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Jeder verdient eine zweite Chance

Bissendorf Jeder verdient eine zweite Chance

Zum 1. August beginnen viele Schulabgänger eine Lehre. Für manche war der Weg zu einem Ausbildungsplatz alles andere als gerade und einfach - wie bei Björn Jahnke.

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Solche Motoren zu verpacken gehört künftig zu seinem Job: Björn Jahnke (von links) lernt beim Unternehmen Fresh Breeze Fachlagerist. Entwicklungsleiter Stefan Wode und Jürgen Hansen von der Region Hannover haben sich dazu im Vorfeld intensiv ausgetauscht.

Quelle: Roman Rose

Wedemark. Bis er 14 Jahre ist, ist Björn Jahnkes Welt in Ordnung. Er geht aufs Gymnasium. Die Scheidung seiner Eltern reißt ihn dann in ein tiefes Loch. Er wird sehr krank, kann einfach nicht mehr zur Schule gehen. Die Noten sacken weg. Er wechselt auf die Realschule. Dort wird er gemobbt, geht wieder nicht hin. In der Mitte der zehnten Klasse schmeißt er alles - kein Schulabschluss also. Er verkriecht sich eineinhalb Jahre. „Ich hab nur rumgegammelt“, sagt er heute ganz offen über diese Zeit. Die Berufsorientierung an seinen Schulen - entweder gab es sie nicht oder er rutscht immer irgendwie dran vorbei.

Dann machen sich zwei ganz unterschiedliche Menschen Gedanken um ihn. Der erste ist sein Onkel Stefan Wode, promovierter Ingenieur und Entwicklungsleiter bei Fresh Breeze. Die Firma ist nach Wodes Worten Weltmarktführer bei der Gleitschirm-Motorisierung. Er bietet ihm an, als Praktikant einzusteigen. „Manche jungen Leute brauchen im wohlmeinenden Sinn jemanden, der ihnen sagt, was gut ist und was nicht“, sagt Wode.

Jahnke zögert zunächst, doch sanfter Druck hilft. Aus zwei Wochen Praktikum wird ein ganzes Jahr. „Ich wurde gebraucht, ich war nicht nur der doofe Prakti“, fasst Jahnke das zusammen. Er fasst Fuß in der 20-Mann-Firma, fühlt sich bis heute geschätzt und gut aufgehoben. Die überschaubare Betriebsgröße spielt durchaus eine Rolle, denn eines hätte für ihn nicht funktioniert: „In einem Riesenkonzern als Ameise anzufangen.“

Dabei ist der 19-Jährige nicht nur auf dem Familienticket gereist, denn das kleine Unternehmen hat schon anderen nicht ganz einfachen Azubis eine Chance gegeben. „Eigentlich sind wir gar kein typischer Ausbildungsbetrieb“, sagt Wode. „Wir sind eher eine Manufaktur denn ein Großserienfertiger. Wir haben ein komplexes Angebot und eine große Variantenvielfalt. Wir machen mit einem kleinen Team sehr viel, deshalb passen wir nur schwer in eine Schublade. Aus diesen Gründen mussten wir auch gucken, was für uns an Ausbildung machbar ist.“ Da Fresh Breeze an 55 Händler weltweit liefert, ergibt sich schließlich für Jahnke die Perspektive, Fachlagerist zu lernen. Am Dienstag hat er den Azubi-Vertrag unterschrieben und freut sich auf seine Zukunft in der fliegerverrückten Firma - und will auch selbst das Fliegen lernen.

Diese Rückholung aus einer schwierigen Situation ist auch das Werk von Jürgen Hansen von der Wirtschaftsförderung der Region Hannover. „Wir haben lange diskutiert, was gut wäre, um den passenden Ausbildungsberuf zu finden“, sagt er. Er informiert beide Seiten über Möglichkeiten und Erfordernisse, vermittelt, berät, steuert Ideen bei, bringt ganz praktische Dinge wie die Anmeldung zur Berufsschule auf den Weg. „Ohne Jürgen Hansen hätten wir als Betrieb die Formalien und Hürden gar nicht gemeistert“, stellt Wode klar.

Björn Jahnke hat nun Perspektiven, an die er früher selbst nicht geglaubt hätte. Zum einen weiß er schon, dass er nach erfolgreicher Lehre übernommen wird. Doch seine Pläne reichen weiter. Mit dem Ende seiner Lehre will er den Realschulabschluss geschafft haben, dann das Abitur nachmachen und sogar noch studieren - Psychologie.

Ausbildung als Chance sehen

Nachwuchssicherung ist ein Thema für Betriebe jeder Größenordnung, sagt Jürgen Hansen von der Wirtschaftsförderung der Region Hannover. Häufig lehnten kleine und mittelständische Unternehmen eine eigene Berufsausbildung aufgrund ihrer hohen Spezialisierung oder aus Mangel an Informationen ab. Gerade sie aber seien auf besonders qualifizierten Nachwuchs angewiesen. Ausbildung sei für den Betrieb die beste Möglichkeit, besonders leistungsfähige und motivierte Fachkräfte zu gewinnen, da selbst ausgebildete Mitarbeiter die spezifischen Anforderungen und Belange des Betriebs am besten kennen. Dort setzt die regionale Wirtschaftsförderung mit dem Programm Externes Ausbildungs-Management (Exam) an. Die Mitarbeiter beraten und unterstützen vor allem kleine und mittelständische Betriebe in Fragen der Berufsausbildung. Sie informieren über Ausbildungsberufe, neue und neu geordnete Berufsbilder sowie die Ausbildung allgemein. Sie beraten hinsichtlich betrieblicher Ausbildungsmöglichkeiten und entlasten bei behördlichen Formalitäten. Sie begleiten auch während der Ausbildung, kooperieren mit Wirtschaftsförderern, Unternehmern und Ausbildern in der Region Hannover und arbeiten eng mit der Agentur für Arbeit und den Kammern zusammen. Sie sind etwa Ansprechpartner für neu gegründete Betriebe ohne Erfahrung in der Berufsausbildung, für Betriebsinhaber mit Migrationshintergrund, für Betriebe, die eine beratende Begleitung für die Ausbildung benötigen. Helfen können sie auch, wenn ausbildende Betriebe über ein neues Berufsfeld nachdenken, Firmen nur Teilinhalte eines Berufsbildes vermitteln können oder nicht mit dem Dualen System der Berufsausbildung vertraut sind. Weitere Informationen gibt es auf wirtschaftsfoerderung-hannover.de im Internet.

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