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Jungfer Anni eröffnet den Führungsreigen

Wedemark Jungfer Anni eröffnet den Führungsreigen

Kinderleicht lassen sich Jahrhunderte alte Grabsteine „lesen“, deutet man nur die eingemeißelten Figuren darauf richtig – Jungfer Anni weiß wie. Rund um Michaeliskirche und Amtshof in Bissendorf hat die Wedemärker Gästeführerin Anja Hemme jetzt die historische Freiluftsaison eröffnet.

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Jungfer Anni hält der neunjährigen Liv die fette Mettwurst gern zum Schnuppern hin.

Quelle: Ursula Kallenbach

Bissendorf. „Rechts auf dem Stein stehen alle Frauen der Familie, links die Männer“, erläutert sie. Darunter das Wickelkind, und tatsächlich wurden die Säuglinge früher fest eingebunden, um gerade zu wachsen, erklärt Hemme. „Schief gewickelt“ zu sein, konnte also wirklich passieren.

Handfest und mit Mutterwitz holt sie die vielen unbekannten Tatsachen der Geschichte ans Tageslicht, und die Zuschauer füllen auf Zuruf die nötigen Rollen. Sie stellen samt Kühen, Hofhund Hasso und Ziegenbock Rudi einen ganzen Bauernhof, und mimen auch den Bauern, der angezecht zu seiner Frau in den Alkoven steigen möchte. Auch deren prompte „Gardinenpredigt“ findet hier ihre Deutung: „Die Frau schimpft durch die Tücher und Laken, die in der unbeheizten Stube im Schrankbett vor Kälte schützen sollten“.

Und nochmal die Grabsteine, die jetzt an den Außenmauern der Kirche hängen: Frei gelassene Stellen gibt es darauf – und die Erläuterung: Wenn der Steinmetz schon mal im Dorf war, so um 1600, dann richtete er den ganzen Stein für die Familie auf Vorrat ein und ließ Namen und Jahreszahlen für die noch nicht verstorbenen Mitglieder aus.

Recycelt wurden die teuren Steine, wenn ein Friedhof aufgehoben wurde, vielfach. „An der Michaeliskirche liegen sie unten quer und verstärken das Fundament“, verdeutlicht Hemme. Auf Bauernhöfen sind sie heute noch als Schwellen oder Trittstein am Brunnen zu entdecken.

Eine harte Mettwurst spielt eine fette Rolle bei dem etwa eineinhalbstündigen Gang „Kinder, Kirche, Köstlichkeiten“ durch das Dorfleben des 17. Jahrhunderts. Dem Lehrer wurde sie gern auf das Pult gelegt als Schulgeld; die erste Schule in Bissendorf gab es 1603. Die ländliche Bevölkerung bezahlte mit Würsten und Broten, die Kinder mussten Feuerholz mit in die Schule bringen. Denn nur im Winter, wenn sie nicht auf den Feldern arbeiten mussten, bekamen die Kinder Unterricht.

Der neunjährigen Liv Schmidt und ihrem Vater kommt bei diesem ersten Spaziergang eine prominente Assistentenrolle zu. „Wir sind erst vor Kurzem hergezogen“, sagt Oliver Schmidt. Gern trägt er aus einem Körbchen allerlei zum Fortgang der Geschichten bei, und Liv will sowieso alles wissen. Nur auf eine Erfahrung muss sie vorerst verzichten: Den selbst gebrauten Kräuterschnaps von Jungfer Anni am Ende der Führung darf sie nicht kosten.

Zwölf Frauen und ein Mann kennen sich aus

Die Wedemark ist ein Dorado für Gästeführungen und Besucher: Regelmäßig sind in der Saison um die zehn ehrenamtliche, ausgebildete Begleiter durch Dörfer und Landschaft mit Besuchergruppen unterwegs – und sind zu buchen.

Tourenangebote werden öffentlich angekündigt und können erfragt werden bei Gästeführerin Marga Hetzel unter Telefon (0 51 30) 6 02 16 und in der Gemeindeverwaltung unter Telefon (0 51 30) 58 12 53 sowie per E-Mail an anke.juergensen@wedemark.de.

Die Gästeführerinnen – mit Otto Hemme in Elze ist bisher nur ein Mann dabei – sind nach Orten und Themen eingeteilt: Marga Hetzel für Bissendorf, Heide Manz speziell für Kirche in Bissendorf, Anja Hemme für Bissendorf im Kostüm, Roswita Mandel für Wennebostel, Anke Jürgensen für die Straße der Kinderrechte in Mellendorf, Christa Burger für Kirchen in Mellendorf. Hannelore Hemme und Christa Burger zeigen das Dorf Meitze, Otto Hemme Elze und Forst Rundshorn, Liesel Köthe Resse, Mooriz und Moor, Sieglinde Lemke Bissendorf und Friedhof, Jutta Manz und Ingrid Klingenberg führen durch Großburgwedel.

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Vor dem „Bu“, dem ältesten Haus in Bissendorf von 1589, das einmal eine höhere Töchterschule beherbergte, probiert Helga Vaeckenstedt (links) mit Anja Hemme wieder Tafel und Griffelkasten aus.

Quelle: Ursula Kallenbach
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