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Inklusion fordert Kinder und Lehrer zugleich

Wedemark Inklusion fordert Kinder und Lehrer zugleich

Inklusion in allgemeinbildenden Schulen – dazu braucht es den Willen zu Lösungen, Organisation und vor allem Lehrer. Das Rückgrat dafür vor Ort sind die sonderpädagogischen Förderzentren. Sie sind fast identisch mit den Förderschulen, aber eben weit mehr - wie in der Wedemark.

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Sie arbeiten gemeinsam in der Förderschule und im Förderzentrum: Leiter Günter Brauer und Lehrerin Julia Sulies.

Quelle: Kallenbach

Wedemark. In Mellendorf leitet Günter Brauer die Berthold-Otto-Schule (BOS) zugleich als Förderschule Lernen und als Förderzentrum. Über die Voraussetzungen für diese Arbeit äußert er sich im Interview.

Um das Förderzentrum zu leiten, wird Ihnen als Schulleiter die Unterrichtsverpflichtung um drei Wochenstunden ermäßigt. Was müssen Sie darin alles unterbringen?

Zu den Schulleitungsaufgaben kommen für den Leiter eines Förderzentrums alle Aufgaben des Bereichs Inklusion hinzu: Personalplanung und –verteilung, Fortbildungen, Teambesprechungen, Zusammenarbeit mit anderen Schulen und der Gemeinde im Wedemärker Arbeitskreis Inklusion, Konzepte zur sonderpädagogischen Förderung, kollegiale Beratungen im Team, sonderpädagogische Überprüfungen von Kindern, Beratungen von Kolleginnen und Schulleitern, Evaluation der Arbeitsvereinbarungen mit den Regelschulen, Qualitätssicherung und Entwicklung der sonderpädagogischen Förderung in den allgemeinen Schulen. 

Was kann denn eine Kommune tun?

In dem Arbeitskreis stimmen die Förder- und die Regelschulen ihre konkrete Zusammenarbeit ein bis zwei Mal im Jahr verbindlich ab und passen sie jedesmal an die Erfordernisse an. Es ist gut, dass die Gemeinde dabei ist; sie informiert sich rechtzeitig, welche Kinder mit welchem Unterstützungsbedarf in die Schulen kommen. Darauf muss sich die Kommune mit der räumlichen und sächlichen Ausstattung der Schulen einstellen. Stichwort Barrierefreiheit, Fahrstühle, Akustikdecken und so weiter.

Welchen Schulen in der Wedemark arbeitet das Förderzentrum aktuell zu, und wie?

Alle Grundschulen erhalten vom Zentrum je nach Klassenzahl zwei Lehrerstunden pro Woche. Zum Beispiel erhält die Grundschule Resse zwölf Lehrerstunden, Bissendorf 28. Alle weiteren Aufgaben sind zeitlich nicht bemessen, sondern gehören zur Arbeit einer Lehrkraft dazu, wie oben beschrieben. Die Leistungen und Arbeiten werden idealerweise im Team mit den Regelschullehrern festgelegt und sind je nach Bedarf zu organisieren. An die IGS sind zurzeit vier unserer Lehrkräfte mit insgesamt 57 Stunden abgeordnet, die Realschule erhält neun Stunden und die Hauptschule 27. Am Gymnasium ist kein Kind mit dem Förderbedarf Lernen.

Wonach wird die Zuweisung von Lehrerstunden bemessen?

Die Grundschulen erhalten für die sonderpädagogische Grundversorgung pro Klasse und Woche Lehrerstunden - unabhängig von der Zahl der Kinder mit Förderbedarf. In Brennpunkten kann es mehr Stunden geben. Für Kinder mit Unterstützungsbedarf "Geistige Entwicklung" oder "Emotionale und Soziale Entwicklung" sind weitere personengebundene Lehrerstunden zur Verfügung zu stellen - im Normalfall aber nicht von der BOS Förderschule Lernen. Ab Klasse 5 ist die Stundenzuweisung personengebunden: Für jeden Schüler mit festgestelltem Unterstützungsbedarf (mit Gutachten) sollen drei Lehrerstunden pro Woche zugewiesen werden. Beispiel: Drei Schüler mit Unterstützungsbedarf haben sich für die Realschule entschieden. Die BOS ordnet eine Lehrkraft mit neun Unterrichtsstunden dorthin ab. Die Schüler können nun in einer Klasse sein, in zwei oder drei Klassen.

