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Als Retter auf Tuchfühlung mit den Kröten

Wennigsen Als Retter auf Tuchfühlung mit den Kröten

Morgens um 8 Uhr in Wennigsen: Unser Mitarbeiter Stephan Hartung hat entlang der Agestorfer Straße nicht nur Christel Brückner begleitet, die täglich Kröten einsammelt und sie damit vor ihrem sicheren Tod bewahrt, sondern auch selbst die Tiere mit eingesammelt.

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Grasfrosch

Quelle: Stephan Hartung

Wennigsen. Eigentlich wollte ich damit nichts mehr zu tun haben. Rückblick in das Ende der 80er-Jahre, siebte Klasse im Gymnasium Langenhagen. Im Biologie-Unterricht steht bei "Öko-Kalle", so der damalige Spitzname des Lehrers, gefühlt sechs Monate nur eins auf dem Stundenplan: Kröten, Molche, Frösche. Hoch und runter, der Lehrer hat bald Ähnlichkeit mit seinem Lieblingsthema. Er kann sogar die Laute der Amphibien imitieren. Und was er nicht kann, liefert eine Schallplatte: Gelbbauchunke, Erdkröte und Laubfrosch - wir Schüler müssen genau zuhören, fließt alles in die Klassenarbeit ein.

30 Jahre später also der nächste Kontakt mit diesen im Kopf längst verdrängten Tieren. Und was damals als Schüler keinen Spaß gemacht hat, sieht man heute als Journalist eben doch in einem anderen Blickwinkel - weil das Engagement von Christel Brückner beeindruckt. Seit dem 22. Februar sammelt sie täglich die Amphibien ein, die sich in den rund 20 Eimern am Fangzaun befinden. Sie bringt sie über die Argestorfer Straße in das große Rückhaltebecken nahe der KGS Wennigsen, allein würde den Tieren bei der Überquerung der Straße der sichere Tod ereilen.

"Mein Mann hilft mir, abends bleibt er im Auto sitzen und leuchtet mir die Straße aus - neulich waren wir sogar noch nach einem Theaterbesuch hier", verrät sie. Und damit nicht genug. Als vor rund fünf Wochen der 300 Meter lange Zaun aufgestellt werden musste, vollbrachten Eckehard und Christel Brückner dies gemeinsam.

Der Aufwand ist enorm, schließlich kennen die Kröten kein Wochenende. Christel Brückner leistet täglich zwei Schichten an der Argestorfer Straße, sie ist jeweils morgens um 8 Uhr und abends um 22 Uhr hier. "Bislang habe ich seit Februar etwa 2000 Tiere gesammelt", schätzt sie. Zwischendurch fährt ein Landwirt auf dem Trecker vorbei und hupt, Brückner winkt zurück. Man kennt sich. Und nachdem es vor zwei Jahren kleine Unstimmigkeiten wegen des von Landwirten aufgebrachten Düngers gegeben hatte, ist das Verhältnis laut Brückner inzwischen sehr gut und rücksichtsvoll.

Dann ist der große Moment gekommen. Nachdem ich zusehe, wie Christel Brückner die Tiere aus den jeweiligen Eimern holt, packe ich selbst mit an. Zuerst aber noch ein Test - wie fühlt sich eigentlich so eine Kröte an? Der Anfängerfehler: Ich drücke zu stark zu, das Tier erschreckt sich und sendet einen Strahl aus - Kröten-Pippi auf den Schuhen, das wollte ich schon immer mal erleben.

Aber jetzt weiß ich immerhin: Die Haut ist kalt und rau. "Vielleicht nehmen Sie doch besser die Handschuhe", sagt Brücker und lacht, sie hat extra für mich ein Paar mitgebracht. Der nächste Versuch also mit Handschuhen an einem anderen Eimer. Ich greife die kleine Kröte, sie fühlt sich offenbar wohl - droht mir aber durch die Finger zu gleiten. "Kein Problem, das ist normal, die sind morgens alle sehr aktiv, zumal es über 10 Grad ist", sagt Brückner. 

Und wie lange macht sie das noch? "Vielleicht ist Ostern die Wanderzeit vorbei. Man merkt erfahrungsgemäß, dass die Anzahl der Tiere sukzessive weniger wird", sagt Brückner, die Mitglied im Wennigser Ortsverin des Naturschutzbundes ist und sich seit fünf Jahren in dieser Form für die Amphibien engagiert. An diese Morgen hat sie 30 Stück gesammelt. "Im nächsten Jahr müssen wir das aber auf mehrere Schultern verteilen. Der Aufwand ist für mich immens", sagt sie. Wenigstens an einem Tag hatte sie nun durch mich eine kleine Hilfe. 

Das ist die Krötenwanderung

Bundesweit sind aktuell wieder unzählige Helfer im Einsatz, um als Einzelkämpfer oder Mitglieder von Vereinen und Verbänden die Kröten zu schützen. In manchen Regionen gibt es sogar spezielle Hinweisschilder, kleine Zäune an den Straßenränder zeugen von den nötigen Hilfsmitteln. Zum ausgeklügelten System gehören auch Eimer entlang der Zäune, in die die Amphibien dann bei der Suche nach der nächsten Wasserstelle plumpsen. Die Helfer nehmen die Kröten, Frösche oder Molche aus den Eimern und tragen sie über die Straße. Apropos: Die Tiere brauchen rund 15 Minuten zur Überquerung einer normal breiten Straße. Selbst wenn sie nicht von einem Auto überfahren werden, droht ihnen der Tod: Der Druck der Windströmung ist bei einem 50 Stundenkilometer schnellen Fahrzeug bereits zu hoch.

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Von Stephan Hartung

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