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Jeder leere Stuhl hat eine Geschichte

Wedemark Jeder leere Stuhl hat eine Geschichte

Blaumachen, Schwänzen, nicht zur Schule gehen - das nicht entschuldigte Fernbleiben vom Unterricht hat ebenso viele Namen wie Ursachen. Was hinter dem Phänomen steht und wie ihm begegnet werden kann, schilderte Professor Heinrich Ricking von der Universität Oldenburg im Schulzentrum Mellendorf.

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Die Schulsozialarbeiter der Gemeinde Wedemark Julia Krettek und Martin Damaske (rechts) luden Professor Heinrich Ricking ein, um über das Thema Schulabsentismus zu referieren.

Quelle: Gabriele Gerner

Wedemark. Es fängt oft schleichend an. Die 14-Jährige kommt morgens manchmal später zur Schule, weil sie ausschlafen musste. Die achte Stunde wird bisweilen "abgehängt". Und freitags trifft sie sich ohnehin lieber mit ihren Freunden - zusammen blau machen ist ein Abenteuer. Die Noten werden schlechter. Stress mit einigen Mitschülern kommt hinzu. Die Lust, überhaupt noch im Unterricht zu erscheinen, schwindet.

So in etwa könnte eine typischer Verlauf eines Schulverweigerers aussehen. Es gibt aber auch andere Szenarien. Manch ein Schüler fehlt oft, weil er seine Eltern zum Arzt oder zu Behörden begleiten muss. Um zu übersetzen, weil die Eltern kein Deutsch sprechen. Ein anderer muss auf kleinere Geschwister aufpassen, wenn die Eltern arbeiten oder krank sind. Und manch einen treibt die Angst vor dem mündlichen Referat oder der Mathe-Arbeit dazu, lieber einige Stunden in der Stadt herumzulaufen, anstatt in die Schule zu gehen.

"Hinter jedem leeren Stuhl im Klassenzimmer steht eine eigene Geschichte", fasst Heinrich Ricking zusammen. Diese gelte es, zunächst zu ergründen. Er rät Lehrern eindringlich dazu, mit dem Schüler und den Eltern regelmäßig in Kontakt zu bleiben über das Fehlen im Unterricht und die Gründe dafür. Juristische Maßnahmen dienten nicht dazu, Vertrauen zwischen Schule und Schüler aufzubauen.

Immerhin: 20 bis 25 Prozent der in Niedersachsen vollstreckten Jugendarreste betreffen Schulschwänzer. Im Jahr 2014 wurden 800 Jugendarreste aufgrund von Schulversäumnissen verhängt. Das zeigt, wie weit verbreitet dieses Problem ist. Doch allzu oft wird "Schwänzen" unter den Teppich gekehrt.

Ricking fordert eine konsequente Erfassung aller Fehlstunden in einer Schule und ein schnelles System zur Kontaktaufnahme mit den Eltern. Großbritannien sei diesbezüglich Vorreiter: In eigens eingerichteten "attendance offices" (Teilnahme Büros) werde morgens erfasst, wer fehle und ob eine Entschuldigung der Eltern vorliege. "Ist dies nicht der Fall", so Ricking, "geht sofort eine E-Mail oder SMS an die Eltern heraus. Kommt es innerhalb einer gewissen Zeit zu keiner Antwort, versuchen die Schulen es telefonisch oder fahren gar zum Elternhaus hin." Dies diene ebenso der Sicherheit der Kinder.

Eltern sollten eine klare Haltung gegenüber ihren Kindern einnehmen,dass der regelmäßige Schulbesuch erwartet wird, so der Wissenschaftler. Sie sollten versuchen, Erkrankungen wie Übelkeit und Bauchschmerzen auf den Grund zu gehen, anstatt die Kinder dauerhaft zu entschuldigen. Auch ein enger Kontakt mit dem Klassenlehrer sei wichtig.

Pädagogen sind angehalten, ihre Schüler zu motivieren und ihnen das Gefühl zu geben, einen wichtigen Beitrag in der Klasse zu leisten. "Wer sich der Schule zugehörig fühlt, Freude und Erfolg erlebt, hat wenig Grund, dem Unterricht fernzubleiben." Der Vortrag des Experten wurde organisiert von den Schulsozialarbeitern der Gemeinde Wedemark, Julia Krettek und Martin Damaske. 

Die nächsten Veranstaltungen für Eltern, Pädagogen und Interessierte im Schulzentrum sind am Donnerstag, 26. Oktober, um 19 Uhr zum Thema "Kinder & Jugendliche bei Whatsapp, Facebook & Instagram - Was geht uns das an?" und am Mittwoch, 15. November, um 19 Uhr zum Thema "Stressfaktor Pubertät". Der Eintritt ist kostenlos.

Von Gabriele Gerner

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