Wie viele Lehrkräfte- jeweils welcher Ausbildung - sind dem Zentrum zugeordnet? Auch Sozialpädagogen und Logopäden?

Zur BOS gehören 16 Lehrkräfte, alle sind Förderschullehrer mit der Fachrichtung Lernen im Erst- oder Zweitfach, mit anderen Fachrichtungen (Sprache, Geistige Entwicklung, Soziale-emotionale Entwicklung), zum Teil auch mit langjährigen praktischen Erfahrungen in den anderen Fachrichtungen. Insgesamt verwaltet die BOS circa 325 Lehrerstunden. Alle Lehrkräfte können in der Inklusion eingesetzt werden. Zehn Lehrkräfte sind ausschließlich in der Inklusion tätig, drei Kollegen sind inklusiv und an der Stammschule BOS tätig. Drei sind nur an der BOS eingesetzt. Zurzeit sind zwei Kollegen zeitweise in einen anderen Schulbezirk abgeordnet. Es gibt keine Logopäden oder Sozialpädagogen im Förderzentrum. An der BOS sind drei pädagogische Mitarbeiter in Teilzeit für den Ganztagsbetrieb tätig. Eine Schulbegleiterin unterstützt einen Schüler.

Sagen die Erfahrungen aus der Praxis, dass dies alles ausreicht - was genau fehlt?

In der Wedemark konnten wir in diesem Schuljahr weitgehend die festgelegten Stundenzuweisungen erfüllen. Dies wird im Schuljahr 2017/2018 an den Grundschulen noch gelingen - an den weiterführenden Schulen werden wir Abstriche machen müssen. 

Was sind die Sorgen - auch der Eltern?

Eine häufig ausgedrückte Besorgnis ist, dass die Kinder mit Förderbedarf in den allgemeinen Schulen einen sehr großen Teil des Unterrichts ohne Unterstützung durch Förderschullehrkräfte oder pädagogische Mitarbeiter zu bewältigen haben. Das kann zur Folge haben, dass je nach Zusammensetzung der Klasse die Kollegen dort schnell an Grenzen kommen und überfordert werden. Sie können einfach nicht allen Schülern und deren individuellen Ansprüchen gerecht werden. Je unterschiedlicher in den Voraussetzungen der Schüler Klassen zusammengesetzt sind, desto schwieriger ist es Unterricht zu organisieren, der den Namen inklusiv verdient.

Da stellt sich wieder die Frage, was gebraucht wird?

Günstig sind Klassensituationen an weiterführenden Schulen mit Klassen, wo die Förderschullehrkraft mehrere Schüler unterstützt und somit auch entsprechend mit mehr Stunden den Unterricht begleitet. Die Wünsche der Lehrer sowohl der Förderschulen als auch der Regelschulen sind in der Regel: mehr Zeit für das einzelne Kind, bessere Personalausstattung und mehr Zeit für die Teamarbeit, Vorbereitungs- und Besprechungszeit.

Wer stünde damit in der Pflicht?

Für die Grundsätze der personellen Ausstattung und die Festlegung von Rahmenbedingungen und Standards ist das Kultusministerium zuständig. Die Kommunen könnten sicherlich zur Ergänzung einen Teil beitragen (Sozialpädagogen, pädagogische Mitarbeiter). Schulbegleiter/Integrationshelfer sind im Einzelfall eine gute Unterstützung oder ermöglichen sogar erst den Schulbesuch einiger Kinder. Sie sind aber eine an das einzelne Kind gebundene Unterstützung. Im Gespräch ist ja mittlerweile der verstärkte Einsatz pädagogischer Mitarbeiter, die von einzelnen Stunden bis hin zur gesamten Unterrichtszeit in den Klassen im Team mit den Sonderpädagogen und den Regelschullehrkräften eingesetzt werden könnten, um den Unterricht für alle Kinder zu organisieren.

Was bedeutet inklusives Arbeiten für die hier so eingesetzten Lehrkräfte und Mitarbeiter?

Für viele ist das eine komplett neue berufliche Herausforderung und Rolle. Die Förderschullehrkräfte sind nicht mehr in der Rolle als Klassen- oder Fachlehrer tätig, sie organisieren nicht mehr einen vollständigen und umfassenden pädagogischen Prozess mit enger emotionaler Bindung zu den Schülern ihrer Klasse. In der Inklusion arbeiten sie auf einer anderen Ebene - mit mehreren verschiedenen Kollegen in mehreren Klassen, sie haben häufig wenig Zeit, intensiv auf die einzelnen Kinder einzugehen.

