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Freie Waldorfschule feiert 21. Schuljubiläum

Sorsum Freie Waldorfschule feiert 21. Schuljubiläum

Eine alternative Idee, eine alternative Schulform und auch Jahrestage der ganz besonderen Art. Die Freie Waldorfschule Sorsum wird volljährig: Genau 21 Jahre liegt es zurück, dass der Unterrichtsbetrieb am 7. September 1994 in Schulcontainern in Wennigsen aufgenommen wurde. 

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21 Jahre nach einem Treffen 1994 auf dem
frisch erworbenen Grundstück präsentieren Silvia Feige-Oesker (Zweite v. l.) und Cornelia Weber (r.)
 mit Schülern das Jubiläumsplakat.

Quelle: Ingo Rodriguez

Wennigsen. 21 Jahre: Nach der Waldorfphilosophie und den reformpädagogischen Ansätzen ihres Begründers Rudolf Steiner und seines anthroposophischen Menschenbildes sind das genau drei Jahrsiebte. Aber die Schule feiert auch noch ein Jubiläum: Seit genau 20 Jahren wird auf dem Gelände an der Weetzener Straße in Sorsum unterrichtet. Die Geschäftsführerin Silvia Feige-Oesker und die Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit, Kornelia Weber, über die Anfänge und die Zukunft.

Für eine Schule mit zwölf Jahrgängen sind 21 Jahre eigentlich keine lange Zeit. Trotzdem: ein Umzug, mehrere Neubauten, jedes Jahr mehr Anmeldungen als Plätze, zurzeit 360 Schüler von der ersten bis zur zwölften Klasse, 45 Lehrer. War das zu erwarten?

Feige-Oesker: Für diese Entwicklung war der Umzug auf das eigene Schulgelände existenziell. Wir haben ja mit einer ersten Klasse und einer kombinierten zweiten und dritten Klasse in gelben Containern am Bröhnweg in Wennigsen angefangen. Der Schritt nach Sorsum war entscheidend. Um weiter wachsen zu können, benötigten wir Schulgebäude auf einem eigenen Gelände.

Wie kam es denn überhaupt zu der Idee?

Feige-Oesker: Von der Idee bis zur ersten Unterrichtsstunde sind sieben Jahre vergangen. Am Anfang war die Gehrdener Elterninitiative, die auf Anraten der Gemeinschaft der Waldorfschulen 1991 an der Alten Straße in Gehrden erst einen Kindergarten gegründet hat. Wir wollten zwar gleich mit einer Schule anfangen und die Überläufe der Waldorfschule am Maschsee in Hannover und Bothfeld auffangen. Aber so schnell ging das nicht, denn die Vereinsgründung als Rechtsform für den Schulbetrieb und die Suche nach einem Schulgelände brauchten Zeit. Mit der Elterninitiative, zu der ich damals schon gehörte, und dem Verein wollten wir in Gehrden bleiben und dort das Schulgebäude bauen. Die meisten Eltern und Kinder kamen von dort.

Was hat das verhindert?

Weber: Wir hatten uns von der Stadt schon ein Grundstück an der Langen Feldstraße reservieren lassen. Dort steht heute die Grundschule. Das Gelände war für uns als Verein nicht bezahlbar. Dann wollten wir nach Lemmie, um in der Nähe von Gehrden zu bleiben, dort war es auch zu teuer. Dann kam das Angebot: 30 000 Quadratmeter in Sorsum, nah an Gehrden, nah an der S-Bahn. Im Januar 1994 erfolgte der Grundstückskauf. Beim Kauf und Bau hat die erste Elternschaft über Finanzierungen umgerechnet rund 100 000 Euro investiert - geschenkt! Dank der vielen hilfsbereiten Eltern konnte der Schulbetrieb in Sorsum mit dem Übergangsjahr in den Containern realisiert werden.

Was waren besondere Meilensteine in der Schulentwicklung?

Feige-Oesker: Ein wichtiger Schritt war die Einführung der siebten und achten Klasse zum Schuljahr 1998/1999, damit verbunden der Bau des zweiten Gebäudekomplexes. Dafür wurden alte Container für Asylbewerber aus Barsinghausen entkernt und umgebaut, die stehen bis heute noch. Die nächste Hürde war die Erweiterung für eine Oberstufe. Uns fehlte das Geld, die Bank wollte uns keinen Kredit mehr geben. Aber ohne eine Oberstufe wären wir über kurz oder lang ausgeblutet. Uns fehlte aber eine Sporthalle, ein naturwissenschaftlicher Raum. Wir, eine Gruppe von Eltern und Lehrern, wollten jedoch die Zukunft gestalten. Mithilfe einer Stiftung und unserer Rentenkasse, mit einer Umschuldung und einer neuen Bank sind 2001 das Werkstattgebäude und das Gartenhaus entstanden, Dadurch wurden Klassenräume frei. Im Schuljahr 2000/2001 wurde mit der neunten Klasse die Oberstufe eingeführt. Drei Jahre später haben unsere allerersten Schüler der früheren Kombiklasse ihren Waldorfabschluss gemacht.

