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So war das Leben in der Wedemark zur NS-Zeit

Wedemark So war das Leben in der Wedemark zur NS-Zeit

1932/33 wählte die Wedemark mit bis zu 80 Prozent braun. Das ist eines der Ergebnisse des Projekts "Geschichte der Wedemark 1930 - 1950". Der Historiker Carl-Hans Hauptmeyer stellte in seiner Rede bei der Vorstellung des Projekts fest, dass auch heute noch in Familien geschwiegen werde. 

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Beim Geschichts-Symposium war das Bissendorfer Bürgerhaus mit rund 170 Teilnehmern voll besetzt.

Quelle: Roman Rose

Wedemark. Das Symposium „Erinnern – Wozu (überhaupt)?“ der Gemeinde Wedemark ist am Montagabend auf überwältigendes Interesse gestoßen. Gut 170 Besucher wollten im Bürgersaal des Bürgerhauses in Bissendorf erste Ergebnisse des Projekts „Geschichte der Wedemark 1930 – 1950“ erfahren. Im Foyer im Erdgeschoss konnten die Besucher Videodokumentationen mit Wedemärker Zeitzeugen anschauen, produziert von Mellendorfer Gymnasiasten. Außerdem gab es zwei Bücher mit Zeitzeugeninterviews zu kaufen. Es präsentierte sich die Gedenkstätte Ahlem, und Otto Hemme aus Elze hatte mehrere Stellwände mit Ausschnitten der Elzer Ortsgeschichte bestückt.

In seiner Begrüßung dankte Bürgermeister Helge Zychlinski besonders dem Brelinger Franz-Rainer Enste, der das Geschichtsprojekt mit mehreren Beteiligten koordiniert hatte. Enste habe sich mit Leidenschaft engagiert und auch Fördergeld akquiriert, um die „vergessene Geschichte der Wedemark“ in den Jahre 1930 bis 1950 zu beleuchten.

Der Historiker Carl-Hans Hauptmeyer stellte in seiner Rede fest, dass NS-Forschung auch heute noch auf Vorbehalte treffe, in Familien noch immer geschwiegen werde. Das landläufige Argument ,Hier gab es doch nichts‘ wies er zurück. „Wenn man einmal zu suchen anfängt, gibt es viel zu finden“, bemerkte er. Besonders lobte er das Engagement von mehreren Geschichts-Leistungskursen am Gymnasium, die mit ihren Videoarbeiten und intensiver Archivrecherche viel beigetragen hätten.

Zu den weiteren Beteiligten des Projekts gehören die Historische Arbeitsgemeinschaft, der Arbeitskreis Regionalgeschichte, die Gedenkstätte Ahlem, das Niedersächsische Institut für Historische Regionalforschung (NIHR), das Richardt-Brandt-Heimatmuseum und die Wedemärkerin Maria Eilers. Das Projekt habe in der Kooperation so vieler unterschiedlicher Akteure Modellcharakter, betonte Hauptmeyer. Er legte der Gemeinde ans Herz, alle Arbeitsschritte iund Herangehensweisen in einem Leitfaden zu dokumentieren, um anderen Orientierung zu geben.

Festredner Wolfgang Mauersberg, früher Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und auch Historiker, lobte die Wedemärker Akteure ebenfalls: „Sie haben den jüdischen Mitbürgern, den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern ihre Namen wiedergegeben. Meist stehen die Akteure der Geschichte im Rampenlicht, Sie aber beschreiben die Menschen, die Geschichte erlitten haben. Danke dafür.“

Mauersberg ging der Frage nach, wozu die Befassung mit Geschichte dient. Er schlug einen großen Bogen von Politikern, die sie als Steinbruch nutzen, um mit den Brocken den politischen Gegner zu erschlagen, bis zu denen, die sich Geschichte nicht bewusst machen oder gar nichts davon wissen wollen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können aus schlechten Erfahrungen lernen“ stellte er fest, und: „Es gibt keinen Menschen ohne Geschichte. Er kann es höchstens ablehnen, sich damit zu befassen. Aber damit verzichtet er auf einen entscheidenden Teil seiner selbst.“

Sabine Paehr, Mitautorin des ersten Ergebnisbandes, erinnerte an die Tatsache, dass das NS-Regime weder Deutschland noch der Wedemark „von oben“ übergestülpt worden war. „1932/33 wählte die Wedemark braun, mit bis zu 80 Prozent“, sagte sie hatte Belege dafür. Es gebe noch viel zu erforschen. Das solle geschehen, versprach der Bürgermeister, weitere Bände mit Ergebnissen würden folgen.

Andor Izsák trägt sich ins Goldene Buch ein

Vor Beginn des Symposiums hat sich Professor Andor Izsák ins Goldene Buch der Gemeinde Wedemark eingetragen. Izsák, 1944 in Budapest geboren, siedelte 1988 nach Deutschland über und war in Augsburg an der Gründung des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (EZJM) beteiligt. Dieses wurde 1992 ein Institut an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, wo Izsák den Studiengang Synagogale Musik einführte. Er war zudem am Erwerb der Seligman-Villa für das EZJM beteiligt, wo die synagogale Musik eine dauerhafte Heimat fand. Offiziell im Ruhestand, gibt Izsák noch immer Konzerte. In Bissendorf spielte er mehrere Stücke und sang sogar spontan.

Ergebnis liegt in Buchform vor

Es wirkt in seinem grauen Paperback unscheinbar, doch zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich brisante Wedemärker Geschichte aus einer bisher wenig erforschten Zeit. Das Buch „Verfolgung und Zwangsarbeit in der NS-Zeit“ ist das erste dokumentierte Ergebnis aus dem Geschichtsprojekt „Die Geschichte der Wedemark von 1930 bis 1950“. Am Montagabend erhielt Bürgermeister Helge Zychlinski ein Vorab-Exemplar von Martin Stöber und Sabine Paehr vom Niedersächsischen Institut für Historische Regionalforschung überreicht. In rund zwei Wochen wird das Buch auch für die Allgemeinheit zu kaufen sein.

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