Was sind die konkreten Aufgaben an den Schulen?

Fördern, Bereitstellen von differenziertem Unterrichtsmaterial, Unterstützung, Beratung von Eltern, Schülern, Lehrkräften, Differenzierung, Zusammenarbeit mit den Regelschullehrern, Dienstbesprechungen, Elterngespräche.

Sie selbst arbeiten auch im Team?

Meine Kollegin Susanne Wilken ist Ansprechpartnerin für die inklusiv tätigen Lehrkräfte, die Kollegin Julia Sulies unterstützt im Bereich Inklusion und in der Schulleitung. Dafür übernehme ich mehr Unterricht, insgesamt 18 Wochenstunden.

Die BOS-Förderschule läuft aus, wie geht es weiter?

Aktuell besuchen 23 Schüler die Einrichtung. Mit Einrichtung der inklusiven Schulen zum Schuljahr 2013/2014 lief die Primarstufe der Förderschule aufsteigend aus, es gab keine Neuaufnahmen mehr. Das bedeutete verstärkte Wahrnehmung der Aufgaben als Förderzentrum. Die Schule wird voraussichtlich zum Schuljahr 2020/2021 schließen, und alle Lehrkräfte sind dann in der Inklusion tätig.

Was kann bisher überhaupt nicht geleistet werden?

Die Förderschulen Schwerpunkt Lernen können den Wunsch von Eltern nicht erfüllen, ihre Kinder bis einschließlich der 5. Klasse aufzunehmen.

In welche weiterführenden Schulen oder andere Fördereinrichtungen haben Eltern in den vergangenen Jahren ihre Kinder mit Förderbedarf übergehen lassen?

Von der Berthold-Otto-Schule hat eine Schülerin zur IGS gewechselt. Von den Schülern, die inklusiv die Grundschulzeit durchlaufen haben, sind die meisten zur IGS übergegangen, Einzelfälle zur Hauptschule und Realschule.

Folgt bald ein Regionales Zentrum für Inklusion (RZI) auf das alte Modell?

Alle Förderschulen in Trägerschaft der Region Hannover – zurzeit 16 an der Zahl – dienen zugleich als sonderpädagogische Förderzentren und Anlaufstellen für die Mobilen Dienste, also die personelle, pädagogische Unterstützung von Kindern mit Förderbedarf, die an Regelschulen beschult werden. Ein Etat bei der Region steht faktisch nicht hinter diesem Einsatz, wie Regionssprecherin Carmen Pförtner erläutert. Die Gründe ergeben sich aus der kaum auseinander zu dividierenden Arbeit. „Die Förderzentren sind zwar räumlich an die Förderschulen gekoppelt, die Region Hannover ist finanziell für die sächlichen und personellen, nicht aber pädagogischen Ressourcen verantwortlich. Natürlich verschwimmen im Alltag die Grenzen zwischen beiden Verantwortlichkeiten, wenn die Lehrer beispielsweise dieselben Räume, Telefone und so weiter auch für ihre Aufgabe im Mobilen Dienst nutzen.“ Das sei aber kein Problem, betont die Sprecherin. Das Personal, für das die Region dort finanziell einsteht, sind Sekretärinnen und Hausmeister. An der inhaltlichen Ausgestaltung der Zentren, so Pförtner, habe die Region einen nur geringen Anteil. Insofern könne sie auch zu Problemen, Herausforderungen oder Elternwünschen nichts sagen. Verantwortlich für die pädagogischen Lehrkräfte und inhaltlichen Konzepte ist das Land.

Ein Förderzentrum gilt in der neueren Diskussion als das „alte“ Modell. Es soll abgelöst werden durch ein RZI – Regionales Zentrum für Inklusion. Während in einer großen Anzahl der Landkreise und kreisfreien Städte in Niedersachsen dazu bereits Planungsgruppen arbeiten, hält die Region Hannover sich noch zurück. „Die Region Hannover möchte sich im Vorfeld einer Bewerbung für die Einrichtung eines RZIs (Regionale Zentren für Inklusion) mit den anderen kommunalen Schulträgern abstimmen“, erläutert die Sprecherin. „Vor diesem Hintergrund ist beabsichtigt, dieses Thema im Rahmen der nächsten Fachtagung Schulen mit den regionsangehörigen Städten und Gemeinden im September 2017 zu besprechen.“

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