Mal abgesehen von pädagogischen Konzepten, Unterrichtsmodellen und Fächern: Warum Waldorfschule? Was sind übergeordnete Vorteile im Vergleich zu Regelschulmodellen?

Weber: Die Kinder haben in der Waldorfschule einfach mehr Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln. Trotz Lehrplan haben wir die Möglichkeit, den Schülern eine Hülle zu geben, um sich selbst und die Persönlichkeit zu stärken. Alle Schüler sind zwölf Jahre bei uns und können dadurch viel besser reifen, der Schulabschluss ergibt sich daraus. Wesentliche Entwicklungsschritte zeigen sich oft erst ab der elften Klasse. Wenn Jugendliche dann nicht mehr in der Schule sind, sondern im Beruf, sind sie oft noch zu wenig erwachsen, zu unreif. Bei uns können sie diese Phase noch geschützt als Reifeprozess erleben. Und: Durch Monatsfeiern, Jahresarbeiten, künstlerisches Gestalten und Theaterspiele lernen die Kinder, sich immer wieder zu präsentieren. Das gibt Selbstsicherheit, Erfolgserlebnisse und Stabilität für das Leben. Das wird durch viele Betriebe im Rahmen von Praktika unserer Schüler immer wieder bestätigt.

Die Schule ist jetzt volljährig im waldorfschen Sinne. Wie geht es weiter? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Feige-Oesker: Wir fühlen uns wohl, aber trotzdem bedauern wir es etwas, dass wir in Sorsum noch nicht so richtig als Teil der Dorfgemeinschaft wahrgenommen werden. Sicherlich haben wir uns in den ersten Jahren zu sehr mit unseren Schulproblemen beschäftig, aber etwa seit dem Jahr 2000 versuchen wir über den Ortsrat mit Aktionen die Bevölkerung auf unser Gelände zu holen. Die jährlichen Basare, Gutscheine für Kaffee und Kuchen gehen an alle Haushalte. Wir möchten keine Parallelgesellschaft sein. Die Dorfbewohner können doch gerne unsere Bibliothek und unsere Mensa besuchen. Theaterspiele und Konzerte sind auch Angebote. Aber nur wenige nutzen die Möglichkeiten. So fühlen wir uns im Ort noch nicht so ganz angekommen. Da spielen sicherlich auch Klischees über Waldorfschulen eine Rolle.

Offenbar fühlen sich sogar einige Dorfbewohner vom Schultrubel gestört. Wird nicht oft über zugeparkte Straßen bei größeren Schulveranstaltungen geschimpft?

Feige-Oesker: Das ist uns bewusst, und wir versuchen seit Jahren, das Problem zu lösen. Wir suchen Zusatzflächen - bei Landwirten, auf Höfen, würden auch bei Veranstaltungen von abgelegeneren Stellen einen Shuttle-Service einrichten. Dafür haben wir sogar einen runden Tisch eingerichtet. Aber bislang haben die Gespräche noch nicht gefruchtet. Wir richten deshalb eine Parküberwachung und Absperrungen ein. Und wir fordern die Eltern auf, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen. Trotzdem: Die Schule hält nicht zu wenig Parkplätze vor. Sonst hätte uns die Bauaufsicht gar nicht den Betrieb genehmigt. Es hat vielleicht auch etwas mit Akzeptanz zu tun. Wenn in Bredenbeck auf dem Hof der Kornbrennerei Veranstaltungen sind, ist regelmäßig das Dorf zugeparkt, und dort beschwert sich niemand.

Weber: Die Menschen sollten bedenken, dass die Waldorfschule viele Vorteile für den Ort und die Kommune bringt. Wir sind ein Wirtschaftsfaktor: Mit öffentlichen Geldern, Schulgeldern und Spenden hat die Schule einen Umsatz von rund 2,5 Millionen Euro pro Jahr. Viele Eltern und Lehrer wohnen wegen der Schule in der Gemeinde, kaufen Grundstücke mieten Wohnungen. Außerdem: Der S-Bahn-Haltepunkt in Lemmie wurde nur wegen der Schule nicht gestrichen. Die Buslinie 522 fährt nur wegen der Schule so häufig. Das wird oft vergessen. Unser Angebot gilt: Kommen Sie auf unser Gelände, es steht Ihnen offen. Nutzen Sie die Spielplätze, wir wollen kein Fremdkörper sein.

Ein Blick in die Zukunft: Wann gibt es in Sorsum Abiturprüfungen?

Feige-Oesker: Das ist nicht geplant. Unsere Kooperation mit der Waldorfschule am Maschsee läuft bestens. Wir bleiben bei zwölf Schuljahren. Dann sind die Schüler bestens vorbereitet und sollen vom Land hinausschwärmen.

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