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Im Minutentakt vom Tier zur Hälfte

Brelingen Im Minutentakt vom Tier zur Hälfte

Mittendrin statt nur dabei: In der Reihe „Heimat hautnah“ schreiben Autoren der Zeitung nicht nur über Veranstaltungen und Aktionen, sondern sie machen selbst mit. Redakteur Roman Rose hat in der Fleischerei Grimsehl in Brelingen beim Schlachten mit angepackt.

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Es ist anders als einfach nur sägen: Redakteur Roman Rose darf unter den wachsamen Augen von René Kooter ein Schwein halbieren.

Quelle: Grimsehl

Wedemark. Ihr Weg aus Abbensen nach Brelingen war nicht weit. Und da es erst 6 Uhr ist, war ihr Tag auch noch nicht lang. Aber es wird ihr letzter Weg und ihr kürzester Tag gewesen sein, sie wissen es nur noch nicht. Der Abbenser Landwirt Jörg Hemme liefert auf einem Anhänger 14 Schweine in der Fleischerei von Lars Grimsehl ab, und ich erlebe, wie sie dort vom Lebewesen zur Wurstvorstufe werden. Es ist Montag, Schlachttag bei Grimsehl.

Schlachten aus der Nähe - das habe ich noch nicht erlebt. Aber als Fleischesser stehe ich dazu: Auch für meine Mahlzeiten müssen Tiere sterben. Ich weiß, das heißt nicht jeder gut. Und ja: Schlachten hat auch etwas Unappetitliches. Doch Tatsache ist: Es passiert täglich millionenfach und überall auf dieser Welt - und sicher nicht überall so penibel mit Vorschriften zum Tierwohl belegt wie in Deutschland.

Ich bin überrascht, wie ruhig die Tiere vom Anhänger in den gekachelten Warteraum laufen. Recht entspannt wirken die meisten in der stabilen Bucht, bevor ihnen Darius Grygier die elektrische Betäubungszange an den Nacken setzt. Kaum ein Quieken ertönt, wenn der Betäubungsstromschlag durch die Körper fährt. Wie ein Stein fällt jedes der Tiere sofort um. Sie würden allerdings wieder aufstehen, wenn es jetzt nicht schnell ginge. Maximal 35 Sekunden dürfen vom Betäuben bis zum Stich, der das Ausbluten einleitet, vergehen.

René Kooter sticht dem ersten Tier das Stichmesser, ein dickes Edelstahlrohr mit Spitze, in den Hals. Das Schwein scheint nichts mitzubekommen. Ein daumendicker Blutstrahl ergießt sich in eine Wanne, zwischen acht und zehn Liter pro Tier. Jedes stirbt letztlich mangels Blut an Herzversagen. Etwa alle drei Minuten die selbe Prozedur. Das war’s dann, das eigentliche Töten. Unspektakulär: kein Terror, kein wilder Widerstand, kein Blutspritzen quer durch den Raum, keine brutale Gewalt. Ich frage mich, was ich erwartet habe.

Das Borstenvieh wird sehr glatt

Was folgt, ist durchaus spektakulärer und vor allem viel lauter. In der Kratzmaschine wird der leblose Körper am Stück bei genau 68 Grad Wassertemperatur heftig um die Längsachse rotiert. Das löst die obere Hautschicht mit den Borsten ab. Heraus kommen glänzende, glatte Leiber. Brauner Schaum quillt unter dem riesigen Deckel hervor und läuft auf den gekachelten Boden. Dampf steigt auf, nicht unbedingt der Geruch, den ich zur Frühstückszeit gewohnt bin. Das Klima im Schlachtraum wird saunaähnlich.

Den Männern und auch mir steht der Schweiß auf der Stirn. Wobei die Fleischer immerhin die etwa 100 Kilogramm wiegenden Körper von Hand aus der Kratzmaschine auf ein fahrbares Gitterrost wuchten. Das lass ich lieber. Ich hab’ Rücken.

Dann geht es routiniert weiter: Hufnägel abreißen, Läufe abschneiden, Ohren anschneiden, letzte Borsten abschaben, alles ruckzuck, bei Richard von der Brelie sitzt jeder Griff. Ganz unvermittelt erwischt es mich, als Markus Kuhne mit einem spitzen Messer und einer tausendfach erprobten Handdrehung dem ersten Schwein die Augen aus den Höhlen sticht - so wie man beim Kartoffelschälen die schwarzen Stellen rausholt. Das tut dem toten Vieh nun wirklich nichts mehr und muss sein, aber ich schaudere schon.

Diese Augen-Szene kommt mir sogar noch fremder vor als der Moment, in dem Kooter mit langem Arm in die Bauchhöhle greift und sämtliches Gedärm herausholt - ein grau-braunes Gequaddel. Ähnlich geht es mit Zunge, Herz, Lunge, Leber und Zwerchfell, die sich zusammenhängend herausholen und aufhängen lassen. Diese Organe will später noch der Veterinär sehen. Dann folgt der in Film und Fernsehen oft gezeigte Klassiker im Zerlegeprozess, das Zerteilen der ganzen Schweine einmal längs durch mit der Elektrosäge. Kann ja nicht so schlimm sein, alles schon bekannt. Kooter setzt das Gerät routiniert an und zügig wird ein Schwein zu zwei Hälften. So weit, so gut.

Nach leichter Hemmung siegt doch die Neugier

„Hier, Roman, willst du auch mal?“, fragt er mich und zeigt auf ein Exemplar, bei dem jetzt der Griff ins Gedärm dran ist. Hmm, das muss jetzt vielleicht nicht sein. Ich verschanze mich hinter meinem Block in der Linken, halte den Kuli fest in der Rechten - sorry, keine Hand frei. „Oder willst du mal sägen?“ Ich bin offenbar noch nicht raus aus der Nummer.

Aber ich merke auch, dass ich wissen will, wie das ist. Kneifen oder nicht? Wie hautnah darf mir dieses Stück Heimat heute sein? Die Neugier siegt, und ich nehme die Säge, deren Gewicht von einem Seil gehalten wird. „Immer schön gerade mitten durch die Wirbelsäule“, weist mich Kooter ein, „und nicht so viel drücken.“ Nun habe ich schon viel gesägt in meinem Leben, aber das hier ist doch was anderes. Das Messer rasselt durch den Körper. Ich konzentriere mich auf die Schnittführung - aber es bleibt etwas anderes als Holz zu zerteilen. Und gleichzeitig ist es doch nur ganz normale Arbeit im Fleischerhandwerk. Weil wir Fleischesser das so wollen. Am Kopf geht das Sägen deutlich schwerer, da soll ich nun doch richtig drücken. „Aber pass auf, dass du am Ende den Druck wegnimmst und nicht die Klinge auf den Boden knallst“, höre ich. Ok, ich kriege auch das hin, sogar noch bei einem zweiten Schwein.

Und? Nix und. Kein Glücksgefühl, keine Heldentat, keine Mordlust, aber auch kein Ekel. Ich wollte es wissen, und nun ist es gut. All die kommenden Tage, Wochen und Jahre werden andere für mich schlachten, für jedes meiner Koteletts, Nackensteaks oder Grillwürstchen und Wurstbrote. Ich werde alles weiter genießen - aber mit noch mehr Respekt vor diesem Job.

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