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Einkaufstüten im Schrank versteckt

Wedemark Einkaufstüten im Schrank versteckt

Mit einer Handvoll Anmeldungen startete am 1. September eine Wedemärker Selbsthilfegruppe zur Kaufsucht. Der Bedarf ist da - aber nicht so offensichtlich. Man geht ja doch nur shoppen, bestellt im Internet, sucht immer wieder Bauteile für Motorrad oder Computer. Ganz normal, oder?

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Stefanie Gruve leitet die neue Selbsthilfegruppe.

Wedemark. „Viele deklarieren ihre Kaufsucht anfangs als Hobby. Sie gehen gern bummeln und einkaufen“, weiß die Initiatorin der Gruppe, Stefanie Gruve. Die Konsumgesellschaft lädt ein. „Wenn es aber zum Zwang wird - etwas Neues in der Hand zu halten, das Etikett von dem eben erstandenen Shirt abzureißen, wenn das Rascheln der Einkaufsverpackung Wohlbehagen hervorruft - dann wird es zur Sucht“, stellt die Diplom-Pädagogin fest. Sie will in der Gruppe mit Betroffenen Wege aus der Sucht erarbeiten.

Frauen neigen zum Kaufen und Horten von Kleidung, Schmuck, Kosmetika. Männer lieben Autoteile, Stereoanlagen, Computer. „Ich kenne Männer, die Elektronikzubehör horten“, sagt Gruve. „Wenn es der 50. USB-Stick sein muss, liegt sicher eine Suchtstruktur vor.“ Viele Betroffene seien sich dessen nicht bewusst; Partner und engste Verwandte sähen häufig eher klar, verdeutlicht die Gruppenleiterin. Abgesehen davon, dass viel Geld ausgegeben werde, sind die Anzeichen im häuslichen Bereich oft nicht mehr geheim zu halten. „Einkaufstüten werden im Schrank versteckt, Kartons von Versandhäusern türmen sich. Sie werden nicht ausgepackt, weil die Betroffenen sich schämen. Sie schleichen tagelang darum herum“, berichtet Gruve.

Genau wie bei anderen Zwängen und Süchten geht das Selbstwertgefühl der so Betroffenen in den Keller. Aber bei der Kaufsucht entsteht ein zusätzlicher Teufelskreis: „Durch das weitere Kaufen schöner Dinge und das Beschenken Nahestehender versuchen Betroffene, Anerkennung zu bekommen und sich ein besseres Selbstwertgefühl zu geben.“

Sehr alltagsnah will die Pädagogin mit den Teilnehmern - Süchtigen und Ex-Süchtigen - in Gruppen- gesprächen Probleme erörtern. „Wenn es heißt, der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür, ist das ganz sicher auch ein Thema.“ Selbstreflexion - Wie sieht mein Alltag aus, bin ich kaufsüchtig, möchte ich mein Verhalten ändern? - sieht Gruve als entscheidenden Weg aus der Sucht. Immer mehr Menschen seien betroffen, hält Gruve fest. „Aber viele können sich das Kaufen nicht leisten. Da rutscht man mit 22 Jahren schnell in die Privatinsolvenz oder auch in die Diebstahlskriminalität.“ Weitere Informationen gibt Gruve unter Telefon (05131) 452888 oder nach einer E-Mail an stefanie.gruve@t-online.de.

Von Ursula Kallenbach

Gruppenraum ist konsumfrei

Ein möglichst konsumfreier Raum, wo kein Geld zu zahlen ist, musste für die Selbsthilfegruppe Kaufsucht gefunden werden. „In einem Café wollte ich deshalb nicht beginnen“, verdeutlicht Diplom-Pädagogin Stefanie Gruve. Sie wird die Gruppe begleiten und leiten. Die 35-Jährige absolviert damit zugleich ein Praktikum für ihre Fachausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. So werden die Teilnehmer 14-tägig in einem großen Gruppenraum in der Gesundheitspraxis von Christina Herder-Küssner in Gailhof zusammenkommen; sie bildet seit 15 Jahren Heilpraktiker für die Psychotherapie aus. Die Psychotherapeutin wird, wenn die Gruppe es wünscht, in Abständen auch fachliche Beiträge einbringen.

Den Raum an der Celler Straße 11 stellt sie kostenfrei zur Verfügung. Infrage komme alternativ auch ein öffentlicher Raum in einem Verein, lässt Gruve offen. Zunehmend habe sie mit Patienten zu tun, die unter Kaufsucht leiden, betont Herder-Küssner. „Ich möchte, dass Patienten nicht anschließend ohne Selbsthilfegruppe dastehen.“ Betroffene und Angehörige sollten dort eine Anlaufstelle finden. In der Region Hannover sind Selbsthilfegruppen zu dieser Sucht rar. Bei Kibis in Hannover finden Interessierte in der Themenliste der Datenbank bisher nur zwei solcher Gruppen, in Ronnenberg und im Raum Rehburg-Loccum.

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