nicht. "Ich bin Kurde, es gibt für mich keine Sicherheit in Syrien", sagt er. "Deutschland ist unsere neue Heimat." Das Asylverfahren läuft.

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